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Reise

Engel für einen Teufel

Hermann Göring war maßgeblich an den Gräueltaten der Nazis beteiligt. In der Kunst dagegen liebte er es christlich. Bis 1945 sammelte er Heilige, Madonnen und Ritter, wie nun eine Ausstellung in München zeigt.

Ausgerechnet für christliche Kunst hatte Nazi-Größe Hermann Göring eine Vorliebe. Sogar ein Bischofsstab und ein Messgewand gehörten zu seiner mehr als umfangreichen Kunstsammlung, die diesen Namen eigentlich gar nicht verdient, weil ein Großteil davon Opfern des Nationalsozialismus geraubt oder abgepresst wurde.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges brachten die Amerikaner Görings Sammlung, die er in einem Bunker in Berchtesgaden versteckt hatte, nach München. Auf den Anhänger hoben die US-Soldaten damals auch eine Skulptur des Heiligen Georgs zu Pferd aus dem Jahr 1530, wie in der Wochenschau vom 29. Juni 1945 dokumentiert ist. Und diese Skulptur wird derzeit zusammen mit anderen aus der "Sammlung Göring" im Bayerischen Nationalmuseum ausgestellt.

Aufarbeitung nicht erst seit dem Fall Gurlitt

Außenaufnahme des Bayerischen Nationalmuseums Foto: Frank Leonhardt /dpa

Eines der großen kunst- und kulturhistorischen Museen in Europa: Das Bayerische Nationalmuseum

Das Museum möchte sein Nazi-Erbe aufarbeiten. Zwei Jahre lang hat die Kunsthistorikerin Ilse von zur Mühlen 72 Skulpturen aus der Sammlung des Reichsmarschalls auf der Suche nach möglicher Raubkunst unter die Lupe genommen. In Görings Landsitz Carinhall nördlich von Berlin standen nach Museumsangaben einst um die 250 Skulpturen - viele von ihnen wurden zerstört. "Er hatte viele Madonnen und noch mehr Ritterheilige", sagt Museumsreferent Matthias Weniger. Der Heilige Michael ist Teil der Sammlung - ebenso wie die Heilige Agnes, der Heilige Martin oder auch die Heilige Familie.

Das Museum in München verwaltet 434 Objekte, die Göring vor allem in seinem Prunksitz hortete. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fand ein großer Teil den Weg zurück zu den rechtmäßigen Besitzern. Es blieb aber ein Restbestand, deren Verwaltung heute Aufgabe von Bundesrepublik Deutschland und Freistaat Bayern ist. Im Nationalmuseum befinden sich im Wesentlichen Kunstgegenstände, bei denen es sich nicht um Bilder handelt. Denn um die kümmern sich die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die bereits im Jahr 2004 einen Katalog mit 125 Werken aus der ehemaligen Sammlung Göring herausbrachten. Auch die "Sitzende Frau" von Henri Matisse, die dem Fall Cornelius Gurlitt quasi ein Gesicht gab, befand sich einst in Görings Besitz.

Mögliche Ansprüche von Erben prüfen

Stiftergruppe mit Heiligen aus der Sammlung Hermann Göring Foto: Bayerisches Nationalmuseum

Stiftergruppe mit Heiligen aus der "Sammlung Hermann Göring"

Ob die Skulpturen heute noch von großem Wert sind, sei bei der Erforschung nicht maßgeblich, sagt Alfred Grimm, der seit diesem Jahr als Hauptkonservator der Beauftragte des Museums für die Provenienzforschung ist. Nach dem Forschungsprojekt über die Göring-Skulpturen will sich das Museum auch mit der Herkunftsforschung der übrigen Sammlung befassen. Ein entsprechender Antrag liegt noch bei der Arbeitsstelle für Provenienzforschung, die auch schon das Skulpturenprojekt mitfinanziert hat.

Das Ergebnis der Untersuchung: 15 der Skulpturen, die Göring einst in seinem Besitz hatte, werden als "bedenklich" oder "vermutlich belastet" eingestuft, wie das Museum mitteilte. Bei dem Fragment eines Reliefs aus dem 16. Jahrhundert besteht den Einschätzungen zufolge etwa "höchster Recherchebedarf", weil es in der Familie eines Vorbesitzers einen "Euthanasie"-Fall gegeben habe. So nannten die Nationalsozialisten bekanntermaßen die Ermordung behinderter Menschen im Rassenwahn.

Endgültig abgeschlossen, geklärt, ist aber auch dieser Fall nicht. "Es gibt immer diese Lücken", sagt Museumsreferent Weniger. Unterlagen seien unvollständig, Angaben müssten überprüft werden, weil Görings Kunstagenten die wahre Herkunft von Objekten verschleiert hätten. Alle Skulpturen wurden in die spätestens seit dem Fall Gurlitt berühmt gewordene Online-Datenbank Lostart eingestellt, um mögliche rechtmäßige Vorbesitzer ausfindig zu machen.

"Man wird in vielen Fällen nicht weiter kommen", sagt Matthias Weniger. Und die Sammlung Göring ist noch nicht das ganze Nazi-Erbe, das das Museum belastet: Auch 110 Gegenstände aus dem Besitz der NSDAP oder der Parteikanzlei befinden sich heute im Bayerischen Nationalmuseum.

Britta Schultejans (dpa)

UNSER TIPP: Im Rahmen der Aktion "Kunstwerk des Monats November 2014" bietet das Bayerische Nationalmuseum am 9. November eine Kuratorenführung mit Dr. Matthias Weniger.

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