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Wirtschaft

Energiewende braucht Neuorientierung

Der deutschen Energiewende fehlt es an klarer Perspektive, technologischer Flexibilität und europäischer Einbettung. Eine neue Ausrichtung ist dringend notwendig, meint Christian Growitsch.

Christian Growitsch Uni Köln

Der Autor: Christian Growitsch, Universität Köln

Die deutsche Energiewende-Politik ist in ihren Instrumenten kurzfristig angelegt, obwohl sie ein sehr langfristiges Ziel anvisiert. Sie ist national orientiert, obwohl die deutsche Energiewirtschaft in ein weit größeres europäisches Versorgungssystems eingebunden ist. Außerdem ist sie in der Wahl der Mittel zu wenig flexibel. Angesichts der sehr langen Vorlaufzeit bis zur Erreichung der anvisierten Klima- und Energieziele scheint es wenig sinnvoll, sich bei der Förderung der erneuerbaren Energien langfristig auf bestimmte Technologien und Standorte festzulegen.

Die nicht vorhandene Technologieoffenheit und die Beschränkung der Förderung auf Standorte innerhalb der deutschen Grenzen sorgen dafür, dass in den nächsten Jahren erhebliche Kosten auf den Bürger zukommen, die die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft auf dem Weltmarkt bedrohen, und gleichzeitig die noch vorhandene Akzeptanz der Energiewende in der Gesellschaft gefährden könnten.

Renaissance fossiler Energieträger

Ein zentrales Argument für die Förderung der Erneuerbaren Energien ist nach wie vor, dass es schon bald zu einer Verknappung der Vorräte an fossilen Energierohstoffen kommen werde und dass die Preise deshalb kontinuierlich anstiegen. Mit einem Umstieg auf die unbegrenzt zur Verfügung stehenden erneuerbaren Energien würde sich eine nationale Volkswirtschaft wenigstens teilweise von diesem Effekt abkoppeln.

Derzeit erleben wir jedoch genau die entgegengesetzte Entwicklung. Mit der steigenden Nutzung von unkonventionellen Öl- und Gaslagervorkommen ist es zu einer Renaissance der fossilen Energierohstoffe gekommen. Die statischen Reichweiten von Öl- und Gasvorräten haben sich zum Teil mehr als verdoppelt. Und die Steinkohle dürfte auf Jahrzehnte der weltweit führende Energieträger nach dem Erdöl sein. Dagegen werden sich die Kostensituation der erneuerbaren Energien und deren Effizienz kurz- bis mittelfristig nicht so stark verbessern, dass sie auf absehbare Zeit zur ernst zu nehmenden ökonomischen Konkurrenz für die fossilen Energieträger in Deutschland werden könnten.

Europäische Energiepolitik ausbauen

Kritisch ist auch die überwiegend nationale Orientierung der deutschen Energiewende zu sehen. Kurzfristig führt sie schon jetzt zu zunehmenden stromwirtschaftlichen Konflikten mit Nachbarländern, weil die grenzüberschreitende Ableitung deutschen Überschussstroms aus der Erneuerbaren-Erzeugung dort zu unerwünschten und teilweise schwer zu bewältigenden Preis- und Lastflusseffekten führt. Langfristig ist aufgrund der zunehmenden Integration des EU-Binnenmarkts die weitere Europäisierung der Energiepolitik ohnehin unabwendbar, eine nationale Energiepolitik somit weder ökonomisch noch politisch nachhaltig.

Mit einer umfassenden europäischen Energie- und Klimaschutzstrategie könnten dagegen die jeweiligen spezifischen Standortvorteile sowohl zum Ausbau der Erneuerbaren Energien als auch zur Minderung der Treibhausgasemissionen stärker genutzt werden. Die Ziele der deutschen Energiewende werden langfristig nur dann kosteneffizient erreicht werden können, wenn die dahinter stehende Politik Bestandteil einer umfassenderen europäischen Strategie wird. Voraussetzung hierfür ist aber, dass ein flexibles gesamteuropäisches Gesamtkonzept mit ausgewogenen quantitativen Zielen formuliert wird, das mindestens bis 2030 reicht und den Ansprüchen des energiepolitischen Zieldreiecks gerecht wird.

Neue Regeln für den Strommarkt

In der Übergangszeit bis zu einer gesamteuropäischen Strategie muss die deutsche Energiewende-Politik ihren Maßnahmenkatalog überprüfen und stärker auf Kosteneffizienz bei der Förderung der Erneuerbaren Energien ausrichten. Standortwettbewerb, Technologiewettbewerb und Marktintegration sind dabei die wichtigsten Eckpfeiler, um die Förderkosten, die sowohl aus industriestandortpolitischer als auch aus verteilungspolitischer Sicht inzwischen eine kritische Höhe erreicht haben, wieder in den Griff zu bekommen.

Zugleich müssen die Regeln für den deutschen Strommarkt kurzfristig und umfassend verändert werden. Denn die aktuelle Marktorganisation verursacht Ineffizienzen, gefährdet die regionale Versorgungssicherheit und verzerrt den kontinentaleuropäischen Strommarkt. Die jetzt notwendigen Anpassungen müssen indes immer mit Blick auf einen gesamteuropäischen Rahmen vorgenommen werden, damit ein störungsfreier Übergang möglich ist. Nur dann kann die Energiewende in Deutschland und Europa gelingen.

Dr. Christian Growitsch ist Direktor für Anwendungsforschung und Mitglied der Geschäftsleitung des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI).