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Amerika

Energiekrise in Venezuela

In Venezuela wird der Strom täglich für mehrere Stunden abgeschaltet, die Trinkwasserversorgung ist ebenfalls eingeschränkt.

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Trotz Ölförderung kann das Land nicht genug Strom produzieren

Die Uhr schlägt 12.00. Pünktlich auf die Minute gehen die Lichter aus. Der Fernseher schaltet auf Schwarz. Gladys Jofré ist nicht überrascht. Stromausfälle sind in Cariaco, einer kleinen Stadt im Bundestaat Sucre im Osten Venezuelas, zum Alltag geworden. "Der Strom wird bei uns seit anderthalb Monaten rationiert. Jeden zweiten Tag wird er abgeschaltet für durchschnittlich drei Stunden“, sagt die pensionierte Lehrerin.

Gladys Jofre vor Kühlschrank

Gladys Jofré hat sich mit den täglichen Stromausfällen arrangiert

Auch die Pumpen in dem Stausee, aus dem Cariaco sein Wasser bezieht, werden elektrisch betrieben. Wenn der Strom ausfällt, fließt kein Tropfen Wasser mehr in Gladys Haus. "Das ist dann wie ein verlorener Tag, an dem alle Aktivitäten stillstehen.“

Landesweite Stromrationierung

Was Gladys in ihrem Provinzstädtchen erlebt, betrifft alle Venezolaner. Präsident Hugo Chávez hat den Strom im ganzen Land rationiert – für Privathaushalte wie für Industriebetriebe. Je nach Ort wird der Strom täglich für drei bis sieben Stunden abgeschaltet. Von den Stromsperren verschont worden ist bisher nur die 6-Millionen-Metropole Caracas. Trinkwasser kommt hier aber auch nur noch an sechs von sieben Tagen in der Woche an. Ana Sánchez wohnt in einem Mittelklasseviertel der venezolanischen Hauptstadt. "In Caracas werden die Wasserrationierungen nach Zone eingeteilt. Da wo ich wohne, kommt jeden Montag kein Wasser“, erläutert Ana Sánchez.

Ana Sanchez neben Wassertank

Montags kommt bei Ana Sánchez oft kein Wasser aus der Leitung

Von der Regierung haben sie nichts zu erwarten – also versuchen sich die Menschen selbst zu helfen. "Unsere Hausgemeinschaft hat einen eigenen Tank. Meistens wird der abends um acht für eine Stunde angeschaltet“, berichet Ana. "Ich wohne leider im 12. Stock, bis hier hinauf schafft es das Wasser dann oft nicht.“

Klimawandel als Sündenbock

Der linkspopulistische Staatschef Chávez schiebt "El Niño“ den Schwarzen Peter zu: Das Klimaphänomen habe eine Dürreperiode in Venezuela verursacht. Der Stausee Guri im Südosten des Landes, aus dem momentan 80 Prozent des nationalen Strombedarfs gedeckt werden, sei deswegen überlastet, meint Chávez.

José Manuel Aller, Spezialist für Energietechnik an der Universität Simón Bolívar in Caracas, hält diese Argumentation für vorgeschoben. Schuld sei nicht El Niño, sagt der Professor. "Der Stausee Guri hat genügend Wasser für drei Dürrejahre. Das Problem ist, dass die Regierung keine neuen Kraftwerke gebaut hat. Angekündigte Investitionen sind ausgeblieben oder waren nicht effizient, und nun wird das Kraftwerk in Guri überfordert.“

Jose Manuel Aller

Energieexperte José Manuel Aller sieht die Verantwortung für die Stromkrise bei der Regierung

Kubanische Verhältnisse

Statt die Fehler einzugestehen, übt sich die Regierung Chávez in Aktionismus. Diese Woche hat sie sogar die Osterferien um drei Tage verlängert – angeblich um so den Stromverbrauch reduzieren. Diese Maßnahmen brächten aber nicht viel, warnt Experte Aller: "Die Rationierung hilft nicht, Strom zu sparen. Stattdessen verlagert sich der Verbrauch auf die Stunden, in denen der Strom läuft.“

Immer mehr Venezolaner wie Gladys Jofré fühlen sich an die Lebensumstände auf Kuba erinnert. Und sie meinen das nicht als Kompliment für den Fidel-Castro-Verehrer Chávez. "Dort gibt es täglich zehn Stunden lang keinen Strom. Bei uns sind es erst drei Stunden, aber ich fühle mich schon wie auf Kuba, denn bisher waren wir das einfach nicht gewohnt“, sagt Jofré.

Schlechte Aussichten

Das Schlimmste an der Energiekrise: Ein schnelles Ende ist nicht in Sicht. Gladys Jofré und Ana Sánchez und mit ihnen Millionen weiterer Venezolaner müssen sich 2011 auf noch mehr Stromausfälle einstellen, sagt Professor Aller. "Dieses Jahr war noch nicht das schlimmste. Die Krise wird sich nächstes Jahr noch verstärken, denn die von der Regierung versprochenen Investitionen werden bis dahin noch nicht umgesetzt sein.“

In einem europäischen Land wären die Bürger möglicherweise schon auf die Barrikaden gegangen, die Venezolaner üben sich derweil in der Geduld. "Man überlebt, indem man sich dran gewöhnt“, sagt Ana Sánchez.

Autor: Thomas Wagner
Redaktion: Mirjam Gehrke