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Wirtschaft

Energiekonzerne vor ungewisser Zukunft

Deutschland will schneller aus der Kernkraft aussteigen als bis vor kurzem geplant. Unklar ist, was der Ausstieg kostet. Sicher ist: Die Atomlobby wird Verluste nicht einfach hinnehmen.

Fahnen von Atomkraftgegnern wehen vor der Kuppel des Bundestages (Foto: dpa)

Die Katastrophe in Japan hat Atomkraftgegnern neue Unterstützung gebracht

"Wir können und wir dürfen nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", sagte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag (17.03.2011) im Rahmen ihrer Regierungserklärung als Reaktion auf das Atomunglück in Japan. Aus diesem Grund werde die Bundesregierung "die erst kürzlich beschlossene Laufzeitverlängerung der deutschen Kernkraftwerke aussetzen". Ein Moratorium, das für drei Monate gelten wird. Zunächst.

Atomindustrie verliert an Einfluss

AKW Neckarwestheim Block I und Block II (Foto: dpa)

Bereits abgeschaltet: Neckarwestheim I (Bild links) und Philippsburg I

Das bedeutet für die sieben ältesten Atomkraftwerke, die bislang nur aufgrund der Laufzeitverlängerung noch nicht ganz stillgelegt wurden: Sie werden fürs erste abgeschaltet. Es war eine überraschende Entscheidung der Bundesregierung - die sie im Alleingang traf. Bislang wurde die deutsche Atomindustrie bei wichtigen Entscheidungen zur Atomenergie immer von der Politik mit einbezogen und konnte dementsprechend Einfluss nehmen. Angesichts der Atom-Katastrophe in Japan lief es diesmal ganz anders. Dabei dürften RWE, Eon, EnBW und Vattenfall als Betreiber der 17 deutschen Atomkraftwerke die Entscheidung deutlich zu spüren bekommen. Ein Viertel des von RWE produzierten Stroms kommt aus Atomkraftwerken. Bei Eon ist es sogar die Hälfte.

Wage Prognosen

Wie hoch genau die Auswirkungen auf die Umsätze der Unternehmen sein werden, ist noch nicht klar. Eon will sich auf Nachfrage dazu nicht äußern, gibt aber über Agenturen an, an der bisherigen Gewinnprognose festzuhalten. Das wäre ein bereinigter Konzernüberschuss von bis zu vier Milliarden Euro. Der Essener Konkurrent RWE steuert auf ein Nettoergebnis von rund 2,6 Milliarden Euro zu. Wolfgang Pfaffenberger, Professor an der Jacobs Universität in Bremen, glaubt, dass den Unternehmen für die Zeit des Moratoriums 200 bis 300 Millionen Euro Gewinn entgehen könnten - vor Abzug der Steuern. "Auf der anderen Seite", sagt Pfaffenberger, "wenn ich andere Kraftwerke zur Verfügung habe, die ich einsetzen kann, dann wird sich das zum Teil wieder ausgleichen."

Scheinwerfer beleuchten im Kernkraftwerk Gundremmingen (Bayern) den offenen Reaktor (Foto: dpa)

Atomkraftwerke wie das AKW Gundremmingen gelten als abgeschrieben und bringen hohe Gewinne

Nicht nur Atomkraftwerke, sondern auch Kohle- und Gaskraftwerke sind in der Hand der vier großen Energiekonzerne. Vor allem Eon mit seiner schwächelnden Tochter Ruhrgas könnte davon profitieren. Zudem wurden in den vergangenen Jahren die Kohle- und Gaskraftwerke nicht mehr voll ausgelastet, weil immer mehr Energie durch Wind oder Sonne zur Verfügung stand, heißt es vom Verband der Energie- und Wasserwirtschaft. Es gibt also Kapazitäten, den wegfallenden Atomstrom zu ersetzten.

Umwelt und Konsumenten zahlen

Mehr Strom aus Gas oder Kohle bedeute aber auch, dass man mehr CO2- Rechte brauche als man bisher eingeplant habe, sagt Pfaffenberger. Und dadurch könnte der Preis für CO2-Zertifikate, der zurzeit bei rund 15 Euro pro Tonne liege, ansteigen. Wenn die Energiekonzerne solch höhere Kosten überwälzen, könnte auch der Strompreis ansteigen. Wie der sich durch einen Ausstieg aus der Atomkraft allerdings verändert, darüber sind sich Experten noch uneinig.

Johannes Teyssen, Vorstandsvorsitzender des Energieunternehmens Eon (Foto: AP)

Eon-Chef Johannes Teyssen auf Konfrontationskurs

Im Ergebnis aber werden die Atomstromproduzenten eine gute Einnahmequelle verlieren. Denn die Atomkraftwerke gelten als abgeschrieben und verschaffen den Energiekonzernen Gewinne in Milliardenhöhe und das trotz Brennelementesteuer und Beiträgen zum Öko-Energie-Fonds. Und zwar etwa eine Million Euro Gewinn pro Tag, schätzt Lutz Mez vom Forschungszentrum für Umweltpolitik der Freien Universität Berlin.

So wundert es auch nicht, dass RWE-Chef Jürgen Großman die Entscheidung der Bundesregierung zwar akzeptiert, aber die Atomkraft immer noch für sicher hält: "Ich habe mir diese Frage intensiv gestellt und ich mache sie mir nicht leicht. Ich glaube, dass wir die Kernkraftwerke in Deutschland weiter betreiben können." Noch im Herbst hatte die Bundesregierung den Atomreaktor-Betreibern Laufzeitverlängerungen von bis zu 14 Jahren zugestanden. Großmann hält die Verlängerungen für richtig.

Betreiber gehen auf Konfrontation

Und so behält sich RWE vor zu überprüfen, ob das Moratorium überhaupt rechtens ist. Und auch Eon prüft nach Zeitungsberichten, gegen das Moratorium zu klagen.

Während auf politischer Ebene und in der Industrie über die Zukunft der Atomkraft in Deutschland diskutiert wird, schafft so mancher Bürger bereits Tatsachen. So erleben die deutschen Anbieter von Ökostrom einen Ansturm von Neukunden. Der Marktführer Lichtblick aus Hamburg gibt an, dass zurzeit statt der üblichen 300 Neuverträge pro Tag dreimal so viel abgeschlossen würden.

Autor: Insa Wrede
Redaktion: Jutta Wasserrab

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