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Kultur

Endstation Sehnsucht in Afrika

Rupert, 29, Kapitän aus Trier. Montserrat, 33, Fotografin aus Madrid. Albert, 38, Musiker aus Turin: Sie alle suchen Pateneltern in Afrika. Warum? Und hat ihre Sehnsucht etwas mit dem realen Afrika zu tun?

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Neue Heimat für einsame Europäer gesucht

Der "edle Wilde" ist ein Klischee. "Den Begriff hat Jean-Jaques Rousseau im 18. Jahrhundert geprägt", sagt Afrikawissenschaftlerin Flora Veit-Wild. " Der 'edle Wilde' ist anders als wir. Unberührt und unverstellt." Ganz im Gegensatz zur westlichen Industriegesellschaft: Sie ist menschenfeindlich, zerstörerisch, eng. Die Flucht nach Afrika verspricht Abwechslung vom ewig gleichen Trott, Freiheit und ein Leben inmitten von exotischen Pflanzen und Tieren.

Adoptivkinder der Überflussgesellschaft

"Was Europäer in Afrika glauben zu finden, ist unverbrauchte, intensive Lebenskraft", erklärt Veit-Wild, "eine Befreiung ihres eingezwängten Körpers sowie Stimme, Musik und Gesang." In diesem Sinne vermittelt die Berliner Künstlerin Gudrun Widlok Europäer an afrikanische Patenfamilien.

"Bei meinem Projekt 'adopted' geht es darum, dass jemand, der sich irgendwie nach einem Nest sehnt, in dieser Welt eine Familie hat." Die Idee zu "adopted" kam ihr vor mehr als sieben Jahren, als sie in ihrem Briefkasten eine Postwurfsendung fand: Pateneltern wurden damals gesucht für Kinder aus Afrika.

Kunstprojekt ADOPTED von Gudrun f. Widlok, einsame Europäer suchen die Geborgenheit einer Familie in der Dritten Welt wie in Afrika

Gudrun Widlok mit Fotos der Bewerber und Patenfamilien

Widlok klebte ein Foto von sich zwischen die Kinderbilder - und blickte in das blasse, ausgepowerte Gesicht einer typisch europäischen Großstadtbewohnerin. Ob so eine Patenschaft wohl auch anders herum funktioniert, fragte sie sich.

Die "Patenkinder" aus Europa brauchen zwar keine materielle Zuwendung, dafür aber ein bisschen Liebe und Geborgenheit. "Die meisten Afrikaner konnten sich gar nicht vorstellen, dass es bei uns so viele Single-Haushalte gibt", erinnert sich Widlok an ihre erste Präsentation potentieller "Patenkinder" in Burkina Faso. Was als Kunstprojekt begann, hat inzwischen sehr reale Formen angenommen. Widlok hat über 100 Bewerber aus Deutschland, Spanien, Frankreich, den Niederlanden, Finnland und Polen in ihrer Kartei. Mehr als 30 haben bereits Pateneltern in Afrika gefunden.

Nur die halbe Wahrheit

"Weg vom Stress und vom Alltag - das ist die Motivation, warum sich viele Europäer mit Afrika beschäftigen", sagt Veit-Wild. "Aber das ist ein verzerrtes, romantisches Bild." Und eines, das sich gefährlich nahe am Rassismus bewegt. Der 'edle Wilde' hat mitnichten etwas mit dem real existierenden Afrika zu tun, sondern bedient lediglich alteingesessene Vorurteile: Afrika ist folkloristisch, Afrika ist unbekümmert, Afrika ist - wenn es drastischer kommt - (sexuell) hemmungslos.

Deutschlands Bundeszentrale für politische Bildung kritisiert in diesem Zusammenhang unter anderem die Sportberichterstattung europäischer Medien: Farbige Sportlerinnen und Sportler würden als "stets lächelnd und gut gelaunt" dargestellt

Carl Lewis

, einem "Stereotyp der Kindlichkeit und Unreife". Fast immer, wenn von "schwarzer Gazelle", "farbigem Kubaner" und "dunkelhäutigen Gegnern" die Rede sei, werde die "pralle Vitalität" mit der Abwesenheit von "Geist" kombiniert.

Auch die Schulbücher vermitteln meist ein veraltetes Bild in klassischer Schwarz-Weiß-Malerei: Folkloristisches Tamtam hier, Armut und Elend dort. Dazwischen nichts. Dabei geht es um 500 Millionen Menschen, die sich mit den Folgen von Industrialisierung, Verstädterung, ökologischer Zerstörung und der allgegenwärtigen Seuche AIDS auseinandersetzen müssen. Und allzu leicht wird außer Acht gelassen, dass Afrika Wesentliches zur Kulturgeschichte der Menschheit beigetragen hat: Es waren Afrikaner, die den ersten Kunststoff der Welt - die Keramik - und den Gelbguss - das einzige bekannte Direktverfahren zur Herstellung von Stahl - erfunden haben. Die ältesten Überreste des modernen Menschen überhaupt haben Forscher in Äthiopien gefunden. Die Liste ließe sich fortsetzen.

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