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Amerika

Endstation DomRep

Mehr als eine halbe Million Haitianer leben in der Dominikanischen Republik. Dort arbeiten sie auf Plantagen und ernten Bananen und Zuckerrohr zu Billiglöhnen, während sie von einer besseren Zukunft träumen.

Menschen an der Grenze (Foto: Deselaers)

Auf der einen Seite gibt es Arbeit, auf der anderen nichts

Am Samstagnachmittag ist die Arbeit auf den Plantagen in Cerro Gordo im Nordosten der Dominikanischen Republik getan. Ein alter Traktor bringt die Arbeiter zurück in die Bateyes - die Siedlungen der Haitianer, die auf den riesigen Fincas in der Dominikanischen Republik arbeiten. Bis zum Horizont erstrecken sich die Felder mit Aloe Vera und Wassermelonen, die Bananen-Wälder und Zuckerrohr-Plantagen.

Wilber (Foto: Deselaers)

Wilber arbeitet seit acht Jahren in der Dominikanischen Republik

Wilber setzt sich erschöpft in den Schatten vor seiner Hütte und klopft den Dreck von seiner Hose. Der Haitianer lebt hier mit seiner Frau in einer ärmlichen Hütte: vier Holzwände, ein Dach aus Wellblech. Sechs weitere Baracken stehen am Ende der Staubstraße. Strom und fließendes Wasser gibt es in der Siedlung nicht. Schulen für die Kinder auch nicht, aber es gibt Arbeit: Von den 1300 Arbeitern auf der benachbarten Finca kommen 800 – so wie Wilber – aus Haiti.

"Wir können arbeiten wie die Tiere"

"Wir Haitianer können anpacken, wir arbeiten wie Tiere", sagt Wilber. In der Dominikanischen Republik gehe es den Haitianern ein wenig besser als im Heimatland. "Aber vielleicht können wir irgendwann mal wieder zurückgehen, wenn es eine bessere Regierung gibt", so hofft er.

Mensch vor Hütte (Foto: Deselaers)

Leben in Bateyes ohne Strom und Wasser

Haiti und die Dominikanische Republik teilen sich die Karibikinsel Hispaniola, das gleiche Klima, der gleiche Boden. Aber in Haiti gibt es keine nennenswerte Agrarindustrie. Es fehlen Bewässerungssysteme und Straßen. Deswegen sind in den vergangenen zwanzig Jahren viele Haitianer ins Nachbarland gegangen, um dort auf den Plantagen zu arbeiten. Insgesamt leben deutlich mehr als eine halbe Million Haitianer in der Dominikanischen Republik. Manche Schätzungen gehen von bis zu einer Million Migranten aus.

Die größte Gefahr: Korrupte Soldaten

"Das sind Menschen, die hierher gekommen sind, um zu arbeiten, um ein besseres Leben zu haben", sagt Jhonny Rivas, der Vertreter des Migrantenvereins ASOMILIN (Asociaciones Solidarias de Obreros Migrantes de la Línea Noroeste). Mit Hilfe einer katholischen Menschenrechtsorganisation haben sich die Migranten organisiert, um für faire Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Denn bei 200 Pesos (rund 4 Euro) Lohn am Tag seien die Chancen auf ein besseres Leben für die Haitianer gering. Einige der Arbeiter seien seit 20 Jahren in der Dominikanischen Republik, aber sie hätten nichts, sagt er: Keine Aufenthaltserlaubnis vom Staat, kein Erspartes, keine Tiere: "Das Geld reicht nicht einmal für ein billiges Fahrrad."

Der Grenzfluss Rio Masacre trennt Haiti von der Dominikanischen Republik (Foto: Deselaers)

Der Grenzfluss Rio Masacre trennt Haiti von der Dominikanischen Republik

Wilber zum Besipiel lebt seit acht Jahren in der Dominikanischen Republik. Das wenige Geld, das er verdient, versucht er an seine Verwandten in Haiti zu überweisen. Eine Aufenthaltserlaubnis hat er - wie fast alle Arbeiter - nicht, deswegen muss er aufpassen, wenn er nicht in seiner Siedlung oder auf der Plantage ist. "Die Soldaten dürfen dich nie erwischen. Wenn die dich sehen, dann knöpfen sie dir alles ab. Egal ob Geld oder Früchte", sagt er mit zitternder Stimme. "Und wenn du im Bus unterwegs bist, schmeißen sie dich raus und schicken dich in die Hügel."

Für Haitianer 12-facher Preis im Sammeltaxi

Zwischen der Region, in der Wilber auf der Plantage arbeitet und der Grenzstadt Dajabón gibt es an einigen Tagen bis zu 18 Kontrollposten – von der Polizei, vom Militär, von den Drogenbehörden oder von CESFRONT (Cuerpo Especializado de Seguridad Fronteriza), der Spezialeinheit des Militärs, die die Grenze sichern soll.

Padre Regino Martínez (Foto: Deselaers)

Padre Regino Martínez vertritt haitianische Gastarbeiter vor Gericht

In einem Sammeltaxi kostet die Strecke 120 Pesos, umgerechnet etwa vier Euro. Für die Haitianer kostet die Reise umgerechnet aber fast 50 Euro, weil jeder Posten bestochen werden muss. Damit machen die Militärs an der Grenze ein großes Geschäft, sagt der Leiter der Menschenrechtsorganisation Solidaridad Fronteriza, Pater Regino Martinez: "Das ist alles organisiert. Zwischen den haitianischen und dominikanischen Schleppern und dem Militär gibt es eine Koordination." Die Posten seien von unterschiedlichen Behörden, trotzdem kämen sowohl Menschen als auch Güter und Drogen durch die Posten. "Wenn Schmuggelware, Drogen oder Menschen ohne Papiere an mehr als drei Militärposten vorbei kommen, dann doch nur, weil ein hochrangiger Offizier das unterstützt."

Acht Prozent des BIP wird von Migranten produziert

Und von der Politik gebe es keine Bereitschaft, die Situation der Migranten zu legalisieren, weil man sich damit die billige Arbeitskraft erhalten wolle. Martinez schätzt, dass acht Prozent des dominikanischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) in Höhe von 54 Milliarden Euro von den haitianischen Arbeitern erwirtschaftet werden. Die Regierung, sagt Martinez, sei verlogen: "Die illegalen Einwanderer werden gebraucht. Sie werden zurückgewiesen, verstoßen, aber sie werden gebraucht, um sie auszubeuten." Seit ein paar Jahren arbeiten die Haitianer in der Dominikanischen Republik nicht mehr ausschließlich auf den Plantagen, auch auf Baustellen oder in Industriefabriken werden billige Arbeitskräfte gesucht.

Autor: Peter Deselaers

Redaktion: Anne Herrberg