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Europa

Endstation Ärmelkanal

Nie war der Flüchtlingsansturm auf die nordfranzösische Hafenstadt Calais so groß. Nur 30 Kilometer sind es von hier bis nach Großbritannien - dem Ziel vieler Flüchtlinge. Die Lage in Calais wird immer dramatischer.

Es ist eine Szene wie aus einem Actionfilm. Kurz nach der Autobahnausfahrt Calais springt eine Gruppe junger Männer auf einen Laster der zur Fähre rollt. "Wer es nicht hineinschafft, verschließt draußen wieder die Tür, damit keiner etwas merkt", erklärt ein LKW-Fahrer aus Osteuropa. Dutzende Mal habe er solche Szenen hier vor der Auffahrt zur Fähre nach Großbritannien beobachtet. "Wir LKW-Fahrer haben am Ende die Probleme, vor allem mit den britischen Zöllnern. Wir müssen hohe Strafen bezahlen, wenn sie dort einen bei uns finden. Und die französische Polizei macht gar nichts."

Anreise durch die Hölle

Viele Flüchtlinge stehen an einem hohen Zaun. Davor ein Wachmann. (Foto: AFP/Getty Images/Denis Charlet)

Flüchtlingsansturm: Die Polizei hat Mühe, der Lage Herr zu werden

Genauer gesagt ist die französische Polizei überlastet. Allein in diesem Jahr registrierte die Polizei 8000 Vorfälle, vier mal so viel wie im gesamten vergangen Jahr. Die Behörden gehen von 1500 Flüchtlingen aus, die immer wieder versuchen auf die Fähre nach Großbritannien zu gelangen. Unter ihnen ist auch ein junger Mann aus dem Jemen, der bei seinem letzten Versuch von einem Spürhund gefunden wurde.

Wir haben doch schon genug mitgemacht, sagt er auf arabisch. "Auf der Fahrt über das Mittelmeer hatten wir kein Essen und kein Wasser mehr. Wir sind durch die Hölle gegangen." Das schlimmste sei die Reise durch Libyen gewesen. "Dort gibt es Krieg, Schießereien, Tötungen, Milizen, Folter, Banden. Es ist alles jenseits der Normalität. Man kann sich das kaum vorstellen", erzählt er. Nicht einmal jetzt fühle er sich sicher.

Nur eine Mahlzeit am Tag

Wer das ganze Ausmaß der Flüchtlingskatastrophe von Calais sehen möchte, folgt der Einladung einer privaten Hilfsorganisation, die jeden Abend rund 700 Flüchtlinge verköstigt. "Keine Fotos", ruft ein Afrikaner in gebrochenem Englisch. Dann lässt er eine kleine Flasche Hustensaft unter den Männern umhergehen. Jeder nimmt einen kleinen Schluck der billigen Droge. Fleischbrei, altbackenes Brot und eine halbe Ananas stehen heute auf dem Speiseplan.

Eine Mahlzeit pro Tag, viel mehr Hilfe gibt es in Calais nicht, seit vor zwölf Jahren das feste Hilfslager des Roten Kreuzes von der französischen Regierung aufgelöst wurde. "Der Staat oder die Stadt muss den Menschen doch Gebäude zur Verfügung stellen, wo die Leute wohnen können und mal duschen. So ist es einfach nur schrecklich", sagt Claire Millot von der Hilfsorganisation "Salam".

Der "Dschungel von Calais"

Flüchtlinge sitzen draußen auf dem Boden (Foto: AFP/Getty Images/Philippe Huguen)

Flüchtlinge in Calais: Hoffen auf ein besseres Leben in Großbritannien

Doch die Stadt Calais fürchtet, dass feste Unterkünfte nur noch mehr Flüchtlinge anziehen. Deshalb verweigert Frankreich den Migranten seit Jahren jede Hilfe. Wenn der stellvertretende Bürgermeister von Calais Philippe Mignonet über das Flüchtlingsproblem spricht schwingt viel Resignation mit. "Calais ist doch keine Migrantenstadt, kein Kriegsgebiet. Seit 15 Jahren haben wir ganz allein mit diesem Problem zu kämpfen. Ganz Europa kritisiert uns, aber es ist immer einfacher zu sagen macht dies macht jenes. Sehr gut, dann macht ihr doch mal was!"

Immer wieder hat die Stadt die illegalen Siedlungen in den Dünen rund um Calais, den sogenannten "Dschungel von Calais" räumen lassen. Die Zelte und Hütten wurden beseitigt, das Problem aber nicht. Europa müsste seine Asylpolitik grundlegend verändern, fordert der stellvertretende Bürgermeister. Das Kernproblem dabei ist, dass Flüchtlinge derzeit ihren Asylantrag in dem Land stellen müssen, das sie zuerst betreten. Weil aber viele gar nicht nach Italien, Bulgarien oder Zypern wollen, reisen sie einfach illegal weiter. Im Europa ohne Grenzen ist das gut möglich, zumindest bis sie in Calais auf das Ende des sogenannten Schengen-Raums treffen, dem Verbund von 26 EU-Ländern die untereinander auf Grenzkontrollen verzichten.

15 Millionen Euro extra für mehr Sicherheit

Für Jean-Marc Puissesseau, den Hafenmeister von Calais, ist es daher nur gerecht, dass Großbritannien sich in den nächsten drei Jahren mit jährlich fünf Millionen Euro an der Verbesserung der Hafensicherheit beteiligen wird. "Sie sind doch Schuld, dass wir all diese Probleme haben. Großbritannien will doch, dass wir hier so genau kontrollieren. 200 Personen arbeiten rund um die Uhr nur für die Sicherheit", erklärt er. Sogar den Einsatz der französischen Armee würde er begrüßen, denn die Lage sei so angespannt wie noch nie.

Rund 200 Flüchtlinge hätten zuletzt sogar versucht, den Hafen zu stürmen. Bislang bezahlt Großbritannien nur die eigenen Kontrollen in Calais. CO2-Melder analysieren die Luft im Laderaum der LKW und Spezialmikrofone horchen nach dem Herzschlag von blinden Passagieren. Je besser die Kontrollen werden, umso größer wird die Frustration bei den Flüchtlingen.

Der Mythos Großbritannien hat Risse

Ein Mann versucht heimlich, in das Führerhaus eines LKW zu klettern (Foto: AFP/Getty Images/Denis Charlet)

Der Versuch, sich heimlich in einen LKW zu schleichen

So wie bei dem Sudanesen Abdul Hamid, der schon 50 mal gescheitert ist. Er hockt vor einem kleinen Zelt in einem Industriegebiet von Calais. Noch duldet die Stadt die 300 Menschen die hier auf einem Fabrikgelände leben. Der Geruch von Fäkalien liegt schwer in der Luft. "Sehen sie wie die Leute da drüben kochen. Das Gemüse haben sie aus dem Müll gefischt", erklärt einer seiner Freunde. Natürlich würden sie auch in Frankreich bleiben, sagen die Männer. Aber sie haben Angst, am Ende des offiziellen Weges doch abgeschoben zu werden.

In Großbritannien dagegen würden ihnen Verwandte helfen, illegal Fuß zu fassen. Weil es keine Ausweispflicht gibt, könne man dort auch besser untertauchen. Der Mythos vom reichen Großbritannien, dem sie einst folgten, hat aber Risse bekommen. "So habe ich mir das nicht vorgestellt", sagt Abdul Hamid. "Ich dachte Europa ist das Paradies. Hier kann ich in Sicherheit leben. Jetzt grübele ich jeden Tag, ob es ein Fehler war überhaupt zu gehen?"

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