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Kultur

Ende einer Dienstfahrt?

Nicht nur die deutschen Radsport-Freaks sind geschockt: Jan Ullrich, der erste Deutsche, der 1997 die legendäre Tour de France gewann, ist positiv auf Doping getestet worden.

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Bessere Zeiten:
Jan Ullrich bei der Tour de France

Damit dürfte der Stern eines großen Hoffnungsträgers des deutschen Sports vom Himmel stürzen. Denn es ist nicht die erste Verfehlung Ullrichs in den letzten Monaten, in denen sein Knie den Anstrengungen der letzten zehn Jahre nicht mehr standhielt. Anfang Mai versuchte Ullrich seinen Frust mit Alkohol zu verdrängen. Dabei verursachte er einen Autounfall und beging auch noch Fahrerflucht.

Entlassung droht

Nun hat sein Arbeitgeber, das Team Deutsche Telekom, erste Konsequenzen gezogen. Ullrich wurde vorläufig beurlaubt. Wenn sich die Doping-Verdachtsmomente, die momentan nur auf der A-Analyse beruhen, in der B-Analyse bestätigen, wird die Deutsche Telekom den nächsten Schritt vollziehen und Ullrich entlassen müssen. So sieht es der Vertrag vor. Das wäre dann das Ende einer Dienstfahrt.

Medizinischer Irrtum unwahrscheinlich

Was hat Ullrich in diese Situation getrieben? Vorerst ist er untergetaucht und gibt selber keine Auskunft. Versuche, einen medizinischen Irrtum für das Aufspüren des doping-verbotenen Wirkstoffs Amphetamin in Ullrichs Urin verantwortlich zu machen und Ullrich damit noch eine Fluchttür zu öffnen, scheinen gescheitert zu sein. Zu der Zeit, da er Mitte Juni in eine unangemeldete Anti-Doping-Kontrolle geriet, befand sich Ullrich in einer Rehabilitationsklinik in Bayern. Es hätte ja sein können, dass ihm dort Medikamente verabreicht worden seien, die auf der Dopingverbotsliste stehen. Doch der Ärztliche Direktor der Klinik, ein erfahrener und angesehener Sportmediziner, wies jede Vermutung dieser Art postwendend zurück. Eben weil es sich um einen sehr sensiblen Patienten handelte, habe man mit äußerster Vorsicht therapiert.

Amphetamine im Radsport

Umso unverständlicher ist, dass der Wirkstoff Amphetamin bei Ullrich analysiert wurde. Tatsächlich waren Radsportler für Amphetamine bis in die Mitte der 80er Jahr sehr empfänglich, wenn es galt, vor und während eines Rennens mit Aufputschmittel die Beine schneller zu machen. Inzwischen aber gehören Amphetamine im Radsport in die Klamottenkiste, da sie eine viel zu schnelle und rückwirkende Nachweisbarkeit haben und längst durch intensiver und versteckter wirkende Substanzen abgelöst wurden. Zudem steckte Ullrich überhaupt nicht in einer Wettkampfphase. Sein letztes Rennen bestritt er vor seiner chronischen Knieverletzung im Januar. Schon frühzeitig hatte er den Start bei der Tour de France, die am Samstag in Luxemburg beginnen wird, abgesagt.

Tiefer Fall

Noch ist der Fall Ullrich nicht abschließend aufgeklärt. Somit lässt sich auch noch kein abschließendes Urteil fällen. Fakt aber ist: Mit 29 Jahren - und das ist ein Alter, in dem Ausdauersportler noch viele Erfolgsjahre vor sich haben können - ist Ullrich vorerst ganz tief gesunken. Vom Glanz des Weltmeistertitels bei den Amateuren im Jahre 1993, vom Tour de Franc Sieg 1997, vom Gewinn der Spanien-Radrundfahrt 1999, vom Olympiasieg 2000 in Sydney im Straßenrennen, von zwei Weltmeistertiteln im Einzel-Zeitfahren zuletzt 2001 in Lissabon ist momentan nichts mehr zu sehen.

Fatal wäre es, wenn Ullrich die Erfolge zu Kopfe gestiegen wären, die geistige Verarbeitung der Erfolge aber nicht hätte stand halten können mit dem Muskelwachstum und der Leistungsfähigkeit des Herzens. Es wäre ein Jammer, wenn ein Mann, der bedeutsame Kapitel deutscher Sportgeschichte geschrieben hat, im Dopingsumpf versinkt.