1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Ende des Ammenmärchens

George und Gerhard haben sich wieder lieb - und was ist mit den ach so zerütteten deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen? Ein Kommentar von Rolf Wenkel.

default

Mag ein Krieg auch noch so abwegig und sinnlos sein: Wenn Amerikaner ihn führen, reagiert die Bevölkerung immer gleich, nämlich patriotisch. Kein Wunder, dass im Frühjahr die deutsche Medienlandschaft aufheulte: Auweia, der Schröder und der Chirac wollen dem Bush im Irak nicht helfen, da werden die Amerikaner bestimmt unsere schönen Produkte aus Europa boykottieren. Und sie wurden bestätigt durch den Boykottaufruf einiger unbedachter, erzkonservativer amerikanischer Senatoren.

Verbaler Humbug

Entsprechende Storys waren auch schnell gefunden, von den Umsatzeinbrüchen beim französischen Käse und beim Rotwein in den USA, von den "Freedom Fries" statt der "French Fries" - und die Firma Keim aus Diedorf bei Augsburg durfte plötzlich das Pentagon nicht mehr mit ihren atmungsaktiven Silikatfarben anstreichen. Der republikanische Abgeordnete Steve LaTourette (klingt auch nicht sonderlich amerikanisch, oder? Hat der am Ende gar einen französischen Opa?) aus Ohio, jedenfalls, hatte den Kongress davon überzeugt, dass deutsche Farben am Pentagon nicht opportun seien in Kriegszeiten. Wo doch die Deutschen auf der falschen Seite stünden.

Ein bitterer Rückschlag in den deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen, fürwahr. Da die Keim-Farben aus dem Schwabenländle sogar das Capitol, die New York Stock Exchange und das Arlington House auf dem Heldenfriedhof in Washington zieren. Sogar die West-Fassade des Pentagons durfte die Firma nach dem 11. September 2001 noch ausbessern - das ist die, in die damals das Flugzeug geflogen ist.

Inzwischen aber ist es merkwürdig still geworden um die Sorgen der Experten und Verbandsfunktionäre, die uns einreden wollten, der Kanzler schade den deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen wegen seiner Irak-Politik. Und das nicht erst, seit Gerhard und George sich in einem New Yorker Hotel das Händchen geschüttelt und versprochen haben, sich wieder zu vertragen, nein, auch vorher schon war es merkwürdig still. Und dafür gibt es auch eine ganz einfache Erklärung: Der Seifenblase ist die Luft ausgegangen, das Märchen hat einfach keine neue Nahrung bekommen.

Alles Kokolorus

Schon im Februar hatte eine Umfrage der Unternehmensberatung Droege in den USA ergeben, dass nicht einmal ein Prozent der deutschen Unternehmen messbare Geschäftsrückgänge zu verzeichnen hatte. Es gebe absolut keine Indikation für Probleme zwischen Deutschen und Amerikanern, im Gegenteil, mit der Erholung der US-Konjunktur stiegen auch die Chancen deutscher Unternehmen wieder. Und umgekehrt? Eine Studie der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung belehrt uns, dass allein in Nordrhein-Westfalen 560 amerikanische Unternehmen beheimatet sind. Sie setzen jährlich 53 Milliarden Euro um und beschäftigen 170.000 Menschen. Und: 39 Prozent dieser Unternehmen wollen in den nächsten Jahren weiter in Deutschland investieren.

Eine Seifenblase war das also, ein Ammenmärchen. Aber eigentlich hätte man das gleich merken müssen. Man bräuchte nur solche Meldungen aufzuheben wie die des Münchener Siemens-Konzerns, der bekannt gegeben hat, man werde für 200 Millionen Dollar Klima- und Lüftungsanlagen, Brandschutz- Einrichtungen und elektronische Sicherheitssysteme liefern. Und zwar an die US-Armee, für Regierungs- und Verwaltungsgebäude. Und noch etwas: Die Firma Keim aus dem Schwabenländle darf auch weiter streichen. Zwar nicht das Pentagon - der Auftrag ist futsch. Dafür aber das Weiße Haus in Washington.