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Welt

Empörung über "Twitter-Mord" in Mexiko

Auf Twitter ist der Mord an einer mexikanischen Bürger-Journalistin bekannt geworden. Sie hatte in sozialen Netzwerken über Kartellverbrechen informiert. Dann tauchte auf ihrem eigenen Account ein Foto ihrer Leiche auf.

Proteste gegen vermisste Studenten. Foto: Reuters.

Protest gegen vermisste Studenten in Mexiko Stadt

Entsetzlich. Schrecklich. Traurig. So aufwühlend. Das sind nur einige der Reaktionen auf Social-Media-Plattformen auf die Nachricht vom "Twitter-Mord" an der Bürger-Journalistin Maria del Rosario Fuentes Rubio. Unter dem Pseudonym "Felina" hatte Rosario dort Informationen über gewalttätige Übergriffe veröffentlicht und Opfer ermutigt, die Fälle bei der Polizei zu melden oder bei der Twitter-Plattform

Valor por Tamaulipas

zu veröffentlichen. Aber nachdem sie wiederholt bedroht und dann offenbar entführt wurde, tweetete sie am 16. Oktober: "Freunde und Familie, mein echter Name ist Maria del Rosario Fuentes Rubio. Ich bin Ärztin und heute ist mein Leben zu Ende." Auf diese Nachricht folgten zwei Fotos: Eines davon zeigt eine Frau mittleren Alters, die in die Kamera blickt, das zweite die gleiche Frau, tot, mit einer Schussverletzung im Gesicht.

Das Posting wurde mittlerweile von Twitter entfernt, und das Unternehmen hat den Account von "Felina" deaktiviert. Die Veröffentlichung solch eines Fotos über ein soziales Netzwerk mag ungewöhnlich reißerisch sein - doch der Mord an Bürger-Journalisten ist in Mexiko leider kein Einzelfall: "Wir wissen von ähnlichen Fällen", sagt Daniel Kapellmann, ein IT-Berater und

Blogger

aus Mexiko City. Das erste Foto der Journalistin wurde auf Twitter immer wieder geteilt, versehen mit dem Kommentar: "In Tamaulipas haben sie die Cyber-Aktivistin Felina, die die organisierte Kriminalität angeprangert hat, ermordet." Das zweite Bild, das sie nach ihrer Ermordung zeigt, ist eigentlich zu grauenhaft, um es zu veröffentlichen - einige Twitter-User in Mexiko haben es aber trotzdem geteilt.

Von Kartellen kontrollierte Gegenden

Jose Luis Abarca, Bürgermeister von Iguala, mit Ehefrau Maria de los Angeles Pineda Villa

Jose Luis Abarca, Bürgermeister von Iguala, mit seiner Ehefrau: Wusste er von den Missständen?

Einige nordmexikanische Staaten wie etwa Sinaloa, Veracruz, Guerrero oder Tamaulipas sind fest in der Hand von Drogenkartellen. Während der jahrzehntelangen Herrschaft der Partei PRI setzte sich das organisierte Verbrechen besonders in diesen Gegenden fest und infiltrierte auch die oberste Regierungsebene. Obwohl die Folgeregierung - die bis 2012 zwölf Jahre lang an der Macht war - eine Offensive zur Bekämpfung der Drogengeschäfte startete, behielten die Kartelle in einigen Gegenden Mexikos ihre Macht und ihren Einfluss.

Rivalisierende Clans in Tamaulipas setzten in den traditionellen Medien, die ebenfalls eng mit der Regierung verbunden sind, eine Sperre für Negativ-Meldungenn durch. Immer mehr Menschen nutzten folglich die sozialen Medien, um sich über Drogenkartell-Gewalt in ihrer Gegend zu informieren. Unter dem Schutz einer gewissen Anonymität seien viele Menschen ermutigt worden, sich an Crowdsourcing-Projekten wie das der Journalistin Rosario zu beteiligen, sagte der Blogger Kapellmann im DW-Interview. Die sozialen Medien seien dabei, immer größere Bedeutung zu gewinnen als ein neuer Weg, um an Informationen zu kommen und sie mit anderen zu teilen. Gerade in dieser Region sei das eine wichtige Entwicklung, so Kapellmann.

Gefährliches Terrain für Journalisten

Die Organisation

Reporter ohne Grenzen

hat Mexiko als "eines der gefährlichsten Länder der Welt für Journalisten" bezeichnet. Es ist das tödlichste Land für Reporter auf dem amerikanischen Kontinent, noch vor Kolumbien und Brasilien. Laut der Organisation wurden in den vergangenen zehn Jahren mehr als 80 Journalisten getötet, mindestens 17 sind verschwunden.

Rolle der sozialen Medien beim Arabischen Frühling. Foto: Peter Macdiarmid/Getty Images

Entscheidende Rolle der sozialen Medien beim "Arabischen Frühling"

Immerhin seien einige Schritte hin zu mehr Verantwortlichkeit getan worden, sagt der Anwalt und Blogger Juan Tadeo Ramirez Cervantes, aber: "Bemühungen der Verantwortlichen, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die Journalisten bedrohen, waren nicht erfolgreich." Eine neue Bundesbehörde, die sich auf Attacken gegen Medienvertreter spezialisiert hat, habe "bisher nicht überzeugen können", so Ramirez. Doch das sei kein spezielles Problem von Journalisten, sagt er und verweist auf die Aufklärungsquote von gerade einmal 14 Prozent bei Gewalt aus dem Drogenmilieu. Kapellmann bringt es so auf den Punkt: "Wie kann die Regierung Journalisten beschützen, wenn sie ihre Bürger nicht beschützen kann - noch nicht einmal Politiker?

Verschwundene Studenten als Zündfunke

Die jüngsten Ereignisse im mexikanischen Staat Guerrero verdeutlichen das wachsende Problem: Als Ende September Studenten eines Lehrer-Colleges in Ayotzinapa mit ihrer jährliche Spendenaktion begannen, um dem Massaker von Studenten in Mexiko-Stadt vor 46 Jahren zu gedenken, überfielen örtliche Polizeikräfte mehrere Busse in der Stadt Iguala, töteten sechs Studenten und ließen 43 von ihnen "verschwinden". Offenbar hatte der Bürgermeister von Iguala den Polizeieinsatz angeordnet.

Bis heute wurden im Zusammenhang mit diesem Vorfall bereits über 50 Personen festgenommen, darunter 36 Polizisten. Der Bürgermeister und dessen Frau sind nach wie vor flüchtig. Am vergangenen Dienstag hatte der Gouverneur von Guerrero angesichts der Vorwürfe seinen Rücktritt erklärt: Es wurde öffentlich darüber spekuliert, dass er über Korruption und Beziehungen zu Drogendealern Bescheid wusste - was er aber leugnet. Der Vorfall hat in Mexiko eine Welle öffentlicher Entrüstung ausgelöst: In den vergangenen Wochen haben tausende Menschen in Iguala, Guadalajara und Mexico City ihren Protest auf die Straßen getragen und von der Regierung gefordert, alles zu unternehmen, damit die vermissten Studenten zurückkehren.

Protest in Acapulco nach Verschwinden von Studenten. Foto: REUTERS/Henry Romero

Demonstration in Acapulco: Bringt uns unsere Studenten zurück!

Eine weltweite Bewegung?

Die sozialen Medien spielen eine wichtige Rolle bei der Protestbewegung, sagt Blogger Kapellmann. "Sie werden genutzt, um sich zu organisieren und Forderungen aufzustellen." Verbrechen wie das von Ayotzinapa, so schrecklich sie auch seien, hätten das Potenzial, Menschen zusammen zu bringen, fügt Ramirez hinzu.

Internationale Aufmerksamkeit, so der Anwalt, sei der entscheidende Faktor beim Arabischen Frühling gewesen - in Mexiko aber habe sie bisher gefehlt. Der regelrechte Twitter-Sturm um den Hashtag #BringThemBack, der darauf zielte, Mexikos Präsidenten unter Druck zu setzen, die Studenten zu suchen, sei zwar in Mexiko sehr erfolgreich gewesen - nicht aber international.

Die sozialen Medien seien ein wesentlicher Faktor, um den Zugang zu Informationen zu demokratisieren, so Ramirez - gerade im Lichte der wachsenden organisierten Kriminalität. Aber sie müssten weiter gestärkt werden. Neben der Förderung einer guten Bildung für alle Mexikaner wäre aus seiner Sicht auch ein besserer Internetzugang wesentlich, um die Dominanz der von der Regierung manipulierten Fernsehsender zu brechen. Aber vor allem, sagt er, müsste dieser Kampf in alle Welt getragen werden.

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