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Bildung

Empörte Wissenschaftler - Minister tritt zurück

Kein Kavaliersdelikt, sondern eine Verhöhnung der Wissenschaft sei seine Dissertation. Das beklagten 20.000 Forscher, Bürger und Parteigenossen. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg trat deshalb zurück.

Schuhe hängen in Berlin bei einer Demonstration für den Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vor dem Verteidigungsministerium an einem Zaun (Foto: dapd)

Protestaktion in Berlin

Aus Protest haben hunderte Studenten am Wochenende ihre Schuhe an den Zaun des Verteidigungsministeriums in Berlin gehängt. Rund 20.000 Wissenschaftler übergaben der deutschen Bundeskanzlerin am Montag (28.02.2011) in Berlin einen "offenen Brief". Für sie ist es eine "Verhöhnung der Wissenschaft", wie Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Fälschungen in der Doktorarbeit ihres Verteidigungsministers umgeht. Und auch Bildungsministerin Annette Schavan gibt offen zu, dass sie sich für die Plagiatsaffäre schämt, "und zwar nicht nur heimlich".

Die Bundeskanzlerin sah das lange Zeit anders. Sie könne die Erregung und die verletzten Gefühle in der wissenschaftlichen Welt durchaus verstehen, ließ sie noch vor kuzem vor Journalisten in Bonn erklären. Aber sie teile nicht den Schluss, dass sie mit ihren Äußerungen zur Doktorarbeit ihres Verteidigungsministers die Wissenschaft missachtet oder verhöhnt habe. Nun hat der Verteidigungsminister selbst die Konsequenz gezogen und tritt von allen politischen Ämtern zurück, obwohl die Kanzlerin ihm noch den Rücken gestärkt hatte, indem sie verkündete, sie habe einen Minister und keinen wissenschaftlichen Assistenen angestellt.

Geplantes Plagiat

Verteidigungsminister zu Guttenberg auf dem traditionellen Valentinstreffen der Christdemokraten in Kelkheim (Foto: dapd)

Der Verteidigungsminister will von nichts gewusst haben ...

Für viele deutsche Wissenschaftler war genau dies der Satz, den sie nicht so stehen lassen wollten. In ihrem "offenen Brief" werfen sie der Kanzlerin vor, unter ihrem verharmlosenden Umgang mit der Plagiatsaffäre leide "die Glaubwürdigkeit Deutschlands als Land der Ideen". Besonders empört sind zahlreiche Professoren aber nicht nur über das Verhalten der Bundeskanzlerin, sondern auch über Guttenbergs Aussage, er habe weder bewusst noch vorsätzlich getäuscht. Wer anderes behaupte, betreibe "üble Nachrede".

"Er hat planmäßig plagiiert", sagt dagegen Oliver Lepsius. Der Professor ist der Nachfolger von Guttenbergs Doktorvater in Bayreuth und hat sich am Wochenende in diversen Interviews so scharf wie kein anderer Wissenschaftler zur Doktorarbeit des Verteidigungsministers geäußert. "Er hat eine Collage von Plagiaten angefertigt, über Hunderte von Seiten, und glaubt, er hat es nicht getan?" fragt der Wissenschaftler ironisch im Bayerischen Fernsehen. Das sei absurd. Daher ist Guttenberg für Lepsius ganz klar "ein Betrüger".

Forderung nach Rücktritt

Auch der Kölner Strafrechtsprofessor Thomas Weigend äußert in deutschen Medien Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Verteidigungsministers. "Ich würde einem Kandidaten nicht glauben, der in so einem Fall behauptet, dass es bloße Fahrlässigkeit war." Für den Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter ist klar, dass Guttenberg nicht dauerhaft im Amt des Verteidigungsministers bleiben könne.

Mit klaren Rücktrittsforderungen hielten sich die meisten Forscher allerdings zurück. Auch Lepsius wollte sich als Wissenschaftler nicht dazu äußern. Als "deutscher Staatsbürger" tat er es aber doch: "Ich wünsche mir Minister, die wissen, was sie tun, und ein Verantwortungsgefühl für ihre eigenen Handlungen haben."

Nicht auf dem Rücken der Soldaten!

Bundesforschungsministerin Annette Schavan auf einer Pressekonferenz zur nationalen Bologna-Reform (Foto: AP)

... und Bildungsministerin Annette Schavan schämt sich

Bildungsministerin Annette Schavan hingegen betonte, Guttenberg habe wie jeder Mensch eine zweite Chance verdient. "Wir wissen, dass das nicht der erste Fall ist, in dem jemand gute Arbeit leistet und zugleich in einem anderen Bereich seines Lebens Schuld auf sich genommen hat", erklärte die Ministerin in der "Süddeutschen Zeitung". Wichtig ist ihr und vielen anderen deutschen Wissenschaftlern aber, dass die öffentliche Diskussion um Plagiate nicht verharmlost wird.

Guttenberg begründete seinen Rücktritt damit, dass es nur noch um seine Person und die Doktorarbeit gegangen sei, und keiner mehr nach Afghanistan schaue, wo deutsche Bundeswehrsoldaten verwundet und getötet würden. "Wenn es auf dem Rücken der Soldaten nur noch um meine Person gehen soll, kann ich das nicht mehr verantworten".

Der Druck auf den Verteidigungsminister war immer größer geworden. Der Deutsche Kulturrat hatte die Bundeskanzlerin aufgefordert, klar zu sagen, dass "Raubkopieren kein Kavaliersdelikt" sei, egal "ob sie an ihrem raubkopierenden Bundesverteidigungsminister festhält oder nicht". Diese klaren Worte hatte Angela Merkel übrigens längst gesagt, allerdings im Zusammenhang mit chinesischen Plagiaten. Im April 2008 sprach sie in einer Videobotschaft davon, dass der "Diebstahl geistigen Eigentums kein Kavaliersdelikt" sei.

Noch sind die Untersuchungen der Universität Bayreuth nicht abgeschlossen. Möglicherweise wird sich die Staatsanwaltschaft mit strafrechtlichen Folgen der Plagiatsaffäre beschäftigen müssen. Zunächst wolle man aber die Ergebnisse der Hochschulgremien abwarten.


Autorin: Sabine Damaschke (mit dpa, AFP)
Redaktion: Gaby Reucher

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