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Europa

Emotionen und kritische Fragen in Polen

Polen trauert um die Opfer von Smolensk - in seltener Harmonie. Und blickt in die Zukunft, denn ein emotionaler Wahlkampf steht bevor. Das Land braucht einen neuen Staatspräsidenten.

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Polen ist in Trauer versunken. Das öffentliche Leben ist erstarrt, Theater und Kinos haben geschlossen, das Fernsehen sendet Trauermusik, die Polen beten. Auf der Straße vor dem Präsidentschaftspalast in Warschau findet eine stille, nationale Trauermesse statt. Gebetet wird für die Opfer einer Tragödie, welche die politische Welt noch nie erlebt hat. In der Flugzeugkatastrophe bei Smolensk ist der Staatspräsident Lech Kacynski und seine Frau Maria ums Leben gekommen. Ihr Leben haben unter anderem zwei Stellvertreter des Parlamentsvorsitzenden, mehrere Minister des Präsidialamtes, die ganze Armeeführung und mehr als ein Dutzend Abgeordnete verloren. Für sechs Tage wird die Nationaltrauer ausgerufen. Die politischen Gegner haben in Anbetracht der nationalen Tragödie die Streitigkeiten unterbrochen.

Hubert Wohlan, Polen-Experte der Deutschen Welle (Foto: DW)

Hubert Wohlan

Es ist schwer zu sagen, wie lange die Kampfpause dauern wird. Es ist nicht ausgeschlossen, dass alsbald verschiedene Verschwörungstheorien auftauchen werden. Die sind fast unvermeidbar, weil sie durch den bevorstehenden Wahlkampf diktiert werden. Die Aufgaben des Staatspräsidenten hat mittlerweile gemäß der Verfassung der Vorsitzende des Parlaments übernommen, aber die Präsidentschaftswahlen waren ohnehin für den Herbst vorgesehen. Es ist ein Wahlkampf zu erwarten, in dem nationale Emotionen eine große Rolle spielen werden.

Die politische Klasse in Polen wird aufpassen müssen, dass die Emotionen nicht überkochen. Es wird auch viel von dem Verhalten der russischen politischen Eliten abhängen. Staatspräsident Dmitri Medwedew und Premier Wladimir Putin verhalten sich momentan makellos. Sie bieten nicht nur eine weitgehende Zusammenarbeit bei der Aufklärung der Ursache der Katastrophe an, sondern zeigen eine authentische Anteilnahme und Trauer. Das wird die Gemüter in Polen mit Sicherheit beruhigen.

Dennoch sind kritische Fragen durchaus angebracht. Wie ist es möglich, dass in einer Maschine die gesamte Armeeführung, zehn Minister und zwei Dutzend Parlamentarier geflogen sind? Die Regierungsmaschine der Bauart Tupolew 154 war über 30 Jahre alt. Die Flugexperten warnten seit Jahren, dass sie ausgetauscht werden sollte. Vor zwei Jahren während eines Fluges des Staatspräsidenten Lech Kaczynski nach Japan musste diese Maschine in der Mongolei notlanden. Man war also gewarnt. Diesmal sei alles in Ordnung gewesen, versichern die gleichen Experten. Vor zwei Monaten sei das Flugzeug grundüberholt worden und bekam grünes Licht für weitere drei Monate. Da es keine technischen Pannen gegeben hat, bleibt nur das menschliche Versagen als Ursache. In Smolensk herrschte beim Anflug dichter Nebel. Der Flughafen dient eher militärischen Zwecken; mit Passagiermaschinen haben die Lotsen in Smolensk eher bescheidene Erfahrung.

Die Flugzeugkatastrophe von Smolensk scheint ein weiteres Trauma in der polnischen Geschichte zu werden. In der Nähe des Unglücksflughafens liegen die Opfer des sowjetischen Verbrechens von Katyn aus dem Zweiten Weltkrieg begraben. Jene Gräber wollte Staatspräsident Kaczynski besuchen. Sein Tod trägt tragischerweise die Merkmale seines ganzen politischen Lebens. Sein Besuch in Katyn war als eine Antwort auf den Besuch seines politischen Gegners Premierminister Donald Tusk vor einigen Tagen gedacht. Es sollte den Tusk-Besuch in Katyn zusammen mit Premierminister Putin in den Schatten stellen, wie die konservative Presse in Polen verkündete. So ist es auch gekommen: unerwartet und tragisch.

Autor: Hubert Wohlan
Redaktion: Fabian Schmidt

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