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Filme

Emmanuel Leconte: "Charlie Hebdo Rassisten? Das ist ein schreckliches Missverständnis"

Vor einem Jahr erschütterten die Anschläge auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" die Welt. Darüber kommt jetzt der Dokumentarfilm "Je suis Charlie" der Regisseure Daniel und Emmanuel Leconte in die deutschen Kinos.

Regisseure Daniel und Emmanuel Leconte in Paris. Copyright: Getty Images/AFP/J. Saget

Vater und Sohn: die beiden Dokumentarfilm-Regisseure Daniel (re) und Emmanuel Leconte

DW: Ihre Dokumentation ist nicht nur eine Hommage an die, die ermordet wurden. Es ist auch eine Liebeserklärung, eine Respektsbezeugung. Warum haben Sie sich den Machern und der Idee von Charlie Hebdo so eng verbunden gefühlt?

Daniel Leconte: Ich habe bereits 2007 einen Film über die Redaktion gedreht, als Charlie Hebdo von muslimischen Organisationen in Frankreich vor Gericht gebracht wurde, weil sie die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung Jylland Posten nachgedruckt hatten. Das war eine wichtige gesellschaftliche Debatte, die zugunsten von Charlie ausging. Danach dachten wir, das wäre das Ende der Geschichte. Aber das war es nicht.

Danach geriet Charlie in den Fokus von Islamisten: Gegen den Chefredakteur Stéphane Charbonnier wurde eine Fatwa erhoben, es gab einen Anschlag auf Charlie 2011. Die Redaktion hat sich in dieser Situation sehr allein gefühlt, weil sie nicht nur von islamischer Seite, sondern auch von einigen Intellektuellen dafür kritisiert wurde, die muslimische Welt zu provozieren. Das war die Ausgangslage im Januar 2015.

Je suis Charlie - Stifte, Banner, Kerzen, Papier auf einem Tisch. Copyright: picture-alliance/dpa/A.. Burgi

Chaos nach den Terroranschlag auf die Pariser Redaktion des Satireblattes "Charlie Hebdo"

Emmanuel Leconte: Aber wir sind nicht die einzigen, die Charlie Hebdo eine Liebeserklärung gemacht haben. Wenn Sie sich an die Tage nach den Anschlägen erinnern, da sind allein in Frankreich vier Millionen Menschen auf die Straße gegangen, weltweit waren es noch viel mehr. Diese Menschen haben gesagt: Wir mögen nicht unbedingt, was Ihr zeichnet, wir glauben auch nicht alles, was Ihr sagt. Aber wir lieben Euch insofern, als wir es nicht akzeptieren können, dass jemand Euch loswerden will. Wir stehen hinter Werten, die uns dazu verpflichten, diejenigen zu unterstützen, die bedroht sind, weil sie Kritik üben oder Debatten anstoßen wollen.

Was ist denn von dem solidarischen Geist des 11. Januar 2015, von der großen Demonstration für die republikanischen Werte, geblieben?

EL: Bei dieser Demonstration ging es um all das was, was unsere Identität ausmacht. Es ging um Freiheit, um die französische Revolution, um Aufklärung, um das Recht, Kritik zu üben, um den menschlichen Geist. Als wir mit Riss [Illustrator bei Charlie Hebdo, seit den Anschlägen Herausgeber, Anm. der Redaktion] unterwegs waren, da wurde er immer wieder darauf hingewiesen, dass die Unterstützung der Franzosen geschwunden wäre. Seine Antwort war dann immer: "Naja, was erwarten Sie? Dass vier Millionen jedes Wochenende auf die Straßen gehen?"

Frankreich: Charlie Hebdo Extra-Ausgabe C'est Reparti! Copyright: REUTERS/Eric Gaillard (FRANCE - Tags: MEDIA)

Extra-Ausgabe der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" nach dem Anschlag

Trotzdem ist es so: Diese vier Millionen im Januar 2015, das bedeutet etwas, das hat es noch nie in unserer Geschichte gegeben. Aber es gibt auch ein schreckliches Missverständnis. Charlie Hebdo war wahrscheinlich die einzige Zeitschrift, die klargestellt hat, dass Religion von Terroristen und von Aktionisten instrumentalisiert wird. Dass die Leute von Charlie nun Rassisten sein sollen, dass sie islamophob sein sollen, ist eine Umkehrung all dessen, wofür Charlie Hebdo steht. Es ist traurig, wie Charlie auf der einen Seite von Islamisten bedroht, und auf der anderen Seite von Intellektuellen, von Journalisten fallen gelassen wurde.

Diese Debatte wurde schon wenige Wochen nach den Anschlägen vom Januar 2015 geführt. In den USA zum Beispiel gab es heftige Kritik an der Verleihung eines Preises an Charlie Hebdo. Aber auch in Frankreich wurde ein hitziger Streit darüber geführt, was Meinungsfreiheit eigentlich bedeutet, angeführt von dem bekannten Soziologen Emmanuel Todd, der nicht nur Charlie Hebdo, sondern die ganze Gesellschaft für islamfeindlich hält.

DL: Wir sind ja nicht mal in der Lage, zwischen Muslimen, Islamisten und Fundamentalisten zu unterscheiden. Charlie Hebdo ist für mich vor allem ein Symbol für die Freiheit des Wortes. Wissen Sie, ich bin in den 1960er Jahren sozialisiert worden. Für meine Generation gilt: Natürlich hat man das Recht, sich angegriffen zu fühlen. Du kannst streiten, in den Medien, vor Gericht. Aber du darfst niemanden töten.

Charlie-Hebdo-Zeichner Luz 2015. Copyright: Gwendoline LeGoff/ Panoramic PUBLICATIONxNOTxINxFRAxITAxBEL

Einer der Überlebenden: Luz (Renald Luzier ), Zeichner bei der Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" bei einer PK

Wie ist der Stand der Diskussion jetzt in Frankreich, ein Jahr nach den Anschlägen?

DL: Meinungsfreiheit heißt ja nicht, dass man alles sagen darf, was man will. Es gibt immer die Grenzen der Gesetze.

EL: Die Charlie Hebdo ausgesprochen präzise gewahrt hat.

DL: Das Gericht hat 2007 geurteilt, dass Charlie Hebdo das Recht hatte, die dänischen Cartoons abzudrucken. Dieses Urteil müssen alle respektieren.

EL: Und das heißt im Ergebnis auch: hier wird nicht eine Gemeinschaft [der Muslime, Anm. der Redaktion] verletzt, hier wird die Art und Weise angegriffen, wie innerhalb dieser Gemeinschaft Menschen und Werte instrumentalisiert werden.

Daniel Leconte und sein Sohn Emmanuel haben wenige Wochen nach den Anschlägen vom Januar 2015 Interviews mit den überlebenden Redaktions-Mitgliedern von Charlie Hebdo geführt. Ihr Dokumentarfilm "Je suis Charlie" hat nach seiner Weltpremiere auf dem Toronto International Film Festival im Sommer 2015 nun seinen deutschen Filmstart.

Das Interview führte Sabine Kieselbach.

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