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Deutschland

Emilia S.: Mut zum Widerspruch

Sie hat sich gegen Antisemitismus an ihrer Schule in Dresden stark gemacht: Mit nur 15 Jahren erhält eine Schülerin einen Preis für Zivilcourage.

Auch für Emilia war es anfangs nicht leicht, etwas zu sagen. Als in ihrer Schulklasse alle anfingen, antisemitische Witze zu machen und mit nationalsozialistischer Symbolik zu spielen, wusste sie zunächst nicht, wie sie reagieren sollte. Sie hatte Angst, alleine dazustehen, wenn sie sich dagegen stellen würde. Und die Macht von Gruppendynamik ist stark. "Ganz schnell war man 'lustig', wenn man seinen Mitschülern den Hitlergruß zeigte oder 'Heil Hitler' sagte", beschreibt die 15-Jährige die Atmosphäre in ihrer Klasse. "Jude" sei plötzlich zu einer Beleidigung geworden. Vereinzelt hätten Schüler das zwar kritisiert - aber dann habe es immer einen Mob gegeben, erinnert sich die Schülerin.

Mit der Zeit wurden die Witze und Anspielungen dann immer extremer. Als im Klassenchat dann ein Bild mit Rauch auftauchte, das die Unterschrift "jüdisches Familienfoto" trug, konnte Emilia nicht länger zusehen. Sie überwand ihre Angst und forderte ihre Klassenkameraden auf, das "Nazi-Getue" sein zu lassen. Emilia hoffte auf Zustimmung von anderen Klassenkameraden. Doch sie bekam eine ganz andere Antwort: noch ärgere Kommentare. Als ein Schüler ihr unter anderem schrieb, sie habe wohl "zu viele tote Juden eingeatmet", ging sie noch am selben Tag zur Polizei. Sie zeigte ihren Mitschüler wegen Volksverhetzung an.

"Jeder einzelne hat eine Stimme"

Rückhalt gab es in der Klasse nur von zwei bis drei Mitschülern, erzählt Emilia im Gespräch mit DW. "Vielleicht fanden viele richtig, was ich gemacht habe, aber sie haben sich nicht getraut, das zu sagen", vermutet sie. Andere hätten zu dem angezeigten Mitschüler gehalten - und zu seinen Ansichten. Emilia glaubt trotzdem nicht, dass die Schüler in ihrer Klasse eine "richtig rechte Einstellung" haben. Im Gespräch mit DW erzählt sie, dass einige Schüler Aspekte aus dem Geschichtsunterricht aufgegriffen hätten und sehr leichtfertig damit umgegangen seien. Die anderen hätten dann aus Angst mitgemacht.

Heute bekommt die Schülerin endlich Anerkennung für ihren Mut: Emilia S. erhält den Preis für Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus, der vom Förderkreis "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" verliehen wird. Einen Teil des Honorars lässt die Preisträgerin einem jüdischen Schüler zukommen, der an einer Berliner Schule Opfer von antisemitischer Gewalt wurde.

"Das Ergebnis unserer Arbeit soll uns allen stets auch eine Erinnerung daran sein, dass jeder Einzelne von uns eine Stimme hat, die er nutzen sollte"", kommentiert die Vorsitzende des Förderkreises, Lea Rosh: "um fremdenfeindliche Äußerungen, undemokratisches Verhalten sowie rassistische Taten und Parolen nicht einfach als normal hinzunehmen."

Genau darum geht es der Schülerin. Rückblickend sagt sie selbstkritisch: "Ich habe in meinen Augen zu spät eingegriffen." Sie beschreibt die rechten Parolen als einen "Trend", der eskalieren könne, und den man im Keim ersticken müsse. "Meistens geht das von einer Person aus. Und dann ist es gut, wenn man diese Person mal allein spricht, nicht vor allen anderen", sagt sie gegenüber DW.

Dass der Preis an eine Jugendliche aus Dresden geht, soll damit auch das Zeichen setzen: Gerade in Gegenden von zunehmendem Rechtspopulismus und Antisemitismus ist es wichtig, sich dagegen zu stellen. Auch, wenn man sich als Minderheit fühlt. In Sachsen haben sich rechts motivierte Straftaten seit 2012 mehr als verdoppelt. Schon letztes Jahr ging der Preis an eine Frau aus Dresden. Eine weitere Botschaft des Preises ist außerdem klar: Der Kampf gegen rechts fängt schon in der Schule an. 

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