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Fokus Osteuropa

EM-Bilanz: Die Ukraine überrascht

Die Fußball-EM geht zu Ende. Trotz der Horrorszenarien, die vor allem für die Ukraine entworfen wurden, verlief das Großereignis reibungslos. Der Fall der inhaftierten Politikerin Timoschenko blieb aber ungelöst.

Stundenlanges Warten an der Grenze. Löchrige Straßen, auf denen man nur mit 20 km/h fahren kann. Gangster, die auf westliche Touristen lauern. Astronomische Hotelpreise. Davor haben vor der Fußball-EM viele europäische und vor allem deutsche Medien gewarnt. Harald Pistorius hat es aber nicht erlebt. "Glaube niemandem, der über ein fremdes Land schreibt und dir Angst machen will", sagt Pistorius über die EM, die mit dem Finale am Sonntag (01.07.2012) in Kiew zu Ende geht.

Der Leiter des Sportressorts bei der "Neuen Osnabrücker Zeitung" legte in rund vier Juni-Wochen mehr als 7000 Kilometer zurück. Per Auto oder Flugzeug besuchte er die meisten EM-Spielorte in Polen und der Ukraine. Die Reise bot für ihn manche Überraschung. Sein Fazit: "Es war in beiden Ländern ausgezeichnet".

Schöne Erlebnisse statt Horrorszenarien

Fanshop im ostukrainischen Donezk (Foto: ITAR-TASS)

Fanshop im ostukrainischen Donezk

"Überraschung" ist wohl das Wort, das am ehesten den Eindruck von dieser ersten Fußballmeisterschaft in Osteuropa beschreibt. Der Journalist Pistorius gibt zu, dass die Medienberichterstattung im Vorfeld auch bei ihm Vorurteile geweckt habe. Doch statt der beschriebenen Horrorszenarien erfuhr der Journalist vor Ort von "bezaubernden Geschichten". Geschichten von Fans, die sich in einem ukrainischen Dorf verfahren hatten und von der Dorfgemeinschaft aufgenommen und bewirtet wurden, um sich dann gemeinsam ein Spiel auf einem alten Fernseher anzuschauen. Oder Geschichten von Fans mit Kleinkindern, die völlig selbstverständlich mit Zügen oder mit Campingwagen durch die Ukraine gereist sind.

Auch die Europäische Fußball-Union UEFA dürfte aufatmen. Die schlechten Prognosen haben sich nicht bewahrheitet. Stadien, Flughäfen und Hotels sowohl in Polen als auch in der Ukraine haben den EM-Test offenbar bestanden. Die befürchteten Krawalle von Hooligans blieben mit wenigen Ausnahmen aus. Die Europäer hätten vor ihrer Haustür ein "komfortables und freundliches Land" entdeckt, bilanzierte das Kiewer Nachrichtenmagazin "Korrespondent".

Deutsche und portugiesische Fans im westukrainischen Lemberg (Foto: DW)

Deutsche und portugiesische Fans im westukrainischen Lemberg

Wie viele Ausländer die Ukraine während der EM besucht haben, ist noch nicht genau bekannt. Nach vorläufigen Schätzungen waren es einige Millionen. Ein Großteil dürften Touristen aus dem benachbarten Russland gewesen sein, die besonders in Städten wie Donezk und Charkiw im Osten der Ukraine präsent waren. Die relativ geringe Zahl westeuropäischer Fußballfans in der Ukraine scheint eine der größten Überraschungen dieses Turniers zu sein. Auch hier liegen genaue Daten noch nicht vor.

Blitzbesuch statt Entdeckungstour

Ukrainische Kneipen- und Hotelbesitzer ziehen jetzt schon eine ernüchternde Bilanz. Ein Campingplatz in der Nähe von Kiew mit 3000 Plätzen war nur zu einem Zehntel gefüllt. Ähnlich dürfte es an anderen EM-Spielorten ausgesehen haben. Statt Hotelzimmer haben viele Fans private Appartements gemietet. "Ich wollte nicht für ein unverschämt teueres Hotelzimmer zahlen", erfuhr eine DW-Korrespondentin in Kiew von einem Fan, der aus Finnland in die ukrainische Hauptstadt gereist war. Eine private Übernachtung in der Nähe des Stadions habe ihn umgerechnet nur 50 Euro gekostet. "Ich bin zufrieden", sagte der Mann.

Die Ukraine hatte gehofft, dass die EM das bis dahin als touristisches Reiseziel kaum wahrgenommene osteuropäische Land bekannter machen wird. Dieses Ziel werde offenbar verfehlt, meint Harald Pistorius. Abgeschreckt von den Medien, hätten viele Fans nur Blitztrips gemacht, so der deutsche Sportreporter: "Ich kenne viele, die mit Bussen aus dem Ruhrgebiet gekommen sind, über die Grenze nach Lemberg gerauscht sind, in der Fan-Zone drei Biere getrunken haben. Dann sind sie ins Stadion gefahren, haben das Spiel gesehen und sind nachts zurück". Von einer "Entdeckung der Ukraine" könne man da nicht sprechen, meint Pistorius. 

Boykott-Debatte ohne Folgen

Protestplakat gegen politische Repression in der Ukraine (Foto: DW)

Protestplakat gegen politische Repression in der Ukraine

Am meisten überraschte den deutschen Journalisten die politische Stimmung in der Ukraine. Da in deutschen Medien vor der Fußball-EM viel über die international umstrittenen Prozesse gegen ehemalige Regierungsmitglieder und vor allem die Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko berichtet worden war, habe er mit einer Proteststimmung gerechnet. "Die habe ich nicht angetroffen", sagt Pistorius. "Es besteht eine leicht resignierte Grundhaltung nach dem Motto: Es ändert sich ja doch nichts".

Der deutsche Journalist kann nachvollziehen, dass viele westliche Politiker aus Protest nicht zu den EM-Spielen in die Ukraine gefahren sind. Er findet die Debatte über die politischen Zustände in der Ukraine richtig. Am Schicksal der wegen Amtsmissbrauchs verurteilten Julia Timoschenko hat sich dadurch allerdings nichts geändert. Die ehemalige Ministerpräsidentin und andere Oppositionsführer blieben während der EM in Haft.

Ein Gefühl der Einigkeit

Ukrainische EM-Souvenirs /(Foto: DW)

Ukrainische EM-Souvenirs

Über vier Milliarden Euro hat die ukrainische Regierung nach eigenen Angaben in die EM investiert. Wie viel Geld durch die Touristen und Werbung ins Land floss, ist nicht bekannt. Doch es gibt etwas, das man nicht mit Geld bezahlen kann und das doch sehr wertvoll ist. Auch wenn europäische Gäste nicht so zahlreich wie erwartet gekommen waren, so konnte die Fußballmeisterschaft die Menschen in dem Land selbst einander näher bringen.

Ob im westukrainischen Lemberg oder in Donezk an der russischen Grenze im Osten – überall schwenkten Ukrainer blau-gelbe Staatsflaggen und trugen Trikots der Nationalmannschaft. Das war nicht immer so. "Die Menschen haben sich bei dieser EM wie Bürger eines gemeinsamen Landes gefühlt", sagt der Kiewer Soziologieprofessor Walerij Chmilko. Für ein Land wie die Ukraine, das erst seit 21 Jahren als unabhängiger Staat existiert und bis heute politisch und kulturell in Ost und West gespalten ist, sei dies besonders wichtig.