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Deutschland

Elternliebe mit Wenn und Aber

Füttern, Rotznasen abwischen, Windeln wechseln: Laut einer Studie bereut es jede fünfte Mutter und jeder fünfte Vater in Deutschland, ein Kind bekommen zu haben. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?

"Auch ich bereue es heute sehr, ein Kind in die Welt gesetzt zu haben." Es ist der Satz einer Mutter und eine Antwort von vielen, die Holger Geißler in den vergangenen 24 Stunden erhalten hat. Geißler ist Sprecher des Meinungsforschungsinstituts YouGov und hat gemeinsam mit einer Kollegin eine repräsentative Studie mit 2045 Teilnehmern durchgeführt, die untersucht hat, wie viele von ihnen ihr Leben - wenn sie noch einmal die Wahl hätten - lieber ohne Kind führen würden. 19 Prozent der Mütter und 20 Prozent der Väter - so das Ergebnis, das Holger Geißler als "kritisch" bezeichnet.

Drei Faktoren spielten eine besonders wichtige Rolle: zum einen der Aspekt der persönlichen Entfaltung. 52 Prozent gaben an, dass es Momente in ihrem Leben gegeben habe, in denen sie durch ihr Elternsein darin eingeschränkt wurden. Umgekehrt sagten 77 Prozent der Eltern aber, dass ihnen das Mutter- bzw. Vatersein Genugtuung bereitet. Und dann das Thema Kinderbetreuung. "Wir haben relativ klar gesehen: Je mehr Betreuungsmöglichkeiten es gibt, desto weniger bereuten die Eltern auch ein Kind zu haben", so Holger Geißler im DW-Interview. 64 Prozent der Befragten gaben an, dass es davon ihrer Meinung nach in Deutschland zu wenig gäbe. Auch das Thema "Karriere" spielte eine wichtige Rolle: So gaben 44 Prozent der Mütter und 20 Prozent der Väter an, ihre Karriere wäre besser verlaufen, wenn sie keine Kinder gehabt hätten.

Eltern, die bereuen - in einem Land mit Geburtenrückgang

Kinder und Betreuerin in einer 24-Stunden-Kita. (Foto: picture-alliance/dpa/J. Büttner)

Noch immer nicht genug: Viele Eltern klagen über zu wenige Kinderbetreuungsmöglichkeiten

Die nordrhein-westfälische Familienministerin Christina Kampmann (SPD) äußerte sich dazu äußerst entschieden. Gegenüber der Zeitung "Neue Westfälische" sagte sie, niemand dürfe beruflich benachteiligt werden, weil er sich dazu entscheide eine Familie zu gründen. Auch Holger Geißler, selbst Vater von vier Kindern, findet, dass die Politik mehr tun müsse. Gerade in einem Land wie Deutschland, in dem die Geburtenzahlen stetig rückläufig sind, sollte man sich die Ergebnisse seiner Studie genau anschauen. "Denn wenn dann noch 20 Prozent der Eltern sagen, sie bereuten das, wo führt das hin?"

Betonmütter und Verrat

Wohin zumindest die Debatte führt, lässt sich beim Kurznachrichtendienst Twitter ablesen. Dort schrieb eine Userin, das Thema "Regretting Parenthood" ("Bereuen der Elternschaft") sei nichts anderes als Verrat am eigenen Kind. Eine andere wurde konkreter und sprach von "Betonmüttern", die aufgrund ihres Verhaltens wirklich kein Kind verdient hätten. Ähnlich hitzige Kommentare hatte zuletzt die 2015 von der israelischen Soziologin Orna Donath veröffentlichte Studie hervorgebracht. Unter der Überschrift "Regretting Motherhood ("Bereuen der Mutterschaft") hatte sie Interviews mit 23 Müttern geführt, die sich alle gegen Kinder entscheiden würden, könnten sie noch einmal wählen. Die Begründung vieler, dass sie darin keine Erfüllung fanden, hatte auch hierzulande zum einen für Entsetzen, aber auch für Erleichterung gesorgt. Viele Frauen waren froh die Bestätigung dafür zu bekommen, dass es in Ordnung ist, nicht voll und ganz von der Rolle als Mutter erfüllt zu sein.

Die zweite Geige

Symbolbild Mutter mit Baby (Foto: Copyright: Colourbox #2223097)

Wenn Mütter in ihrer Rolle nicht automatisch glücklich sind, sorgt das noch immer für Diskussionen

Rabenmutter: Dieses Konzept gibt es noch immer und keine Frau in Deutschland möchte sich vorwerfen lassen eine zu sein. Das Wort taucht gerne dann auf, wenn Mütter trotz eines Kindes nicht auf ihre Karriere verzichten möchten, wenn sie nicht dem noch immer oft überidealisierten Mutterbild entsprechen wollen. Holger Geißler vom Meinungsforschungsinstitut YouGov findet, dass man zumindest in diesem Bereich inzwischen auf einem guten Weg sei, weg vom traditionellen Frauen- und Männerbild zu kommen. Auch wenn Frauen nach einer Geburt noch zu oft "die zweite Geige spielen" müssten.

Um sich vor Enttäuschung und später Reue zu schützen, sollten sich beide Geschlechter gut überlegen, was sie da tun, rät Holger Geißler, der studierter Psychologe ist."Es ist sinnvoll sich vorher Gedanken zu machen, was es bedeutet, ein Kind zu bekommen. Vor allem viele Männer seien sich nicht darüber im Klaren, wie sehr sich ihre Position in der Familie und das Thema Sexualität verändern. "Ich vermute, das ist ein Aspekt, warum Väter später bereuen, Vater geworden zu sein." Ein besonders schönes Ergebnis gab es in der YouGov-Studie aber auch. 95 Prozent aller Befragten gaben an, ihre Kinder trotz allem zu lieben. So wie die Mutter, die Holger Geißler geschrieben hatte. Sie fügte noch hinzu: "Er ist das größte Geschenk, das ich je bekommen habe."