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Kultur

Eltern in Indien wollen keine Mädchen

Die Menschenrechtsorganisation "Arja Samaj" ist im November durch Indien gereist. Ihr Ziel: Sie wollen das Töten von weiblichen Föten stoppen. Bis zu fünf Millionen Föten sollen es jährlich sein.

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Welches Geschlecht hat der Nachwuchs?

Es gab mal eine Zeit, in der die Geburt eines Mädchen in Indien mit dem Ankommen "Lakshmis", der Göttin des Reichtums, verglichen wurde. Diese Zeiten sind längst vorbei. Heute werden Mädchen oft als eine Last angesehen. Der Tradition nach ist es der Sohn, der den Namen und die Ehre der Familie weiterführt. Dieser ist aber der harmloseste und unwichtigste Grund für diesen Vorrang der Jungen. Mädchen können ihren Eltern im Rentenalter nicht als Stütze dienen, denn Mädchen kommen "um zu gehen", wie es ein altes Sprichwort besagt. Mädchen werden großgezogen, um in eine gute und sittliche Familie verheiratet zu werden. Ist dieses getan, sind die Eltern von ihrer Verantwortung befreit und können sich glücklich schätzen.

Das Mitgift-Drama

Spezialbild: Monsoon Wedding, Bollywood Film aus Indien

Szenenbild aus "Monsoon Wedding"

Der traurigste und mit den wohl grauenhaftesten Folgen verbundene Grund für die Bevorzugung von Jungen ist die so genannte Mitgift, die jeder Vater bei der Heirat seiner Tochter an die Familie des Bräutigams zahlen muss. Dieser Brauch, längst verboten und offiziell auch in Indien verachtet, ist auch heute erschreckend weit verbreitet. In allen Stufen der Gesellschaft wird Mitgift verlangt und erbracht. Je nach Klassenstufe fängt Mitgift bei Hühnern und Kühen an und hört bei Kühlschränken, Fernsehern und voll ausgestatteten Schlafzimmern auf.

In Indien liegt die Anzahl der Familien, die unter der Armutsgrenze leben, bei über 25 Prozent. Werden die Familien mit einer Tochter gesegnet, so fangen die Sorgen um die Mitgift schon mit der Geburt an. Diese finanzielle Last, die automatisch zu einer psychologischen wird, hat in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass Schwangerschaften abgebrochen wurden, wenn das Geschlecht klar wurde.

Unklare Gesetzeslage

Die indische Menschenrechtsorganisation "Arja Samaj", die sich mit kontroversen gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt, ist in diesem Monat durch Gujarat, Rajasthan, Delhi, Punjab und Harjana gereist. Die gut 100 Menschen, die an dieser Reise teilnahmen, kamen aus aller Welt und repräsentierten alle Weltreligionen. Dieses, meint Swami Agnivesh, Präsident der "Arja Samaj", hat sehr viel zu dem eigentlichen Zweck beigetragen: "Religiöse Gelehrte müssen sich zusammentun und gegen weibliche Föten-Tötung protestieren. In jeder Religion sind Frauen in jedem Gebiet den Männern gleichzustellen und gleich zu behandeln. Es haben Hindus, Moslems, Sikh, Christen und weitere religiöse Minderheiten an diesem Marsch teilgenommen. Moslemische Frauen, im traditionellen Burqa gehüllt, haben an den Protesten teilgenommen. Das war eine sehr schöne Erfahrung."

Der Brauch, einen Fötus nach Bekanntgabe des Geschlechts zu töten, ist in Indien offiziell seit 1995 verboten. Aber da es ein Gesetz gibt, welches vorgeburtliche Untersuchungen auf Missbildung des Kindes erlaubt, ist es schwierig, die eine Untersuchung von der anderen zu trennen. Außerdem sind heutzutage vorgeburtliche Untersuchungen Routine, denn sie sind in jedem Krankenhaus für wenig Geld durchführbar.

Religiöse Hilfe

Bevölkerung in Indien

In den letzten Jahren ist die Anzahl der weiblichen Föten drastisch gesunken. Waren es im Jahre 2001 bei 1000 männlichen Föten 945 weibliche, so sind es heute 927 weibliche Föten. Normalerweise ist die Anzahl der Mädchen überall auf der Welt höher als die der Jungen. Diese Zahlen haben sogar die indische Regierung veranlasst, gegen dieses Verbrechen zu kämpfen, sagt Swami Agnivesh: "Die indische Regierung hat zum ersten Mal mit religiösen Gelehrten zusammen gearbeitet. Läuft diese Aktion erfolgreich, so wird klar, dass Gelehrte und Politiker mit einer positiven Einstellung sich zusammentun können und in Zukunft weitere solcher Aktionen durchgeführt werden können."

Swami Agnivesh, der dieses Jahr mit dem alternativem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, versucht ganz nach Gandhis Vorbild, die Menschen zu bereisen und aufzuklären. Ironischerweise sind genau die bereisten Gebiete wirtschaftlich am stärksten und auch die Analphabetenrate ist dort am niedrigsten. Doch Swami Agnivesh wird von Menschen aus aller Welt unterstützt. Unter den vielen Helfern ist auch ehemaliges Grünen-Mitglied Angelika Koester-Lossak: "Das Problem muss zwar hauptsächlich von Indien selber behandelt werde, aber als Freund von Indien kann Deutschland all die Menschen unterstützen, die gegen dieses Verbrechen kämpfen. Und ich glaube, man kann das schaffen."

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