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Fokus Osteuropa

Eliten im Wandel - Politische Kultur in Südosteuropa

Um den Anschluss an die europäische Integration nicht zu verpassen, müssen sich die Balkanstaaten reformieren. Doch die Entwicklung ist keine Einbahnstraße. Wie verändert der Balkan Europa?

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Konferenzort Bonn

Politische und wirtschaftliche Veränderungen haben die Balkanländer seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme vor gewaltige Herausforderungen gestellt. Alle wollen am Prozess der europäischen Integration teilnehmen und müssen dafür zahlreiche institutionelle und auch gesellschaftliche Reformen durchführen. Dabei stellt sich die Frage, was überhaupt "der Balkan" ist. Gibt es eine spezifische politische Kultur der Länder Südosteuropas? Mit der Suche nach den Antworten hat sich eine internationale Konferenz in Bonn beschäftigt.

„Den Klischees entgegentreten“

Es gibt viele Vorurteile über den Balkan. Eines davon lautet: Eine politische Kultur der argumentativen Auseinandersetzung, wie man sie im Westen kennt, gebe es in dieser "wilden" und unterentwickelten Region gar nicht. Solche Vorurteile zu zerstreuen, war Ziel einer Konferenz mit dem Titel „Politische Kultur in (Südost-) Europa – Charakteristika, Vermittlung, Wandel“. Sonja Schüler, stellvertretende Geschäftsführerin der Südosteuropa-Gesellschaft, die die Konferenz zusammen mit der Deutschen Welle organisiert hat: „Gerade diesen Klischees wollen wir entgegentreten, indem wir hinterfragen, ob bestimmte Entwicklungen tatsächlich als spezifisch balkanisch, als „Unkultur“ bezeichnet werden können. Ist das tatsächlich so spezifisch? Welchen allgemeinen europäischen Kontext haben diese Entwicklungen? Sind diese Entwicklungen nicht womöglich auch bei uns in Deutschland und in unseren Nachbarstaaten feststellbar?“ Beim Versuch komplizierte Sachverhalte zu vereinfachen, werde oft unzulässig generalisiert, würden Nationen spezifische Charaktere zugeschrieben. So seien Klischees von „stolzen Spaniern“, „höflichen Österreichern“ oder „wilden Balkanesen“ entstanden, meint Sonja Schüler.

Von wegen typisch Balkan

Moderne Politik- und Geschichtswissenschaften versuchen das Phänomen der politischen Kultur genauer zu beschreiben. Als wichtige Elemente der politischen Kultur auf dem Balkan gelten gemeinhin etwa eine feindselige Grundstimmung gegenüber dem Staat, Misstrauen gegenüber staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen, mangelnde Rechtsstaatlichkeit oder die Betrachtung politischer Gegner als Feinde. Diese Pauschalurteile in Bezug auf vermeintlich typisch balkanische Merkmale hält Wolfgang Höpken, Historiker an der Leipziger Universität, für unzulässig: „Bei allen diesen politisch-kulturellen Mustern handelt es sich nicht um Merkmale, die wir nur auf dem Balkan finden. Manche dieser Muster können sich auch in anderen südeuropäischen Ländern finden, etwa in Italien. Ich denke hier an die große Bedeutung personalisierter Netzwerke und das relativ geringe Vertrauen in staatliche Institutionen.“

Die Mischung macht’s

Insbesondere in den letzten zwanzig Jahren wurden die Länder des Balkan durch politische und wirtschaftliche Veränderungen vor gewaltige Herausforderungen gestellt. Auch dabei seien sie wiederum Teil eines größeren Zusammenhangs, sagt Höpken: „Es gibt eine Fülle von politisch-kulturellen Mustern, die wir heute in Südosteuropa finden, die sicherlich durch den Prozess der Ablösung des Kommunismus und den Übergang zu Demokratie und Marktwirtschaft ausgelöst worden sind. Das teilt der Balkan mit anderen ehemals sozialistischen Ländern.“ Was für die Staaten Südosteuropas womöglich spezifisch sei, liege weniger in der Besonderheit einzelner Elemente der politischen Kultur, sondern eher in ihrer Kombination. „Die Mischung der Zutaten macht das Gericht aus“, meint Höpken.

Die Balkanisierung Europas?

Eine wichtige Zutat sind die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Eliten, da sie maßgeblich die Formen der geltenden politischen Kultur mitgestalten. Anton Sterbling, Soziologe aus Sachsen, betont: Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus sei es nur auf den ersten Blick in den betroffenen Ländern zu einem Wechsel der Eliten mit neuen weltanschaulichen Positionen gekommen. „Allerdings besteht eine Kontinuität der Eliten insofern, als die neuen Eliten in vielen Fällen aus den gleichen Herkunftsgruppen stammen wie die alten und sich zum Teil auch auf ähnlichen Aufstiegswegen formiert haben. Im mehrfachen Sinne gibt es also eine Kontinuität der Eliten.“

Gemeinsam sei den Staaten Südosteuropas der Wille zur Teilnahme am Prozess der europäischen Integration. Dafür müssen sie zahlreiche institutionelle und auch gesellschaftliche Reformen durchführen. Am Ende dieses Prozesses bleibe nichts wie es einmal war, betont Sterbling: „Es gibt immer kollektive Lernprozesse. Migrationsprozesse, Austauschprozesse, Kommunikationsprozesse sind wichtige Elemente. Die europäische Entwicklungsdynamik birgt viele Chancen, Südosteuropa in den gesamten europäischen Raum zu integrieren. Dabei wird sich auch dieser Raum ändern, er wird sich ein Stück balkanisieren.“

Autor: Zoran Arbutina

Redaktion: Birgit Görtz