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Asien

Elf Jahre im Dienst von Kim Jong Il

Früher war es sein Job, das Leben Kim Jong Ils zu schützen. Heute setzt sich Lee Young Guk für die Menschenrechte in seiner Heimat ein und berichtet von der Zeit als Bodyguard eines Diktators.

Er kam ihm so nah wie kaum jemand. Manchmal stand Kim Jong Il nur wenige Meter entfernt von Lee Young Guk. Von Ende der 1970er bis Ende der 1980er Jahre gehörte Lee zur Leibwache des späteren nordkoreanischen Führers, bewegte sich im unmittelbaren Umfeld der Mächtigsten im Land. Seine Geschichte ist die eines Mannes, der von einem funktionierenden Rädchen im System zum Kritiker des Regimes wurde.

Lee lebt mittlerweile in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Er reist herum, um seine Geschichte zu erzählen. So wie an diesem Dienstag (23.02.) in Genf. Da trat der 54-Jährige beim diesjährigen Menschenrechtsgipfel auf - mit einer deutlichen Botschaft im Gepäck: Lees Ziel ist es, auf die gravierenden Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea aufmerksam zu machen und den amtierenden Machthaber Kim Jong Un vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen, den Sohn des Mannes, den er früher einmal mit seinem Leben beschützte.

Als Lee in den elitären Kreis der Kim-Personenschützer berufen wurde, war er noch Schüler. An sämtlichen Schulen gab es damals ein groß angelegtes Auswahlverfahren, um die Leibwächter für den Sohn von Staatsgründer Kim Il Sung zusammen zu stellen. Bei umfangreichen Tests wurden alle Kandidaten auf Herz und Nieren geprüft. Ihre körperliche Eignung spielte dabei ebenso eine Rolle wie der Charakter. "Am allerwichtigsten aber war der familiäre Hintergrund", erklärt Lee. "Und dabei geht es speziell um die Frage, ob es in der Verwandtschaft politische Gefangene gab oder ein Familienmitglied, das nach Südkorea geflohen war."

Kim Jong Il regierte Nordkorea von 1994 bis zu seinem Tod 2011. (Foto: Reuters)

Kim Jong Il regierte Nordkorea von 1994 bis zu seinem Tod 2011

Smalltalk mit dem Diktatoren-Sohn

Bei Lee Young Guk stimmte alles. Und nach einem Jahr stand fest: Er hatte die Stellung sicher. Dann habe es noch ein spezielles Vorbereitungstraining für den Job und eine Art Gehirnwäsche gegeben, berichtet er. "Uns wurde eingetrichtert, was für ein gottgleicher Mensch Kim Jong Il ist. In meinem Kopf war er eine großartige Person." Doch als er ihm dann von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden habe, sei der Eindruck ein ganz anderer gewesen. Kim, damals noch keine 40 Jahre alt, sei sehr energiegeladen und regelrecht ausgelassen gewesen. "Er drückte sich vulgär aus. Es war überhaupt nicht der Mann, den ich erwartet hatte."

Es sei keine Seltenheit gewesen, dass Kim mit ihm und den anderen Leibwächtern ein Gespräch begann. "Er plauderte mit uns und fragte beispielsweise, ob jemandem kalt sei." Die Bodyguards hätten ihrerseits um die Aufmerksamkeit ihres "Schützlings" gebuhlt. Es habe einen regelrechten Konkurrenzkampf um seine Gunst gegeben. Den Leibwächtern sei es für nordkoreanische Verhältnisse gut gegangen, sie wurden versorgt, mussten anders als weite Teile der Bevölkerung keinen Hunger leiden. "Kim Jong Il hing an seinen Leibwächtern. Nicht zuletzt deshalb, weil sie sein Privatleben von der Öffentlichkeit abschirmten und auch dafür sorgten, dass seine Macht nicht in Gefahr geriet."

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Das andere Gesicht

Doch bei aller bevorzugten Behandlung, die die Bodyguards genossen, sei die Angst auch bei ihnen immer ein ständiger Begleiter gewesen. Angst, etwas falsch zu machen und in Ungnade zu fallen. Denn selbst ein kleiner Fehler habe zu gravierenden Folgen führen können, auch für die ganze Familie, so Lee. Kim sei nämlich ein sehr stimmungsabhängiger Mensch gewesen. "Er war sehr grausam und kannte keinerlei Gnade. Wenn Menschen hinter seinem Rücken redeten oder über ihn lachten, dann ließ er sie über Nacht verschwinden. Auch seine Getreuen." Überprüfen lassen sich die Aussagen Lees allerdings nicht.

Lee schaut immer nach unten, wenn er spricht. Nicht in die Augen seines Gesprächspartners. Und er benutzt seine Hände beim Reden. Sie sind fast pausenlos in Bewegung. Selbst jemanden umgebracht habe er nicht im Auftrag Kim Jong Ils, sagt er. "Meine Aufgabe war es, ihn zu schützen. Für das Töten waren andere zuständig."

Eine Gewissensfrage

1988 endete seine Zeit als Bodyguard. Er musste seinen Job räumen, nicht weil er ihn nicht gut gemacht hätte, sondern weil sein Cousin die Stellung als persönlicher Chauffeur Kim Jong Ils bekommen hatte. Zwei Familienmitglieder gleichzeig im direkten Dienst der Kims, das war verboten. Zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt kam Lee wieder heraus aus Pjöngjang, heraus aus dem Dunstkreis der Herrscherfamilie, heraus aus dem goldenen Käfig, in dem er mehr als ein Jahrzehnt verbracht hatte. Nicht einmal Kontakt zu seiner Familie durfte er in dieser Zeit haben.

Er sei entsetzt gewesen über die Armut im Land. "Ich sah, dass sich quasi nichts verändert hatte in der Außenwelt, während ich weg war. Dass es den Menschen immer noch so schlecht ging wie vorher, dass sie Hunger litten oder gar verhungerten." Auch Skepsis gegenüber der eigenen Führung sei in ihm aufgekommen, zum ersten Mal. "Es wurde nach außen in den Medien und vom Propagandaapparat immer so dargestellt, als würde Kim mit seinem hungernden Volk weinen. Es hieß, aus Mitgefühl mit den Menschen würde auch er freiwillig nichts essen." Tatsächlich hätten die Kims in Saus und Braus gelebt, umgeben von Luxusgütern. Lees Stimme klingt gepresst, als er davon erzählt.

Kim Il Sung (l.) und Kim Jong Il (Foto: Reuters)

Kim Il Sung (l.) und Kim Jong Il

Vom Leibwächter zum politischen Gefangenen

Nach dem Ausscheiden aus der Leibwache Kim Jong Ils arbeitete Lee in einer niedrigen Position weiter für die Regierung. Er nutzte seine berufliche Vergangenheit, um außer Landes zu kommen. Noch immer nämlich genoss er Privilegien, weil er für den Sohn Kim Il Sungs gearbeitet hatte. 1994 bekam er ein Visum für einen China-Besuch, wollte von dort weiter nach Südkorea fliehen.

Doch der Plan ging schief. Lee wurde verraten, von einem Mann, der ihm eigentlich Unterstützung versprach, ihn aber stattdessen an die nordkoreanischen Behörden verkaufte. So erzählt er es. Er wurde nach Nordkorea zurückgebracht und landete im Lager Yodok, dem sogenannten Camp 15.

"Die Gefangenen dort wurden wie Tiere behandelt", sagt er. Und korrigiert dann: "Nein, schlechter als Tiere." Er habe Mäuse und Schlangen essen müssen, um zu überleben. Denn Nahrung habe es kaum gegeben. "Und alle zwei Wochen wurden reihenweise Häftlinge ausgewählt, die dann hingerichtet wurden. Wir anderen mussten zuschauen, vielleicht zehn Meter entfernt."

Insgesamt vier Jahre und sieben Monate verbrachte er im Straflager. Dann wurde er entlassen. "An einen erneuten Fluchtversuch habe ich gar nicht gedacht." Zu tief sitzen die Erfahrungen, die er im Straflager gemacht hatte.

Doch dann kam es anders. Sein Haus sei verwanzt gewesen, jeder Schritt sei überwacht worden. Und eines Tages hätten die Sicherheitsdienste versucht, ihn festzunehmen. Über die Gründe sagt er allerdings nichts. Obwohl er Handschellen trug, sei es ihm gelungen, sich los zu reißen und über den Grenzfluss nach China zu fliehen.

Neuanfang in Seoul

Seit Mai 2000 ist Lee Young Guk in Südkorea. Nur wenige Dutzend Kilometer trennen ihn von seinem Heimatland. Bis heute hat er Angst vor dem nordkoreanischen Regime, selbst beim Menschenrechtsgipfel in Genf fragt er sich, ob er verfolgt und abgehört wird. "Aber ich will mich nicht davon beherrschen lassen", sagt er.

Deshalb redet er. Vielleicht auch, um die eigene Vergangenheit zu verarbeiten. Nur über ein Thema möchte er nicht sprechen: Seine Familie in Nordkorea. Da ist die Angst dann doch zu groß.