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Musik

Elektro-Pionier Pierre Henry ist tot

Er sammelte Alltagsgeräusche und baute mit ihnen Klangcollagen: Der Franzose Pierre Henry war der Begründer der konkreten Musik und gilt vielen als Wegbereiter des Techno. Jetzt ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.

Pierre Henry starb nach Aussage seiner Assistentin gegenüber der Nachrichtenagentur AFP in der Nacht zum Donnerstag (06.07.2017) in Paris. 

Dort wurde er 1927 geboren. Früh kam er zur Musik: Als Zehnjähriger besuchte er ein Konservatorium, lernte dort zehn Jahre lang neben Klavier und Schlagzeug auch Komposition und Harmonielehre. Mit 18 Jahren begann er, als Orchestermusiker zu arbeiten, gab dies aber nach fünf Jahren zugunsten einer Komponistenkarriere auf und gründete mit Pierre Schaeffer die "Groupe de Recherches de la Musique Concrète". Es war eine radikale Abkehr von der Klassik. 

Henrys Kompositionen mit Schaeffer gelten als zentrale Werke der konkreten Musik. Charakteristisch für diesen Musikstil sind Klangmontagen aus Alltagsgeräuschen, Verfremdungseffekte und das Fehlen von Partituren. Das erste Konzert in Paris, bei dem die von Henry und Schaeffer konzipierte "Symphonie pour un homme seul" unter Mithilfe eines Toningenieurs uraufgeführt wurde, erregte Aufsehen: Das Werk bestand aus Geräuschen wie Stimme, Herzschlag oder Atem und instrumentalen Klängen, die alle von einem einzigen Menschen erzeugt werden konnten.

Schwarz-weiß Foto des Komponisten Pierre Henry in der Cité de la Musique in Paris. (Foto: Imago/Leemage)

Pierre Henry 2008 in der Cité de la Musique Paris

"Vater der modernen Musik"

Und Henry ging immer neue Wege. Er bezeichnete sich selbst als "Vater der modernen Musik". Sein Ziel war eine Verbindung von konkreter, elektronischer, instrumentaler und vokaler Musik, die er elektroakustische Musik nannte.

Häufig verbrachte er seine Tage damit, Geräusche in den Straßen und Parks des Pariser Ostens aufzunehmen, wo er wohnte. Dabei soll es vorgekommen sein, dass er vorbeilaufenden Joggern für ihr Keuchen Komplimente machte.

Henrys wohl bekanntestes Werk ist die 1967 für das Theaterfestival von Avignon geschriebene "Messe pour le temps présent" (Messe für die heutige Zeit), die er zusammen mit dem Filmkomponisten Michel Colombier komponierte. Teil dieser Messe war "Psycho Rock", das 1969 zum Soundtrack des oscarprämierten Films "Z" (Regie: Constantin Costa-Gavras) gehörte. 

Aber nicht alles war so eingängig für das Ohr: Seine 1963 produzierten "Variationen für eine Tür und einen Seufzer" bestehen aus fast 50 Minuten voller quietschender Türen, Schnarcher und Seufzer.

"Großvater des Techno"

Henrys Interesse für Rockmusik und Techno führte auch zu Neubearbeitungen durch andere Musiker, z.B. wurde sein "Psycho Rock" von dem DJ Fatboy Slim neu aufgelegt. Auch das trug zu Henrys Spitznamen "Großvater des Techno" bei, den er selbst aber stets ablehnte.

Der französische Elektromusiker Jean-Michel Jarre würdigte Henry gegenüber der französischen Nachrichtenagentur AFP als "einen der großen Klang-Wegbereiter des 20. Jahrhunderts. Er war nicht nur ein Musiker und Erneuerer, er war ein Poet. Er hinterlässt ein großes und beeindruckendes Werk, und ich hoffe, Frankreich erweist ihm die Ehre, die er verdient." Mehrere französische Orchester haben bereits Hommagen angekündigt, und auch zum Nationalfeiertag am 14. Juli soll sein "Psycho Rock" in Paris erklingen.

ka/ bb (afp/munziger)

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