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Politik

El-Kaida: Die ideologische Leitstelle

Die Anschläge von Madrid und London waren nicht das Werk von El-Kaida. Für Experten keine Überraschung. Die Bedeutung von El-Kaida als operative Terrorgruppe ist geschwunden. Die eigentliche Bedrohung liegt woanders.

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Bin Laden: Einfluss über Reden und Videos

El-Kaida ist der Inbegriff des internationalen Terrors. Nach den Anschlägen in Madrid am 11. März 2004 und nach dem Bombenterror in London am 7. Juli 2005 war der Begriff wieder einmal schnell in aller Munde. Die Formel schien einfach: Simultane Anschläge auf zivile Ziele ist gleich El-Kaida. Guido Steinberg, Terrorexperte der Stiftung für Wissenschaft und Politik kritisiert den inflationären Gebrauch des Wortes El-Kaida. "El-Kaida wird häufig für das ganze, sehr diverse Feld militanter Islamisten benutzt. Das ist falsch."

Mehr Differenzierung sei nötig. "El-Kaida ist nach meiner Definition die Organisation, die von Bin Laden und Al-Zawahiri angeführt wird. Die ist weitgehend zerschlagen und ist seit Ende 2003 nicht mehr für Planung und Organisation von Anschlägen verantwortlich." Die Terrorgruppe habe keinen "operativen Einfluss" mehr. Stattdessen habe sie die Funktion einer "ideologischen Leitstelle" übernommen.

El-Kaida überschätzt

Es gebe viele unabhängige Gruppen, die sich nur noch der Ideologie bedienen, aber ansonsten eigenständig aktiv werden. So geschehen - wahrscheinlich - in Madrid und London. Die spanische Justiz hat inzwischen Anklage gegen 29 Verdächtige erhoben. Sie gehörten einer lokalen islamistischen Terrorzelle an, die sich zwar von El-Kaida inspirieren ließ, aber dem internationalen Terrornetz nicht direkt angehörte. Die Attentäter hätten vielmehr mit der Islamistischen Gruppe Marokkanischer Kämpfer (GICM) in Verbindung gestanden. Auch so in London: Die Anschläge sollen das Werk von vier britischen Muslimen sein. Die Polizei konnte keinerlei Hinweise finden, die auf eine direkte Verbindung zu El-Kaida hindeuten.

El-Kaida als Terrorgruppe nur noch ein Schatten ihrer selbst? Die International Crisis Group kommt in einer Studie über die Aufständischen im Irak zu dem Schluss, dass die Bedeutung von El-Kaida überbewertet wird. El-Kaida sei dort nur eine Gruppe von vielen. Die USA hätten sich in ihrem "Anti-Terror-Kampf" im Irak zu stark auf die Gruppe fixiert. Das meint auch Christopher Daase. "Die Strategie der USA die Aufständischen Gruppen mit El-Kaida in Verbindung zu bringen ist falsch. Dadurch wird die soziale Komponente des Aufstands nicht erkannt", sagt der Experte für Internationale Politik an der Universität München.

"Homegrowns" als Gefahr

Die eigentliche Bedrohung für den Westen liegt nach Ansicht von Steinberg auch nicht bei den Extremisten, die gegen die US-Besatzung im Irak kämpfen. Sie komme vielmehr von den Gruppen, die sich als Ziel einen "globalen Dschihad gegen den Westen" gesetzt haben. Und die sitzen nicht weit weg, sondern mitten in Europa. Darauf hat der britische Geheimdienst MI5 bereits kurz nach den Anschlägen in London in einer Studie hingewiesen. Die Gefahr geht demnach von den so genannten "homegrowns" aus, junge Menschen aus Einwandererfamilien, die bereits in zweiter oder dritter Generation in Großbritannien leben.

Die Anschläge der Zukunft würden von Zellen mit geringem Organisationsgrad, ohne stringente, weltweite Kommandostrukturen ausgeübt, glaubt Steinberg. Die Ideologie für diese Gruppen liefere El-Kaida. Die Motivation zum Terror komme dabei vor allem aus der persönlichen Lebenssituation im Heimatland. "Das ist im Fall der Londoner Anschläge besonders bedenklich, da hier das Heimatland Großbritannien ist."

Nicht nur Muslime radikalisieren sich

Insbesondere die dritte Generation von Einwanderern neige dazu, sich zu radikalisieren, sagt Daase. "Es gibt inzwischen eine große Sympathisantenszene für den islamistischen Terrorismus. Und das nicht nur unter Muslimen", betont der Politologe. Innerhalb dieser Szene habe sich eine "fundamentalistische Jugendkultur" gebildet, die strukturell anderen Subkulturen ähnelt, wie zum Beispiel den Neonazis. Hier wird Gewaltbereitschaft und Hass verbreitet und das nicht so sehr über den Islam, die Religion, sondern vielmehr über Musik, über Songs oder Videos. "Das ist der Nährboden für kleine Gruppen wie die in London, die dann auf eigene Faust Anschläge verüben", so Daase.

Die Nachrichtendienste stehen dem Phänomen der "homegrowns" eher hilflos gegenüber. "Die Bedrohung ist diffuser. Dies Gruppen sind nur schwer zu bekämpfen", sagt Daase. Ein schwacher Trost bleibt: Durch ihre lockere Organisationsstruktur seien sie zumindest nicht zu Anschlägen von der Größenordnung eines 11. Septembers fähig.

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