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Bücher

"El Eternauta": argentinische Comicfigur als Volksheld

1957 schrieb Héctor Germán Oesterheld einen Comic über eine Alien-Invasion in Buenos Aires und das Verschwinden zahlreicher Menschen. Ein Schicksal, das ihn während Argentiniens Militärdiktatur später selbst ereilte.

Außerirdische übernehmen die Macht in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires. Sie schicken giftigen Schnee, todbringende Käfer und Stachelmonster. Der Familienvater Juan Salvo tritt in den Kampf mit den übermächtigen Gegnern, die unsichtbar und anonym bleiben und einfach nur "Sie" genannt werden. Juan Salvo ist der "Eternauta", der "ewig Reisende", der im Krieg gegen die Aliens am Ende auf der Suche nach seiner Familie durch Zeit und Raum irrt. Diese Geschichte erzählte der argentinische Comic-Autor Héctor Germán Oesterheld in seinem 1957 veröffentlichten Comic "El Eternauta".

Hector German Oesterheld

Bis heute wurde Héctor Germán Oesterhelds Leiche nicht gefunden

Zwanzig Jahre später ereilt Oesterheld ein ähnliches Schicksal wie seinen Comic-Helden: Im Comic führen die Außerirdischen einen gnadenlosen Vernichtungskrieg in den Straßen von Buenos Aires. Im echten Argentinien versetzt die Militärjunta unter Jorge Rafael Videla ab 1976 die argentinische Bevölkerung mit Staatsterror in Angst und Schrecken. Oesterheld und seine vier Töchter lehnen sich in einer linken Widerstandsgruppe gegen die Militärdiktatur auf. Daraufhin werden sie verschleppt und gefoltert. Damit teilen sie das Schicksal von 30.000 Argentiniern, den sogenannten "Desaparecidos", den Verschwundenen. Die Töchter wurden ermordet, erfuhr die Familie später. Man vermutet, dass auch Oesterheld im Jahr 1979 von Handlangern des Regimes getötet wurde. Von seinem Leichnam fehlt bis heute jede Spur.

"El Eternauta" kommt nach Deutschland

Oesterhelds Comic mit den eindrucksvollen Zeichnungen von Francisco Solano López wurde in Argentinien ein großer Erfolg. Doch seinen Weg in den deutschen Markt fand er erst jetzt: Im Januar veröffentlichte der Avant-Verlag die deutsche Erstübersetzung des argentinischen Science-Fiction-Epos. Das Literaturhaus Stuttgart zeigt dazu eine Comic-Ausstellung mit dem Titel "Der Mythos Eternauta".

Auszug aus El Eternauta. Rechts im Bild: der Alien-Widersacher ves Held Juan Salvo. Copyright: Héctor Germán Oesterheld/Francisco Solano López/avant-verlag

Auszug aus "El Eternauta". Rechts im Bild: Alien-Widersacher von Held Juan Salvo

Den Stein ins Rollen brachte die Journalistin Anna Kemper - mit einem langen Artikel, der im Januar 2015 im "ZEIT"-Magazin erschien: Unter dem Titel "Auf der Suche nach der verlorenen Familie" schildert die Journalistin das tragische Schicksal von Oesterhelds Familie. Auf die Geschichte stieß sie bereits 2009, als sie in Argentinien für einen anderen Artikel recherchierte. Sie sah Bilder von Oesterhelds Töchtern, die sie fesselten, erzählt Anna Kemp im Gespräch mit der DW: "Das sind vier junge Frauen, die voller Leben sind und von denen man eben weiß, dass sie umgebracht worden sind in der Diktatur. Und das sind Bilder, die mich jahrelang nicht losgelassen haben." Fünf Jahre später traf sich Kemper in Argentinien mit den verbliebenen Angehörigen des Comic-Autors.

Wenn Fiktion Wirklichkeit wird

Beim Blick auf Oesterhelds Familiengeschichte fallen erschreckend große Parallelen zwischen der Story, die im Comic erzählt wird, und der Geschichte Argentiniens auf: die Invasion einer unsichtbar bleibenden Macht, der sich formierende Widerstand in der Bevölkerung, die Gefangenschaft im Folterlager und die endlose Suche nach den verschwundenen Familienmitgliedern.

Symbolbild Eternauta: Hier ziert der Comicheld die U-Bahnstation Uruguay in Buenos Aires. Copyright: Héctor Germán Oesterheld/Francisco Solano López/avant-verlag

Symbolbild "Eternauta": Hier ziert der Comicheld die U-Bahnstation "Uruguay" in Buenos Aires

Wie Realität und Fiktion fast gespenstisch ineinanderfließen, zeigt die Comic-Ausstellung zum "Eternauta" im Literaturhaus Stuttgart noch bis zum 15. April. Danach ist sie ab dem 10. Mai im Literarischen Colloquium Berlin zu sehen. Anna Kemper ist Mit-Kuratorin der Ausstellung. Auch sie sieht starke Parallelen zwischen dem Schicksal vom Comic-Held Juan Salvo und dem von Hectór Germán Oesterheld.

Hat Oesterheld also eine Vorahnung gehabt? Anna Kemper glaubt das nicht. Der Comic aus den 1950er Jahren sei eher am Kalten Krieg orientiert und in seiner Handlung auf viele Arten von totalitärer Herrschaft anwendbar. Sie glaubt aber, "dass man in diesem Comic schon sehen kann, was Oesterheld für eine Persönlichkeit war, was seine Werte waren und dass jemand mit diesen Werten dann aktiv werden musste", als die Militärherrschaft in Argentinien begann. "Auch wenn klar war, dass er damit sein Leben riskiert."

Aufarbeitung der Zeit der Militärdiktatur

Das Kapitel der "Desaparecidos" ist in Argentinien bis heute aktuell. In den letzten Jahren - vor allem unter der Regierung Néstor Kirchners zwischen 2003 und 2007 - wurde die Aufarbeitung der Geschehnisse aus der Zeit der Militärdiktatur stark vorangetrieben.

"El Eternauta" endet mit der Niederlage des Helden Juan Salvo: Er ist dazu verdammt, auf ewig seine Familie zu suchen. "Damit können sich immer noch unglaublich viele Argentinier identifizieren", weiß Anna Kemper. Denn bis heute wissen viele nicht, was damals mit ihren Familienmitgliedern geschehen ist. Kinder suchen ihre verschwundenen Eltern - und andersherum.

Mit tödlichem Schnee greifen die Außerirdischen Buenos Aires an. Copyright: Héctor Germán Oesterheld/Francisco Solano López/avant-verlag

Die Außerirdischen greifen Buenos Aires mit todbringendem Schnee an

Der "Eternauta" als Symbol gegen das Vergessen

Insofern ist der "Eternauta" in dem südamerikanischen Land ein wichtiges Symbol. Er ist eine politische Figur, die für den gemeinsamen Kampf gegen eine Übermacht steht und "für das Eintreten für die Aufarbeitung der Diktatur und für die Menschenrechte", sagt Anna Kemper.

Héctor Germán Oesterheld schrieb nach dem ersten Comic noch zwei Fortsetzungen, die politisch eindeutiger waren und klarer Bezüge zur Situation in Argentinien aufwiesen. Eine davon schrieb er bereits im Untergrund. Die Fortsetzung gibt es bislang nur auf Spanisch. Der Avant Verlag will sie jedoch, wie den ersten Teil, auf Deutsch veröffentlichen - wann genau das sein wird, ist allerdings noch nicht klar.

Argentinien ist kein Einzelfall

Aktualität gewinnt die Geschichte um "El Eternauta" und Oesterheld durch Kriege wie den in Syrien: Laut Angaben von Amnesty International sind unter dem Assad-Regime 60.000 Menschen verschwunden. "Das sind eins zu eins die gleichen Geschichten, die gleichen Methoden. Man muss nur die Namen austauschen. Was damals in Argentinien passiert ist, wiederholt sich bis heute in verschiedenen Diktaturen und eben auch ganz aktuell in Syrien", erzählt Anna Kemper.

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