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Kultur

EKD-Ratsvorsitzender Schneider beim Papst

Der deutsche "Chef-Protestant" Nikolaus Schneider ist der erste deutsche Besucher, den der neue Papst in Privataudienz empfangen hat – noch vor katholischen Bischöfen aus Deutschland. Ein ökumenisches Ausrufezeichen!

Die Ökumene, also der Dialog und die Zusammenarbeit zwischen der römisch-katholischen Kirche und den anderen Kirchen insgesamt, hat in den vergangenen Jahrzehnten keine spektakulären Erfolge gezeitigt – auch nicht die mit den evangelischen Kirchen. Umso mehr verwundert es, dass Franziskus schon nach wenigen Amtswochen an diesem Montag (8.04.2013) den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, empfing, um mit ihm über die Ökumene zu sprechen. Diese Audienz war schon während der Amtszeit von Benedikt XVI. vorgesehen. Nach dessen Rücktritt ließ sein im März gewählter Nachfolger den Termin jedoch nicht annullieren, sondern bestätigen.

Besonderes Ereignis

Eines von Schneiders großen Anliegen während der rund halbstündigen Unterredung: eine Einladung an den Papst, zur aktiven Teilnahme am 500-jährigen Reformationsjubiläum im Jahr 2017, um gemeinsam für den christlichen Glauben zu werben. Die evangelische Kirche habe angeboten, "dass wir dies ökumenisch feiern können und dass auch die römisch-katholische Kirche an dieser Feier teilnimmt. Das solle jedoch kein passives oberflächliches Mitmachen sein, sondern die Schwesterkirche könne "auch ihre Akzente setzen". Ob Franziskus die Einladung Schneiders annehmen wird, bleibt noch offen.

Erfurt: Luther-Denkmal vor der Kaufmannskirche. Foto: Klaus Krämer, 05.07.2011

Martin-Luther-Denkmal

Die katholische Kirche hatte bislang eine Teilnahme abgelehnt. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz reagierte verhalten. Das mag verdeutlichen, wie groß der Graben ist, der die Konfessionen auch nach einem halben Jahrtausend noch trennt. Allerdings ist derzeit eine offizielle gemeinsame Erklärung zur Reformation in Arbeit. Der Päpstliche Einheitsrat und der Lutherische Weltbund feilen noch an sprachlichen Details. Der Text trägt den Titel "Vom Konflikt zur Gemeinschaft" und wird vermutlich noch in diesem Jahr veröffentlicht. Da wäre dann nach langer Zeit mal wieder ein Signal an die Gläubigen, dass sich im evangelisch-katholischen Dialog etwas bewegt.

Zwei Erfolge

Punktuelle Fortschritte gab es durchaus, doch entscheidende Durchbrüche? Fehlanzeige! Das lag nicht zuletzt am obersten Glaubenswächter der katholischen Kirche, der von 1982 - 2005 Joseph Ratzinger hieß.

Zwei nennenswerte Ergebnisse zwischen dem Vatikan und den großen evangelischen Kirchen kamen immerhin zustande. Dazu zählt die so genannte Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999. Die Frage, wie der Mensch vor Gott Gnade finden kann, war vor 500 Jahren Hauptursache für die von Martin Luther ausgelöste Kirchenspaltung. Allerdings konterkarierte Kardinal Ratzinger dieses Papier, das deutlich seine Handschrift trug, bereits im Jahr darauf. In einem offiziellen Dokument sprach er den reformatorischen Kirchen ab, Kirchen im vollwertigen Sinne zu sein. Für evangelische Christen war das ein Schlag ins Gesicht. Martin Bräuer, Spezialist für die katholische Kirche beim Konfessionskundlichen Institut in Bensheim, sagt, damit sei "das Gefühl aufgekommen: Wir sind nicht auf Augenhöhe. Das hat zu Beeinträchtigungen geführt. Das wirkt noch nach. Und daran müssen wir arbeiten."

Dennoch gab es im Jahr 2006, dem zweiten Amtsjahr Ratzingers als Papst, einen weiteren Erfolg. Seitdem erkennen beide Konfessionen wechselseitig die Taufe an,  das Grundsakrament christlicher Existenz. Danach herrschte wieder Funkstille.

Kein Gastgeschenk

Papst Benedikt XVI. (r.) wird am Freitag (23.09.11) in Erfurt am Augustinerkloster vor Beginn eines oekumenischen Gottesdienstes vom Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, begruesst. Foto: Matthias Rietschel/dapd

Papstbesuch in Deutschland 2011. Der EKD-Ratsvorsitzende, Nikolaus Schneider, begrüßt Benedikt XVI.

Umso größer die Verwunderung auf evangelischer Seite im Jahr 2011: Papst Benedikt XVI. habe persönlich veranlasst, bei seinem Deutschlandbesuch der ökumenischen Begegnung breiten Raum zu geben, verlautete aus dem Vatikan. Das wurde als starkes Symbol verstanden, denn Schauplatz der Begegnung sollte Mitteldeutschland sein, das Kernland der Reformation. Mehr noch: mit dem Erfurter Augustinerkloster war es der Ort, an dem der spätere Reformator Martin Luther von 1505 bis 1511 als katholischer Mönch und Priester lebte und studierte. Hier bekamen Luthers Vorstellungen einer erneuerten Kirche erste Konturen und gingen schließlich um die Welt. Allerdings betonte der Papst bei der Begegnung mit den Spitzen der evangelischen Kirche, ein "ökumenisches Gastgeschenk" werde es nicht geben. Das sorgte für Enttäuschung in beiden Konfessionen. Eine weitere Annäherung der Konfessionen blieb aus.

Ökumenischer Frühling?

Pfarrer Martin Bräuer, Catholica-Referent des konfessionskundlichen Instituts in Bensheim *** undatiertes privates Bild

Martin Bräuer, Catholica-Referent des Konfessionskundlichen Instituts in Bensheim

Bereits kurz vor der Wahl des jetzigen Papstes wünschte sich der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider, Repräsentant von gut 23 Millionen evangelischen Kirchenmitgliedern, dass der neue Pontifex weiter das Gespräch mit den Kirchen der Reformation sucht. Das ist mit dieser Audienz, wie er sagt, in einem Austausch von "Herz zu Herz"  geschehen. Schneider resümiert: "Ich denke, dieser Papst ist gewillt, Türen und Fenster zu öffnen, sodass auch neue Bewegungen möglich werden." Und auch Ökumene-Experte Martin Bräuer beobachtet Veränderungen: Der Papst spreche von sich sehr stark als dem Bischof von Rom und habe nicht so sehr den Papst als Führer der Weltkirche hervorgehoben. "Damit knüpft er eigentlich an den Reform-Papst Johannes XXIII. an. Das könnte unter Umständen bedeuten, dass zumindest wieder mehr diskutiert werden kann." Es könnte aber auch bedeuten, dass das Papstamt neu interpretiert wird. Also: Spannende Zeiten!