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Politik

Eiszeit oder Wintermärchen?

Droht Russland nach den Wahlen und dem harten Vorgehen Putins gegen den Ölmagnaten Chodorkowski eine neue Eiszeit? Ein Blick in die Geschichte und auf die Wetterkarte gibt Hinweise.

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Die Liberalen wurden aus der Duma rausgewählt, dafür erzielte der Wahlverein des Kremls, die farb- und formatlose Putin-Partei "Geeintes Russland" einen erdrutschartigen Sieg. Zusammen mit dem grauen Kreml-Klon plumpsten auch noch die Krawall-Nationalisten des Herrn Schirinowski ins Parlament, wie auch die eben erst gegründete Parei "Heimat", die mit Slogans rund um das Thema "Russlands Ressourcen gehören dem Volk, nicht den Oligarchen" erfolgreich auf Stimmenjagd gegangen waren.

Das Ergebnis der Parlamentswahlen sowie die politische Großwetterlage sind hinreichend bekannt: Es schmeckt ein wenig nach "Back in the USSR". Hinter der Putinschen Fassadendemokratie schlummert das Ein-Parteien-System, die demokratisch-parlamentarische Opposition vom Wähler in die Wüste und in den Winterschlaf geschickt. Und das Investitionsklima ist nach den Ereignissen rund um den Ölkonzern Yukos und der spektakulären Verhaftung des Ölmagnaten Michail Chodorkowski merklich um einige Grade gesunken.

Schlechte Erfahrungen

Im Westen wundert man sich. Kommt nun nach vier Jahren Putinscher Reformen eine neue Eiszeit? Für verlässliche Prognosen ist es noch zu früh, doch der Blick auf die Jahreszeiten und Wetterkarte hilft, die Dinge ein wenig einzuordnen.

Historisch gesehen hat der Winter den Russen allgemein und der Demokratie ganz speziell nie Gutes gebracht. Eine nach dem Monat Dezember benannte Gruppe von Verschwörern scheiterte im Winter 1825 mit ihrem Umsturzversuch kläglich. Die "Dezembristen", die das Ende der Autokratie und ein demokratisches Parlament zum Ziel hatten, wurden rasch verhaftet und flugs nach Sibirien verfrachtet.

Schlechte Stimmung

Die Bolschewiki schließlich verpassten den Russen knapp hundert Jahre später eine siebzig Jahre dauernde Eiszeit. Und die begann bekanntlich im Winter mit dem Sturm auf das Winterpalais im November 1917. Halten wir also fest: Der russische Winter und Demokratie passen einfach nicht zusammen.

Im Übrigen sollte man den Russen einfach auch nachsehen, dass sie bei den Duma-Wahlen verstärkt den nationalistisch-patriotischen Parteien ihre Stimme gaben. Schließlich schlagen das Wetter und die Jahreszeit deutlich aufs Gemüt. Wer dieser Tage durch knietiefe Schneematschpfützen waten muss oder von den Dächern herabfallenden Eis- und Schneelawinen getroffen wird, lässt sich vermutlich um so mehr von Parolen die für ein einiges, starkes Russland werben, erwärmen.

Warme Wohnungen

Das alles ist natürlich nur graue Theorie. Aber vergessen wir doch einfach für drei Monate die große Politik, sie ruht ja ohnehin. Denn im März sind Präsidentschaftswahlen, die Wladimir Putin mühelos gewinnen wird. Bis dahin haben die Russen ohnehin nur die Erwartung, dass ihre Wohnungen schön warm bleiben. Im Frühjahr, nach den Präsidentschaftswahlen, wenn der Schnee schmilzt und mit den Blumen vielleicht auch wieder die Aktienkurse blühen, kann man sich wieder den Reformen zu wenden. So wird es hoffentlich auch der Präsident halten. Denn aus klimatischer Sicht herrscht dann ja Tauwetter…