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Alltagsdeutsch – Podcast

Eiskunstlauf

Kaum einer Sportart darf die Anstrengung bei der Ausübung so wenig angesehen werden wie dem Eiskunstlauf. Und gerade deshalb haben kleinste Fehler oft große Auswirkungen – und führen nicht selten zu menschlichen Dramen.

Sprecherin:
Allein auf einer spiegelnden Eisfläche dahingleiten. Graziöse Pirouetten drehen. In waghalsigen Sprüngen durch die Luft wirbeln, ein bezauberndes Kleidchen tragen und schön wie eine Prinzessin sein. Tausende kleiner Mädchen träumen diesen Traum vom Eiskunstlauf. Die 17-jährige Berlinerin Susanne Peters hat sich diesen Traum erfüllt. Und schnell erkannt, dass der Weg lang und hart ist, wenn das Ergebnis am Ende leicht und mühelos aussehen soll.

Susanne Peters:
"Unheimlich schwer, weil der Tag sehr lang ist. Man ist also von 8 Uhr morgens bis15 Uhr mit der Schule beschäftigt und muss dann noch versuchen, dann Hausaufgaben zu erledigen und ist ab 16.30 Uhr in den Trainingsbetrieb mit eingebunden. Und der dauert in der Regel bis 21 Uhr. Und man ist fertig und kaputt, wenn man abends nach Hause kommt und hat dann auch keine Zeit mehr, zu lernen."

Sprecher:
Susanne ist nach dem Training fertig und kaputt. Fertig zu sein, bedeutet, eine Arbeit abgeschlossen zu haben. Im übertragenen Sinne aber auch, durch die Arbeit ermüdet und geschwächt zu sein. Fertig sein ist also ein anderer Ausdruck für "erschöpft sein". Kaputt kommt vom französischen "capoter". Das bedeutet "sich überschlagen", "kentern". Im Deutschen wird kaputt als Ausdruck dafür benutzt, dass etwas nicht mehr funktionstüchtig ist. Auf eine Person bezogen bedeutet kaputt sein, zu erschöpft sein, um mit einer Tätigkeit fortzufahren.

Sprecherin:
Susanne ist das anstrengende Training gewohnt. Seit ihrem vierten Lebensjahr steht sie schon auf dem Eis. Nach elf Jahren in Berlin ist sie mit ihren Eltern nach Dortmund gezogen. Die deutsche Meisterschaft ist ihr nächstes Ziel. Aber der Umzug nach Dortmund und eine langwierige Verletzung haben ihr zugesetzt. Doch ihr Trainer Vladimir Gnilosoubow ist unerbittlich.

Vladimir Gnilosoubow:
"Bogen weiterlaufen, zum Partner, ja, so ist besser, gegen, Gegenposition, so, und dann ein Bogen im Kreis, und Spielbein bitte zum Partner hinstrecken, so weiter. Ja, besser ..."

Sprecherin:
Zusammen mit Susanne, der Kürläuferin, trainiert in Dortmund auch die Eistänzerin Jill Vernekohl. Die 20-jährige Bochumerin steht seit ihrem sechsten Lebensjahr auf dem Eis. Als sie zwölf war, haben ihre Trainer entdeckt, dass sie großes Talent zum Eistanzen hat. Dreimal hat sie seither schon die deutschen Juniorenmeisterschaften im Eistanz gewonnen. Seit einigen Monaten trainiert sie mit einem neuen Partner: Er heißt Dimitrij Kurakin, aber alle nennen ihn Dima. Er kommt aus Estland und ist eigens für Jill ans Leistungszentrum nach Dortmund gewechselt. Jetzt arbeiten Jill und er hart an ihrem Eistanzprogramm für die Deutsche Meisterschaft.

Sprecher:
Eistanz
ist die eleganteste Disziplin im Eiskunstlauf. Die Paare zeigen keine akrobatischen Sprünge oder Hebungen. Dafür müssen sie in perfekter Harmonie bekannte Tänze wie Walzer, Cha-Cha-Cha oder Slowfox auf dem Eis präsentieren. Im Wettbewerb zeigen die Paare zuerst die so genannte Pflicht. Das sind streng festgelegte Figuren und Schrittfolgen, die so perfekt wie möglich ausgeführt werden müssen. Im Originaltanz dürfen die Paare dann eine eigene Choreographie zeigen. Jetzt zählt neben der technischen Perfektion auch die künstlerische Gestaltung.

Jill Vernekohl:
"Beim Durchlaufen, da geht man halt schon recht an seine Grenzen. Auch, wenn's nur Training ist. Und dann bin ich schon etwas außer Atem."

Sprecher:
Beim Training geht Jill an ihre Grenzen. Eine Grenze ist die gedachte Linie, die ein Land von seinem Nachbarland trennt. Bis zur Grenze gehen heißt also, so weit zu gehen, wie es überhaupt geht. Jill benutzt diesen Ausdruck in übertragenem Sinne: Sie geht an die Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit. Das heißt, sie trainiert so hart sie kann.

Sprecherin:
Susanne trainiert ebenfalls hart. Aber manchmal will es nicht so gelingen, wie sie gerne möchte. Immer wieder probiert sie einen Sprung. Und immer wieder fällt sie dabei hin. Stürze müssen Eiskunstläufer ertragen können. Auch, wenn die Hüften hinterher voller blauer Flecken sind und alles weh tut. Anders lassen sich die schwierigen Sprünge nicht erlernen. Aber Susanne gibt nicht auf. Sie verdrängt die Schmerzen und probiert ihren Sprung so lange, bis sie schließlich sicher auf den Kufen ihrer Schlittschuhe landet.

Susanne Peters:
"Es ist unheimlich schwer. Weil man viele Höhen und Tiefen mitmacht. Also, man kommt an dem einen Tag nach Hause und hat ein ganz tolles Training gehabt, wo alles funktioniert hat, und bildet sich hinterher ein, man kann Bäume ausreißen. Aber dann folgen wieder Tage, die unheimlich schlecht sind. Also, man kommt zumindest in so eine Art Depressionsphase, und es erfordert viel Kraft, sich dann da wieder rauszuholen. Das ist unheimlich schwer."

Sprecher:
Wer Bäume ausreißen möchte, der hat so viel Kraft, dass er glaubt, alles bewältigen zu können. Der Baum ist seit jeher ein Symbol für Stärke und Größe. In dieser Funktion taucht er in vielen deutschen Redensarten auf. Ein Kerl wie ein Baum zum Beispiel ist ein Ausdruck für einen großen, starken Menschen. Wer also von sich sagt, er könne Bäume ausreißen, meint damit, dass er sich stark und leistungsfähig, sprich: einfach gut fühlt.

Sprecherin:
Wenn Susanne einmal nicht nach Bäume-Ausreißen zumute ist, findet sie Trost bei ihrer Familie. Für die jungen Eiskunstläufer ist die Unterstützung der Eltern unverzichtbar. Die müssen allerdings nicht nur psychologische, sondern auch finanzielle Unterstützung leisten.

Frau Peters:
"Wenn man nicht gerade die Millionen auf dem Konto hat und einer geregelten Arbeit nachgeht, dann bedeutet Eiskunstlaufen für eine Familie, den Gürtel enger zu schnallen und den Finanzbedarf, den das Kind so pro Jahr hat, eben wirklich zusammenzukratzen. Und in unserer Familie ist das halt so, dass sich alles nach Susanne richtet und wir wirklich uns relativ wenig leisten können, um eben halt diese Sportart hier zu finanzieren."

Sprecher:
Für Susanne schnallt Frau Peters den Gürtel enger. Das heißt, sie verzichtet auf vieles, das sie selber gerne hätte. Wörtlich genommen würde jemand, der seinen Gürtel enger schnallt, damit seinen Magen einschnüren. Und in einen kleineren Magen passt nur wenig Essen. Er kommt also mit weniger aus.

Sprecherin:
Für die deutschen Meisterschaften hat Susanne eine neue, anspruchsvolle Kür einstudiert. Wenn der große Auftritt gekommen ist, wird sie nicht die einzige sein, die zittert. Ihr Trainer wird mit ihr bangen.

Vladimir Gnilosoubow:
"Natürlich, das ist wie in der Schule. Wettbewerb ist wie Prüfung. Prüfung für alle. Für die Läufer, für die Trainer. Und natürlich niemand möchte haben Fehler in dieser Prüfung."

Sprecher:
Und weil alle Trainer nervös sind, die Eiskunstläufer auf Meisterschaften vorbereiten, kennen sie in den Wochen vorher besonders wenig Pardon. Vom Weihnachtsfest haben Susanne, Jill und Dima deswegen so gut wie gar nichts. Die Meisterschaft findet kurz nach Neujahr statt. Über die Feiertage geht das Training daher weiter, wie immer. Und dann geht alles ganz schnell. Gemeinsam reisen Susanne, Jill und Dima nach Oberstdorf im Allgäu. Der berühmte Wintersportort richtet die Deutschen Meisterschaften im Eiskunstlauf aus. Der große Tag ist da.

Hallenansage:
"Deutsche Meisterschaften im Eiskunstlaufen. Zur Entscheidung der Damen."

Sprecherin:
24 Läuferinnen treten in der Kür der Damen an. Als dritte Läuferin muss Susanne aufs Eis. Noch einmal tief durchatmen. Dann heißt es: Alles riskieren!

Hallenansage:
"Nächste Läuferin: Aus Nordrhein-Westfalen: Susanne Peters!"

Sprecherin:
Susanne ist allein auf der spiegelblanken Eisfläche. Das Licht in der Halle ist gedämpft. Ein Scheinwerfer strahlt sie an. In ihrem blassrosa Kostüm mit dem kurzen, wehenden Röckchen und ihren kastanienroten Haaren sieht sie wie eine Elfe aus. Die Halle fasst tausend Zuschauer. Alle schauen auf sie. In eleganten Bögen beginnt sie, über das Eis zu gleiten.

Kürmusik

Sprecherin:
Susanne muss kämpfen. Die Sprünge gelingen nicht wie erhofft. Susanne lässt sich nicht anmerken, welche Qualen sie leidet. Für die Zuschauer sieht ihr Vortrag leicht und anmutig aus. Ein Sportreporter kommentiert ihre Kür:

Rundfunkreporter:
"Dreißig Sekunden noch, sie macht noch einmal einen zweifachen Toeloop, der ihr gelingt, und dann geht es langsam in die Schlusspirouetten hinein, die sie sehr schön mit einer Bielmann-Variante erweitert, noch einmal in die Hocke geht und das Bein nach oben streckt, sich selbst in Position bringt. Und die letzten Geigenstriche von Paganini gehen zu Ende. Und dann hat sie's geschafft."

Sprecherin:
Susanne ist zum Weinen zu Mute. Seit dreizehn Jahren trainiert sie. Die Deutsche Meisterschaft sollte das Sprungbrett sein zur internationalen Karriere. Dreizehn Jahre Arbeit für fünf Minuten Auftritt. Aber ein Körper ist keine Maschine. Auch das härteste Training ist keine Garantie dafür, dass Nerven, Körper und Seele in den entscheidenden Minuten so funktionieren, wie der Verstand es möchte. Am Ende belegt Susanne nur den 21. Platz. Sie ist unglücklich über die eigene Leistung.

Susanne Peters:
"Ich bin gestern ein relativ gutes Kurzprogramm gelaufen. Und dann wollte ich zu viel. Und dann entsteht so viel Druck, auch von außen und von sich selber auch, dass man dann unter ihm einbricht irgendwo."

Sprecher:
Wer einbricht, hat einen Untergrund betreten, der nicht trägt. Das heißt, der Boden bricht auf, wer darauf steht, fällt in die Tiefe. Bildlich gesprochen ist jemand, der einbricht, an einem Wagnis gescheitert. Oder er hat sich auf zu dünnem Eis bewegt. Das Bild vom zu dünnen Eis trägt die Vorstellung davon, dass man einbricht, wenn man darüber geht, bereits in sich. Daher meint der Ausdruck sich auf zu dünnem Eis bewegen auch nichts anderes, als an einem Wagnis zu scheitern.

Sprecherin:
Susanne hat viel gewagt, hart dafür gearbeitet und trotzdem nicht den Lohn dafür bekommen, den sie sich gewünscht hat. Aber bekanntlich kann nur der etwas Großes leisten, der sich durch Niederlagen nicht entmutigen lässt. Und das hat Susanne auch nicht vor.

Susanne Peters:
"Ich liebe das Eislaufen viel zu sehr, als dass ich das irgendwo jetzt aufgeben möchte. Aber irgendwo muss man versuchen, jetzt vielleicht einen anderen Zweig einzuschlagen und dann versuchen, sich irgendwo anders sich ein neues Leben vielleicht aufzubauen, oder so."

Sprecher:
Die Zweige an einem Ast werden als Symbol benutzt für die vielen Möglichkeiten, die das Leben für einen Menschen bereithält. Susanne wandelt mit dem Bild vom Zweig eine andere deutsche Redewendung ab. Sie will sagen, dass sie vielleicht einen anderen Weg einschlagen will. Einschlagen wörtlich genommen bedeutet, Holz zu fällen, also, sich einen Weg durch den Wald zu bahnen. Im übertragenen Sinne bedeutet einen anderen Weg einzuschlagen, sich neu zu orientieren. Für Susanne heißt das, sie wird in Zukunft vielleicht nicht mehr so viel Energie für das Eislaufen aufwenden, sondern sich anderen Dingen zuwenden. So könnte sie sich zum Beispiel gut vorstellen, statt aktiver Sportlerin Sportreporterin zu sein.

Sprecherin:
Im Moment ist aber noch keine Zeit für Zukunftspläne. Die Deutsche Meisterschaft im Eiskunstlauf ist noch in vollem Gange. Und Jill und Dima warten noch auf ihren großen Auftritt:

Hallenansage:
"Nächstes Paar aus Nordrhein-Westfalen: Jill Vernekohl und Dimitrij Kurakin!"

Sprecherin:
Jill und Dimitrij gehen optimistisch in ihren Wettbewerb. Sie haben lange nicht so viel Konkurrenz wie Susanne. Die meisten Eistanzpaare sind schon an der Qualifikation gescheitert. Im Wettbewerb selber sind schließlich nur noch vier Paare übrig. Die zwei Tänze, die die Paare dieses Jahr zeigen müssen, sind Slowfox und Quickstepp. Jill und Dimitrij haben Titel aus amerikanischen Musicals dafür gewählt.

Kürmusik

Sprecherin:

Nach der Vorführung müssen die Läufer zwei bange Minuten überstehen. So lange brauchen die neun Preisrichterinnen und Preisrichter, um die Leistungen zu bewerten. Alle starren gebannt auf eine große Anzeigentafel an der Hallenwand. Dort erscheinen die Ergebnisse. Die Wettkampfleiterin liest sie vor:

Hallenansage:
"Ich darf um die Wertung bitten für Jill Vernekohl und Dimitrij Kurakin, Nordrhein-Westfalen. Die Note A für die Zusammenstellung: 4,8; 4,8; 4,9; 5,0; 4,9 ..."

Sprecher:
Die beste Note, die im Eiskunstlauf vergeben werden kann, ist die 6,0. Von dieser Idealnote 6,0 gehen die Preisrichter aus, wenn sie einen Vortrag bewerten. Für jeden Fehler ziehen sie von dieser Idealnote einige Zehntel ab.

Sprecherin:
Jill und Dima müssen sich mit etwas weniger spektakulären Wertungen zufriedengeben. Nach der Pflicht liegen sie auf Platz drei. Ihr Ziel ist es aber, am Ende mindestens Platz zwei zu belegen. Denn Platz eins oder zwei bedeutet, automatisch für die Europameisterschaft qualifiziert zu sein. Und da wollen die beiden natürlich unbedingt hin.

Jill Vernekohl:
"Ja, wir sind ganz gut gelaufen für unsere Verhältnisse und sind recht zufrieden mit den Pflichttänzen. Und mit dem Platz nicht ganz so. Das war nicht das, was wir uns so vorgestellt hatten, aber es ist ja noch nicht vorbei."

Reporterin:
Jill und Dima können sich in ihrer Kür, dem so genannten Originaltanz, noch weiter steigern. Als deutsche Vizemeister im Eistanzen kehren sie nach Dortmund zurück. Damit haben sie sich auch für die Europameisterschaften qualifiziert.


Fragen zum Text:

Jemand der sich sehr gut fühlt, könnte redensartlich …?

1. den Gürtel enger schnallen
2. Bäume ausreißen
3. an seine Grenzen gehen

Wer sich auf zu dünnem Eis bewegt, der …?
1. orientiert sich neu
2. scheitert an einem Wagnis
3. verzichtet auf vieles

Ein bekannter deutscher Wintersportort heißt …?
1. Oberstdorf
2. Oberhausen
3. Ochsenhausen


Arbeitsauftrag:
Zurzeit ist Eiskunstlauf in Deutschland weder sehr populär noch wird es auf internationaler Ebene mit übermäßig großem Erfolg ausgeübt. Versuchen Sie herauszufinden – ggf. mittels Zeitungen, Internet o. Ä. –, welche Wintersportarten im Moment in Deutschland besonders erfolgreich betrieben werden und besonders beliebt sind.

Audio und Video zum Thema

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