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Wissen & Umwelt

Einst gegessen, heute vergessen

Obstsorten gibt es weit mehr, als ein Supermarkt anbietet. Viele von ihnen drohen jedoch für immer zu verschwinden. Im niederrheinischen Wegberg gibt es nun ein Projekt, das sich für den Erhalt alter Sorten einsetzt.

Apfel wird in Hand gehalten (Foto: dpa)

Der Apfel ist das beliebteste Obst der Deutschen

Prinz Albrecht von Preußen und Ingrid Marie liegen einträchtig nebeneinander, aber Kaiser Wilhelm sieht so aus, als könnte ihn das gar nicht weniger stören. Auch Geheimrat Dr. Oldenburg nimmt keinen Anstoß daran, dass Jacob Lebel ihm auf der Pelle hängt. Äpfel kennen keinen Adel, im Obstkorb sind sie alle gleich. Keiner kann genau sagen, wie viele Sorten es gibt, die fünf genannten stellen in jedem Fall nur einen Bruchteil dar.

Grundsätzlich entsteht immer, wenn ein Apfelkern zu einem Baum heranwächst, eine neue Sorte. Nur selten ist das Ergebnis geschmacklich ansprechend, doch über die Jahrtausende der Apfelzucht ist es oft genug vorgekommen.

Die Sorten drohen auszusterben

Einige gelbe Äpfel hängen zwischen den Blättern eines Apfelbaums (Foto: Irene Quaile)

Im 19. Jahrhundert wurde der gelbe Bellefleur zum Anbau empfohlen - heute ist er selten

Diese Vielfalt gibt es kaum zu kaufen. "Im Supermarkt gibt es zehn oder 15 verschiedene Sorten, aber die haben alle nur sechs Vater- und Muttersorten. Da ist das genetische Material natürlich nur ganz begrenzt", sagt Katharina Tumbrinck, Leiterin des Rheinischen Obstsortengartens. Dieser Garten, erläutert Tumbrinck, soll alte Obstsorten erhalten, die teilweise seit Jahrhunderten angebaut wurden, heute aber kaum noch Verwendung finden.

Neben Äpfeln sollen hier auch alte Birnen, Kirschen, Pflaumen und Pfirsichsorten erhalten werden. Sie drohen zu verschwinden, weil sie im kommerziellen Anbau keine Beachtung mehr finden. Sie sind zu groß, zu klein, schlecht maschinensortierbar oder fallen durch ein sonstiges Raster der Industrie. Auch die Europäische Union hat durch ihre oft starren Vorschriften Einfluss auf die angebauten Sorten genommen. Zu kleine Äpfel dürfen etwa nicht als Tafelobst verkauft werden und wandern in die Saftpresse – für einen deutlich geringeren Preis, das macht sie für Obstbauern unattraktiv.

Katharina Tumbrinck, Leiterin der Naturschutzstation Haus Wildenrath (Foto: Tumbrinck)

Katharina Tumbrinck sammelt alte Apfelsorten

Doch die genetische Vielfalt der verschmähten Früchte ist sehr wertvoll. Wer gegen die Supermarktsorten allergisch ist, erzählt Katharina Tumbrinck, verträgt alte Sorten oft ohne Beschwerden. In einer Sortenausstellung bietet die Biologin regelmäßig eine Auswahl von Äpfeln an, die selbst der beste Supermarkt nicht bietet. "So wollen wir auch den Leuten, die eigentlich eine Apfelallergie haben Äpfel wieder zugänglich machen. Und das klappt auch."

Neben der zum Teil besseren Verträglichkeit bieten die alten Sorten weitere Vorteile. Viele von ihnen verfügen über eine natürliche Widerstandskraft gegenüber Krankheiten, die bei den populären Zuchtsorten für große Ausfälle sorgen. Und: Sie haben eine gigantische geschmackliche Vielfalt. Unendliche Grade von Süße und Säure, Fruchtfleisch zwischen knackiger Bissfestigkeit und gebissfreundlichem Schmelzen, schwärmt Katharina Tumbrick. "Man könnte über Jahre jeden Tag eine neue Sorte probieren."

Die Bäume halten sich versteckt

Ein Blick auf die neu gepflanzten Bäume des Obstsortengartens (Foto: Matthias Fingerhuth)

Die noch Unscheinbaren Hochstammbäume werden in einigen Jahren mehr als 5 Meter hoch sein

Aber die Schwierigkeit ist, die alten Bäume zu finden. Oft bekommt Tumbrinck zu hören: "Ach, die Sorte hatten wir, aber jetzt ist der Baum weg". Mit ein wenig Glück, bedauert sie, treffe man mal jemanden, der sagt, "ich hab' die Sorte noch."

Aus diesem Grund sind im Rheinischen Obstsortengarten bislang erst 60 Obstsorten gepflanzt. Doch der Garten soll von nun an Jahr für Jahr mit weiteren wiederentdeckten Sorten aufgeforstet werden. 400 bis 500 sind geplant. Insgesamt hat das Gelände des Gartens eine Fläche von gut vier Hektar. Er steht auf einer ehemaligen Pfirsichplantage, die jedoch seit einigen Jahren vernachlässigt wird. Etwa die Hälfte der Fläche ist deshalb noch mit jungen Birkentrieben und alten, knorrigen Vogelkirschen bedeckt. Sie lassen erahnen, welche Arbeit in den nächsten Jahren noch ansteht.

Auch die Bestimmung ist umständlich

Der verwilderte Teil des Gartens. Der Stumpf eines Pfirsichbaumes und drei Vogelkirschen stehen vor einer Reihe von jungen Birken (Foto: Matthias Fingerhuth)

Der verwilderte Teil des Gartens wird in den kommenden Jahren Obstbäumen weichen

Viele der gesuchten Bäume verstecken sich in privaten Gärten. Wird Katharina Tumbrinck ein unbekannter Obstbaum angeboten, ist dessen Bestimmung nicht immer einfach. Bereits seit der Mitte des 18. Jahrhunderts gibt es zwar Obstbestimmungsbücher, sogenannte pomologische Werke, die sich der Beschreibung der verschiedenen Sorten widmen. Doch gerade die lokal verbreiteten Sorten findet man in solchen Büchern häufig nicht. Über das in solchen Fällen benötigte Wissen verfügen dann oft nur einzelne Personen. "Und das ist natürlich auch ein Wettlauf gegen die Zeit, sagt Tumbrinck. Denn die Experten seien meist ältere Leute über 80.

Der Erhalt der Vielfalt ist also aufwändig und langwierig. Im Angesicht des Potentials, das in ihren Genen verborgen ist, ist die Arbeit jedoch mit Sicherheit lohnend. Die alten Sorten, versichert Katharina Tumbrinck, gehören nicht zum alten Eisen.

Autor: Matthias Fingerhuth

Redaktion: Judith Hartl

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