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Auf Tour

EINSHOCH6 in Tschechien, Polen und der Ukraine 2014

Zum zweiten Mal fahren EINSHOCH6 und ich in die Ukraine. 2014 gab es in dem Land viele Umwälzungen. Werden wir etwas davon merken? Und wird es uns möglich sein, den Maidan in Kiew wieder zu besuchen?

Viel ist in der Ukraine passiert, seit wir das letzte Mal da waren. Die politische Lage ist alles andere als stabil. Wir müssen auf zwei Städte im Osten des Landes, die wir ursprünglich mit eingeplant hatten, verzichten. In der gesamten Vorbereitungsphase beratschlagen wir uns mit Veronika, der Mitarbeiterin des Goethe-Instituts, die uns bei der ersten Tour schon begleitet hatte, über die Route unserer Tour. In Kiew, berichtet sie, sei die Lage unproblematisch. Wir machen uns eh keine Sorgen und freuen uns außerdem, dass wir auf dem langen Weg in die Ukraine in Tschechien und Polen Halt machen können.

Mit einem größeren und komfortabel eingerichteten Nightliner fahren wir los. Wir haben im Bus zwei Decks und zwei Lounges, in denen sich alle zehn Mann und die Frau gut verteilen können, denn im Gegensatz zum ersten Mal sind zwei Musiker mehr an Bord: Cellist Jakob ist dabei und Neuzugang Martin wird die Band zusätzlich an der Gitarre unterstützen.

Das Auftaktkonzert in Havirov ist super besucht, und obwohl es hier anfangs Probleme mit der etwas zu kleinen Anlage gibt, wird sofort Hilfe organisiert, so dass die Band ihren gewohnt fetten Sound spielen kann. Ich für meinen Teil freue mich sehr drüber, dass die Frau des Restaurantsbetreibers im Kulturhaus zufällig auch Veganerin ist und für Tobias und mich leckeren Tofu mit Gemüse macht.

Von Havirov nach Krakau ist es nur noch ein Katzensprung, so dass wir am selben Abend noch durch das nächtliche Krakau spazieren gehen und die wunderschöne Stadt genießen können. Das Konzert in Krakau ist für uns ein besonderes, weil die Band hier in einem Musik-Club auftritt. Dank der Unterstützung der Kolleginnen vom Goethe-Institut haben wir auch hier ein volles Haus. Tourbegleiterin Veronika ist auch schon da. Außerdem eine Journalistin der Süddeutschen Zeitung, die ihren Augen kaum trauen kann, als sich der Club rasant mit 700 aufgeregten Teenagern füllt.

Schon fünf Minuten nach Konzertbeginn klar, dass die Schüler hier EINSHOCH6 kennen. Die ersten Reihen können zum größten Teil die Texte mitsingen. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich. Cellist Jakob nutzt die Gunst der Stunde, um einen Musikertraum wahrzumachen: ein Bad in der Menge Crowdsurfing, wie man das in Fachkreisen nennt. So wird Jakob einmal durch die Halle gereicht und kommt wieder wohlbehalten an, um auf der Bühne weiterzuspielen.

Abends haben wir nach einem sehr entspannten Lehrer-Workshop mitten in Krakaus schöner Altstadt leider wenig Zeit für Sightseeing, da wir schon weitermüssen. Lwiw (Lemberg), Kiew, Riwne, Winnyzja und Uschhorod warten auf uns. Die ukrainischen Grenzbeamten lassen uns allerdings erst mal ganze sieben Stunden warten. Es gäbe Probleme mit dem Anhänger, in dem die Instrumente sind. Außerdem dürfe es nicht sein, dass die Ukrainerin Veronika in einem deutschen Bus mit Deutschen zusammen über die Grenze fährt. Ja, die politische Lage ist angespannt …

Am Ende geht plötzlich doch alles und wir dürfen in die Ukraine einreisen. Die Grenzbeamten bekommen noch ein paar EINSHOCH6-CDs, wir sind ja nicht nachtragend. Es erwarten uns fünf Konzerte und fünf Workshops an fünf aufeinanderfolgenden Tagen. In den Städten selbst merken wir zumindest oberflächlich nichts davon, dass es große politische Erschütterungen gegeben hat. Wir verstehen allerdings kein Ukrainisch, und nehmen alles nur im Vorbeifahren wahr. Toilettenpapier mit Putins Konterfei auf den Blättern, wie wir es an Marktständen in Lwiw sehen, spricht allerdings Bände.

In Kiew besuchen wir vor dem Konzert den Maidan. Letztes Jahr sind wir eine Woche vor dem Beginn der Unruhen da gewesen. Wir sind an einem Sonntag in Kiew, daher ist wohl die große Straße, die zum Maidan führt, die Chreschtschatyk, für Autos gesperrt. Menschen gehen auf der prächtigen Allee spazieren, hier und da spielt jemand Musik, posiert ein Model für einen Fotografen, laufen Leute in Tierkostümen herum und machen Werbung für irgendwas. Auf dem Maidan selbst befinden sich riesige Fotografien von den Demonstrationen, Kerzen sind aufgestellt in Gedenken an die Toten, es liegen hier und da Pflastersteine herum. Wir haben alle die Bilder im Fernsehen gesehen und die Ereignisse genau verfolgt. Es ist ein seltsames Gefühl, an einem Ort zu stehen, an dem vor nicht allzu langer Zeit Menschen ihr Leben verloren haben.

Wir sind aber auch froh, dass die jungen Menschen, die zu den Konzerten und Workshops kommen, mit uns voller Elan singen und Party machen. Besonders froh bin ich, dass die neuen Spiele, die ich gemeinsam mit Kurt, Tobias und Timmy entwickelt habe, sehr gut funktionieren. Sie fordern den Schülern Engagement und Energie ab und machen vor allem Spaß. Ob es darum geht, den Wortschatz aus dem Workshop-Song „Es gefällt mir“ pantomimisch darzustellen, Bilder- und Wortpaare in einem schnellen Spiel einander zuzuordnen oder einen eigenen Song zu schreiben: es darf gelacht und Blödsinn gemacht werden. Und das Konzept geht auf: Es gibt keine Berührungsängste mit der Sprache oder mit uns. Mit Spaß, Musik und netten Leuten lernt man einfach besser.

Wie schon auf der ersten Tour haben wir schöne Begegnungen mit jungen Leuten und Lehrerinnen, die Deutschland toll finden und die deutsche Sprache lieben. Anscheinend hatte sich seit der ersten Tour das Bandtagebuch herumgesprochen, so dass die Gespräche immer wieder auf die Serie gelenkt werden. Eine Lehrerin erzählt mir zum Beispiel, mit welchen Folgen des Bandtagebuchs sie ihre Wirtschaftsstudenten an der Uni unterrichtet, eine andere Lehrerin schwärmt von der Weihnachtsfest-Folge, die ihren Schülern ganz besonders gefalle, und eine Schülerin ist begeistert vom Musikvideo zu „Erfolg“. Wir freuen uns, von den Menschen Rückmeldung zu erhalten, wie sie mit der Serie arbeiten und noch besser, dass sie sie gut einsetzen können.

Die Tage auf der Tour gehen schnell vorbei. Einen erfolgreichen Abschluss haben wir in der letzten Stadt Uschhhorod, auch wenn gerade an diesem letzten Tag die Zeichen nicht günstig stehen. Wir brauchten nämlich für die Fahrt dorthin ein paar Stunden länger als veranschlagt. Die Band muss zum ersten Mal auf einer Bandtagebuch-Tour innerhalb von 45 Minuten alles aufbauen und Soundcheck machen. Normalerweise nimmt alles drei Stunden in Anspruch. Ja, da kamen alle in's Schwitzen, aber am Ende geht wie immer alles gut. Das letzte Konzert ist ein würdiger Abschluss einer sehr besonderen und aufregenden Tour. Und zum Glück sind die Grenzbeamten diesmal viel netter und lassen uns ohne viel Aufhebens nach Hause fahren. Es steht jetzt schon fest: Auch 2015 werden wir in die Ukraine fahren. Wir können es einfach nicht lassen.

Stationen auf der Tour: 29.9.-9.10.2014 in Havirov, Krakau, Lwiw, Riwne, Kiew, Winnyzja, Uschhorod

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