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Kultur

Einmal Jesus spielen

Der Oberammergaur Ferderik Mayet wird bei den Passionspielen 2010 in Oberammergau den Jesus spielen. Für ihn ist die Rolle Herausforderung und Zumutung zugleich. DW-World.DE hat mit ihm gesprochen.

Frederik Mayet im Portrait(Foto: DW/Per Henriksen)

Kaum ein Oberammergauer, dessen Alltag in diesen Wochen nicht von den Vorbereitungen auf das große Laienspiel bestimmt wird. Im Straßenbild dominieren bärtige Typen, haben doch alle männlichen Darsteller seit Aschermittwoch 2009 Friseurverbot. So will es die Tradition. Abend für Abend treffen sich die Laienschauspieler im kleinen Theater, um die jeweiligen Szenen aus der Lebens- und Leidensgeschichte Jesu Christi einzustudieren. Frederik Mayet ist in diesem Jahr einer von zwei Jesus-Darstellern.

DW-World.DE: Sie haben vor 10 Jahren bei der Passion in Oberammergau den Apostel Johannes gespielt. Ist der Jesus nun ihre Traumrolle?

Mayet: Das weiß ich noch nicht. Wenn ich es mir aussuchen hätte dürfen, hätte ich am liebsten den Judas gespielt. Als dann bekannt gegeben wurde, dass ich den Jesus spielen soll, war ich zunächst überwältigt. Zwei bis drei Tage später, nachdem die erste Euphorie verflogen ist, fängt man an nachzudenken und empfindet es als eine enorme Herausforderung. Christian Stückl, unser Regisseur, hat gesagt, die Rolle sei eine Zumutung. Mittlerweile verstehe ich, was er damit gemeint hat.

Wie fühlt man sich, wenn man am Kreuz hängt?

Also, dieses zur Schau gestellt Sein ist schon ein ganz unangenehmes Gefühl. Da merkt man erst richtig, was das für ein fürchterlicher Tod war.

Wie hoch hängen Sie am Kreuz?

Also vom Kopf gemessen sind es ungefähr vier Meter. Ich bin mit einem Klettergurt unter dem Lendenschurz gesichert, damit auch wirklich nichts passieren kann.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Jesus-Darsteller Frederik Mayet, 29 Jahre, Pressesprecher am Volkstheater München (Foto: DW/Per Henriksen)

Das Wichtigste für mich war die Israel-Reise im September. Da hatten wir eine Woche lang Zeit, intensiv zu diskutieren. Wir hatten einen tollen Theologen dabei, den Thomas Frauenlob, der arbeitet im Vatikan. Der ist wirklich keiner Frage ausgewichen. Auch kritischen Fragen nicht. Im Dialog mit Christian Stückl ist da wahnsinnig viel entstanden. Darüber hinaus liest man das ein oder andere Buch über Jesus, man liest in den Evangelien, man blättert im Text. Außerdem bekommen wir Stimmbildungsunterricht.

Zu unterschiedlichen Zeiten wurde auch die Rolle des Jesus unterschiedlich interpretiert. Worauf legen Sie den Akzent?

Vor zwanzig Jahren hat vor allem der Kämpfer und Revolutionär, der in Jesus steckt, unseren Regisseur Christian Stückl interessiert. Das ist jetzt etwas in den Hintergrund getreten. Mich interessieren vor allem seine Aussagen, die bis heute gültig sind. Die wir als Floskeln kennen, die aber unheimlich schwer umzusetzen sind. Wie etwa der Ausspruch 'Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst'. Oder der Satz wonach man, wenn man auf die rechte Wange geschlagen wird, die Linke hinhalten soll. Das sind Sätze, wenn die wirklich gelebt würden, sähe unsere Welt besser aus. Diese zentralen Sätze in frischer Form auf die Bühne zu bringen, dass ist etwas was ich ganz wichtig finde.

Muss man, um den Jesus spielen zu können, eigentlich fromm sein?

Das glaube ich nicht. Aber es hilft, wenn man sich mit der Person Jesu auskennt und die Geschichte kennt. Ich würde mich allerdings selbst als gläubigen Menschen bezeichnen, aber man kann sich der Rolle auch rein schauspielerisch nähern.

Ein Interesse an der Figur sollte allerdings schon vorhanden sein.

Wie oft proben Sie zurzeit?

Etwa fünf bis sechs Mal in der Woche. Wir sind alles Laienschauspieler in Oberammergau. Das heißt, wir arbeiten tagsüber. Abends und am Wochenende wird geprobt. Allerdings sind nicht alle in jeder Szene vertreten. Der Jesus aber schon. Und deswegen müssen Andreas Richter, der auch noch den Jesus spielt und ich besonders häufig ran.

Hat sich ihr Bild von Jesus seitdem verändert?

Auf jeder Probe lerne ich neue Facetten dieser vielschichtigen Figur kennen.

Das Gespräch führte: Daniel Scheschkewitz

Redaktion: Conny Paul