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Amerika

Einmal den Taliban spielen?

Der britische Verteidigungsminister schlägt Alarm, in US-Armeestützpunkten wird es nicht verkauft. Noch bevor es in den Läden erhältlich ist, sorgt ein neues Computer-Kriegsspiel für Aufregung. Es spielt in Afghanistan.

fern.schreiber Rubrikengrafik (DW-Grafik: Peter Steinmetz)

Mit Spannung wartet die US-amerikanische Spielergemeinde auf den 12. Oktober, Europäer müssen sich noch drei Tage länger gedulden. Dann erscheint der neueste Ego-Shooter des Spielegiganten Electronic Arts: "Medal of Honor", benannt nach der höchsten Auszeichnung, die das US-Militär zu vergeben hat. Amerikanische Soldaten werden allerdings nicht so leicht an das Spiel herankommen. Das Pentagon hat keine offizielle Stellungnahme zu dem Spiel herausgegeben. Aber eine Sprecherin teilte dw-world.de auf Anfrage mit, dass die Shops auf den US-Armeestützpunkten "aus Respekt vor den Soldaten" "Medal of Honor" nicht verkaufen werden.

Stein des Anstoßes ist der sogenannte Multi-Player-Mode. Dabei treffen sich die realen Spieler im Internet und kämpfen auf zwei Seiten gegeneinander. Bei "Medal of Honor" sollen sie nun auch in die Rolle der Taliban schlüpfen können. Ihr Ziel ist es dann, US-Soldaten umzubringen. Denn das Szenario spielt während der "Operation Anaconda" in Afghanistan im März 2002. Prompt erhitzen sich die Gemüter. Der britische Verteidigungsminister Liam Fox hat das Spiel als "unbritisch" bezeichnet und zum Boykott aufgerufen.

So realistisch wie möglich

Die BBC zitiert Fox mit den Worten, es sei "schockierend, dass jemand glaubt, es wäre akzeptabel, die Angriffe der Taliban gegen britische Soldaten nachzuspielen". Lakonisch weist die Firma darauf hin, dass es in dem Spiel gar keine britischen Soldaten gibt. Das lässt den Minister nicht gerade fachkompetent erscheinen. Außerdem habe das britische Kultusministerium, berichtet die BBC weiter, sich von Fox' Worten distanziert. Das Spiel sei für Erwachsene und jeder könne selbst entscheiden, das Spiel zu kaufen oder eben nicht.

Mittlerweile ist aber ein ziemlicher Hype um das "Medal of Honor" entstanden und der Boykott des US-Militärs steigert noch die Attraktivität. Der Hersteller, der seinen Hauptsitz in Kalifornien hat, kann sich über die kostenlose Werbung freuen. Ebenso stolz weist man darauf hin, dass aktive US-Soldaten als Berater für die Spielszenen fungiert haben. Es soll eben alles so realistisch wie möglich sein.

Nur ein Spiel?

Doch genau daran stoßen sich die Kritiker. Es sei eine Sache, argumentieren sie, die Bösewichter vergangener Kriege zu spielen, Nazis oder Terroristen, aber in die Rolle von den Taliban zu schlüpfen mit dem Ziel, amerikanischen Soldaten zu töten, sei geschmacklos. Schließlich sind im Krieg in Afghanistan bisher nach Angaben des Pentagon 955 Soldaten bei Kämpfen ums Leben gekommen. Die Spielergemeinde hält nichts von diesem Argument. Im Multi-Player-Mode, sagen sie, gibt es keine Handlung, keine Fortentwicklung der Personen. Ob Nazi, Soldat oder Taliban, Ziel ist es, möglichst viele Punkte zu sammeln. Oder, anders gesagt, möglichst viele Gegner töten.

"Viel Lärm um nichts", sagt übrigens auch mein Sohn. Statt in einem fiktionalen Umfeld bewege man sich eben in Afghanistan, aber das allein mache die Sache zumindest für ihn nicht attraktiver. "Niemand wird zum Extremisten, nur weil seine Figur ein Taliban ist", ergänzt er. Zumindest bei ihm habe ich da keine Zweifel. Zwar ist er noch nicht alt genug für "Medal of Honor" und ich habe ihm schon verboten, das Spiel zu spielen. Aber wenn er wollte, so hat er mir glaubhaft versichert, könnte er sich das Spiel illegal besorgen. Denn mit elterlichen Verboten ist das so ähnlich wie mit Boykotten durch das Pentagon.

Autorin: Christina Bergmann

Redaktion: Martin Schrader