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Ukraine

Einmal Czernowitz, immer Czernowitz

Der deutsche Dokumentarfilm-Regisseur Volker Koepp hat 1998 seinen ersten Film über Czernowitz gedreht, 2004 folgte der zweite. Bis heute hat die Stadt für ihn nichts von ihrer Faszination verloren. Ein Gespräch.

Volker Koepp vor einer Halle des ehemaligen Ziegeleikombinats Zehdenick (Foto: Hilmar Korth)

Volker Koepp

Deutsche Welle: "Herr Zwilling und Frau Zuckermann" hieß Ihr erster Film, den Sie in und über Czernowitz gedreht haben. Dabei geht es um zwei betagte Menschen, die zu den letzten noch im alten Czernowitz geborenen Juden gehören. Gemeinsam ist ihnen die deutsche Sprache, die Erinnerung an Zeiten, als die Stadt ein Zentrum der deutsch-jüdischen Kultur war und die Sorgen im postsowjetischen Alltag. Sechs Jahre später folgte die Fortsetzung: "Dieses Jahr in Czernowitz". Jetzt drehen Sie wieder in der Stadt. Wieso lässt Sie dieser Ort nicht los?

Volker Koepp: ich war immer wieder da, auch zwischendurch. Als ich mit dem Film "Herr Zwilling und Frau Zuckermann" im Gepäck tourte, meldeten sich immer wieder Leute. Sie sprachen den Dialekt, den auch Herr Zwilling und Frau Zuckermann sprachen. Man hatte den Eindruck, Czernowitz muss eine Großstadt gewesen sein. So entstand der zweite Film. Jetzt ist Czernowitz nur eine Station auf einer Reise, die ich mache: von Odessa am Schwarzen Meer bis an die Memel, Tilsit und Kaliningrad, das frühere Königsberg. Es geht um das legendäre Land Sarmatien, das der Dichter Pokovski beschrieben hat, das geheimnisvolle Land östlich der Weichsel und des Dnjestr. Auf alten Landkarten findet man sogar noch die Aufschrift "Sarmatia", auf denen auch das Schwarze Meer "Sarmatischer Ozean" heißt.

Wofür steht Czernowitz für Sie?

Eine Szene aus 'Herr Zwilling und Frau Zuckermann' (Foto: Edition Salgeber)

Eine Szene aus "Herr Zwilling und Frau Zuckermann"

Es ist natürlich ein Ort, an dem ich wunderbare Leute kennengelernt habe und an dem ich inzwischen schon einige Monate meines Lebens verbracht habe. Natürlich spürt man den Mythos Czernowitz. Es hat etwas Geheimnisvolles, wenn man von Bessarabien, Galizien oder der Bukowina spricht. Es sind große Landschaften, in denen sehr viel Geschichte stattgefunden hat, vor allem die elende Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Aber auch in Berlin gibt es viele Leute, die von hier stammen. Man interessiert sich nicht nur für den Mythos Czernowitz, sondern auch für das, was jetzt ist. Als die Stadt ihr 800-jähriges Bestehen feierte, stellten manche erstmals fest, dass beinahe die Hälfte der Bevölkerung jüdisch war. Mich interessiert vor allem das Neue, aber die alte Zeit wirkt natürlich immer auf das Neue.

Wie hat sich Czernowitz verändert?

Ich kam zunächst hierher, weil ich seit meiner Jugend Paul Celan sehr mochte. Doch ein Bild von der Stadt hatte ich nicht. Eines Tages bin ich losgefahren, ohne Reiseführer, die hatte man damals noch nicht. Ich hatte nur einen von 1909. Auch heute wissen die Leute in Deutschland noch immer nicht, wo die Stadt liegt. Die Alten, die erzählt haben, wie die Stadt früher war, sind gestorben. Manches hier ist schöner geworden, manches sind Potemkinsche Dörfer.

Eine Szene aus 'Dieses Jahr in Czernowitz' (Foto: Edition Salgeber)

Eine Szene aus "Dieses Jahr in Czernowitz"

Die Politik spielt eine Rolle: Was wird mit der Ukraine, besonders mit dem westlichen Teil? Gestern meinte ein junger Mann zu mir: "Ich werde es nicht erleben, dass die Ukraine eines Tages der Europäischen Union angehören wird." Es kommen ja auch die alten Ressentiments wieder hoch: Die Polen mögen die Russen nicht und umgekehrt. Die Ukrainer mögen jene nicht und alle zusammen mögen die Juden nicht. Da wiederholt sich leider manches, und das ist auch traurig. Vom Schmelztiegel der Nationen ist nicht mehr viel übrig. Die einen sind misstrauisch gegenüber den anderen. Nein, die alten Zeiten sind vorbei, das ist Geschichte. Wenn man heute durch die Stadt läuft und sieht, wie offen die jungen Leute sind, kann man nur hoffen, dass sie so bleiben. Aber es ist unklar, ob Russland oder Europa die Überhand gewinnt. Da gibt es den Osten der Ukraine, der stark russisch geprägt ist, und da ist der Westen, der europäisch ist. Da gibt es Spannungen. Aber Czernowitz ist eine schöne Stadt, wo ich gerne bin.

Die Filme Volker Koepps über Czernowitz sind im Handel erhältlich:

"Herr Zwilling und Frau Zuckermann Deutschland", Deutschland 1999, 126 Minuten, Regie: Volker Koepp, Drehbuch: Volker Koepp und Barbara Frankenstein, Kamera: Thomas Plenert, FSK: ohne Altersbeschränkung

"Dieses Jahr in Czernowitz", Deutschland 2004,133 Minuten, Regie: Volker Koepp, Darsteller: Ria Gold, Harvey Keitel, Tanja Kloubert, Norman Manea, Evelyne Mayer, Katja Rainer, Eduard Weissmann, Johann Schlamp, FSK: ohne Altersbeschränkung