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Gesellschaft

Einkaufs-"Führer" bei Edeka?

Werbung ist gut, wenn sie in Erinnerung bleibt. Und was behalten wir am besten? Richtig: Provokationen. Ausgerechnet eine deutsche Supermarkt-Kette soll nun fragwürdig auf Kundenfang gehen. Und macht Schlagzeilen.

Die Geschichte klingt zunächst harmlos. Edeka bringt sich im Weihnachtsgeschäft in Stellung und - nein, verteilt keine Handzettel mit Einkaufsempfehlungen, sondern spricht den Kunden zeitgemäß mit einem Videoclip an. Zu sehen sind Kinder, die sich zu Hause langweilen, während die Supereltern das Äußerste aus sich rausholen und shoppen gehen. Alles fürs Fest, alles für die Kinder. So weit, so klassisch. Doch dann tauchen im Weihnachtsrummel in kurzer Folge zwei Autos auf, deren Kennzeichen irgendwie stutzig machen: MU-SS-420 und SO-LL-3849.

Das geht gar nicht, meint die Extremismusforscherin Sabine Bamberger-Stemmann. SS stehe für Adolf Hitlers Schutzstaffel und die 420 erinnere an "Führers" Geburtstag am 20.April. Und auch das andere Kennzeichen zeige versteckte Nazi-Codes. Die 84 für "Heil Deutschland" - der vierte und achte Buchstabe im Alphabet. Und auch die Umrahmung durch die Zahlen 3 und 9 sei anrüchig. "Christliche Identität" stehe dafür, was aber in rechten Kreisen nur im Umkehrschluss gemeint ist: nämlich Antisemitismus. Zufall? Absicht? Im Netz sorgt der Spot jedenfalls für Furore.          

Ganz schön grenzwertig die Edeka-Werbeagentur

Ganz unaufgeregt hingegen die Reaktion von Edeka. Alles nur Fantasiekennzeichen die zudem auf die Songtexte des Clips anspielen und da geht es um die vielbeschäftigten Eltern ("Muss noch dies, muss noch das…"). Beide Nummernschilder seien eine Verbildlichung der Worte "Muss" und "Soll". Soweit, so treuherzig.

Doch der Supermarkt-Riese hat Erfahrung mit dem kalkulierten Tabubruch. Schon im vergangenen Jahr brachte der Lebensmittel-Konzern Emotionen unter die Kunden. Nicht nur gute. Im Werbespot 2015 täuscht ein Großvater seinen Tod vor, um noch mal all seine Lieben nach Hause unter den Weihnachtsbaum zu locken. 52 Millionen mal rief die Youtube-Gemeinde den Clip ab, der Hashtag #heimkommen war ein Renner.


Dennoch fanden viele die Geschichte makaber bis unangemessen. Verantwortlich für die irritierenden Filmchen ist die Werbeagentur Jung von Matt, die sich für ihren diesjährigen Weihnachtsspot den hastag #zeitnehmen reserviert hat. Tatsächlich aber wird über die Nummernschilder diskutiert.       

Was aufs Nummernschild drauf darf und was nicht

Wegen der deutschen NS-Vergangenheit sind HJ (Hitlerjugend), KZ (Konzentrationslager), SA (Sturmabteilung der NSDAP) und eben SS in ganz Deutschland als KfZ-Buchstaben auf dem Kennzeichen verboten. Die Bundespolitik gibt nur Empfehlungen, der Rest aber ist Ländersache. Und da wird es unübersichtlich. In Schleswig-Holstein ist im Kreis Heide das Kennzeichen HEI-L aus naheliegenden Gründen verboten.

Deutschland Autokennzeichen mit verbotenem Kürzel SS (Imago/Steinach)

Definitiv verboten - genauso wie HJ, KZ und SA. Aber nicht alle Nazi-Codes sind tabu.

Die gängige Regelung bei den Zulassungsstellen bei der Vergabe von Buchstaben und Zahlenkombinationen am Auto klingt im Behördendeutsch so: "Die Zeichenkombination der Erkennungsnummer sowie die Kombination aus Unterscheidungszeichen und Erkennungsnummer dürfen nicht gegen die guten Sitten verstoßen." Eine bundeseinheitliche Regelung war immer mal wieder im Gespräch, zuletzt 2014. In der Praxis aber regiert vorerst die Willkür. Völlig unbedenklich sind beispielsweise im Kreis Bad Segeberg (SE) die Zusatzbuchstaben mit XY: SE-XY.      

Ein Schelm ist, wer da böses unterstellt

Das mag witzig sein, gestritten wird aber nun darüber, ob die Werbeagentur Jung von Matt braune Botschaften in Umlauf gebracht hat. Allzu politisch Korrekte sind empört, andere verstehen die Aufregung gar nicht, weil sie von der Symbolik der Buchstaben - und Zahlenkombinationen nie zuvor etwas gehört hatten. Der vermutlich viel naheliegendere Gedanke ist der: Edeka und Jung von Matt haben im Wissen um die Codes der rechten Szene ein provokantes Stilmittel verwandt, und haben dennoch mit rechter Gesinnung nichts am Hut. Edeka will verkaufen und die Werbeagentur erfolgreich sein. Und mit dem kalkulierten Tabubruch hätten sie genau die Publicity, die sie wollten.