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Sprachbar

Eingewanderte Wörter – Teil 2

Manchmal wandern Menschen aus und suchen sich eine neue Heimat. Auch Wörter sind umtriebig: Wenn sie sich in einer neuen Sprache wohlfühlen, bleiben sie dort und werden Teil dieser Sprache. Manchmal auch nicht.‎

Das Goethe-Institut und der Deutsche Sprachrat haben sie gesucht: Wörter mit Migrationshintergrund. 3500 Vorschläge aus 42 Sprachen wurden eingesandt, und am Ende gab es einen Gewinner: "Tollpatsch" heißt das beste eingewanderte Wort. Es kommt aus dem Ungarischen. "Talp" heißt Sohle oder Fuß. "Talpas" nannte man im 17. Jahrhundert in Ungarn die Fußsoldaten. Sie galten als schwerfällig – schwerfällig wie unser Tollpatsch.

Sprache verschlingt

"Dieses Wort […] hat sich auf seinem weiten Weg von Ungarn nach Deutschland die Sohlen abgelaufen", so begründete die Einsenderin des Gewinner-Wortes ihren Vorschlag. "Wir lachen über den Neuankömmling, aber integrieren den Migranten schnell und so konsequent, dass wir seinen Migrationshintergrund ganz vergessen haben."

Nichts anderes meinte auch der Dichterfürst Goethe, als er folgenden Spruch zum Besten gab: "Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt."

Süßes und Scharfes

Was einst ein englischer "cake", ein Kuchen, war, wird heute hierzulande als "Keks" millionenfach verschlungen – ganz im Goetheschen Sinn. Appetit auf mehr? Viele Begriffe für leckere Sachen kommen von auswärts: Tee aus dem Chinesischen, Joghurt aus dem Türkischen und Schokolade aus dem Aztekischen, einer Sprache, die früher in Mexiko gesprochen wurde.

Die deutsch-tamilische Verbindung "Currywurst" kam übrigens im Wettbewerb auf Platz zwei. Ursprünglich bedeutete "Curry" nichts anderes als "Soße". Aber eine Currywurst ist natürlich mehr als nur eine Wurst in Soße. Als besten Beitrag einer Schulklasse prämierte die Jury übrigens eine weitere Leckerei: den Milchshake. Die Schüler argumentierten: "Wer möchte schon einen 'Milchschüttel' trinken?" Das klänge wirklich lächerlich.

Auf gut Deutsch

Nicht weniger lächerlich klingen jedoch aktuelle Vorschläge der Stiftung Deutsche Sprache. Sie regte an, aus dem "Airbag" ein deutsches "Prallkissen" zu machen und den "Laptop" einen "Klapprechner" zu nennen.

Zur Reinerhaltung der deutschen Sprache sahen sich Gelehrte schon vor Jahrhunderten verpflichtet. Die Teutschgesinnte Genossenschaft schlug 1643 einige Ersetzungen vor: "Leichentopf" für "Urne", "Jungfernzwinger" für "Kloster", "Tagesleuchte" für "Fenster" und "Gesichtserker" für "Nase".

Horch, was kommt von draußen rein

Bei einigen Begriffen ist die Entscheidung Geschmacksache: "Stelldichein" ist nicht schlechter als "Rendezvous", wer "Einzahl" meint, muss nicht "Singular" sagen. Und wir sitzen uns tagein tagaus den Rücken sowohl am "Rechner" als auch am "Computer" krumm. Dem Orthopäden ist das herzlich egal.

Es ist zunächst einmal weder gut noch schlecht, was ein "Hallodri" ist. – Bitte? "Allotrios" ist Griechisch und heißt "zum Fremdartigen gehörig". Warum daraus in Deutschland der "Hallodri", ein leichtlebiger Zeitgenosse wurde? Vielleicht, weil den Deutschen das Leichtlebige fremd ist …

Bonjour Fisimatenten!

Das am häufigsten eingereichte Wort beim Wettbewerb für eingewanderte Wörter kommt aus dem – für viele Deutsche nach wie vor – Zentrum der Leichtlebigkeit: aus Frankreich. Das Wort heißt "Fisimatenten", bedeutet "unnötiger Quatsch" und ist derart fest eingebürgert, dass das Ursprungsland zwar feststeht, nicht aber das genaue Begriffsvorbild. Eine Variante besagt: Soldaten Napoleons wollten mit deutschen Frauen ein Rendezvous bzw. ein Stelldichein und luden sie in ihr Zelt ein. "Visite ma tente!" lautete diese Einladung in der Sprache der Liebe.

Daraus mag so manches entstanden sein, auch neue deutsche Worte, wie zum Beispiel Manschette, Negligé und Taille. Französisch wurde Mode, Frankreich machte Mode, und die Mode war todschick. Dieser Begriff "todschick" hat übrigens nichts mit "Tod" zu tun, sondern mit "tout", zu Deutsch "alles".

Schicksalhafte Begegnungen

Die Anzahl der Fremdwörter hat insgesamt weder ab- noch zugenommen, sagen Fachleute. Richtig sei, dass französische Begriffe mehr und mehr verschwänden und seit Jahrzehnten Anglizismen auf dem Vormarsch seien. Einige angloamerikanische Einwanderer sind allerdings gar keine. Zumindest haben sie ihre Bedeutung beim Grenzübertritt gründlich geändert. Kein Brite sagt "handy" zum Handy. Unser Handy ist für den Briten ein "mobile" oder ein "cell phone", mag es auch "handy" – also handlich – sein. Das Handy ist ein so genannter Pseudoanglizismus. Es täuscht seinen Migrationsstatus nur vor. So halten es auch der Smoking, der Showmaster, das Model, der Beamer, ja, sogar das Happy End.

Eingewanderte Wörter haben es wahrlich nicht einfach. Letztlich hat ein Begriff, woher er auch kommen mag, nur zwei Chancen – er wird in die oder er wird in der Sprache eingehen. Na dann: Servus, bye-bye, ciao, adieu und tschüs.

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