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Kultur

Einfachere Regeln für ausländische Fachkräfte

Ausländische Akademiker zum Arbeiten nach Europa locken - das ist das Ziel der so genannten Blue Card der Europäischen Union. Sie soll ab dieesem Jahr auch in Deutschland gelten. Doch noch gibt es einige Hindernisse.

Deutschland ist für Biljana Stojanovska "ein wunderbares Land". Die 25-jährige Mazedonierin schwärmt regelrecht davon: "Mit sehr korrekten und feinen Leuten, die ihre Arbeit präzise machen." Stojanovska ist frischgebackene Absolventin der Maschinenbaufakultät der Universität Skopje. Die junge Frau hat im Januar 2012 ihren Magisterabschluss in Industriedesign und Marketing gemacht. Während des Studiums nahm sie an einem Kooperationsprojekt ihrer Uni teil und verbrachte ein paar Monate an einer deutschen Hochschule. Schon damals versuchte sie, länger zu bleiben. Es ging aber nicht. Erst einmal musste sie zuhause ihr Studium abschließen. Jetzt will sie einen zweiten Versuch starten - mit der so genannten Blue Card, einer Regelung der Europäischen Union, die in diesem Jahr auch in Deutschland umgesetzt werden soll.

Die Vorrangprüfung - ob nicht doch ein Einheimischer die Stelle haben könnte - fällt dann weg. Die Aufenthalts- ist zugleich eine Arbeitsgenehmigung. Mitreisende Familienangehörige benötigen keine zusätzliche Arbeitserlaubnis mehr: Die neue "Blaue Karte EU" macht einiges schneller und einfacher für Fachkräfte aus Ländern außerhalb der EU, die in Europa arbeiten wollen. Damit sie auch nach Deutschland kommen können, muss das Gesetz in diesem Jahr beschlossen werden und in Kraft treten: Die Gesetzgeber sind jedoch deutlich im Verzug mit der Umsetzung der EU-Richtlinie von 2009. Ein Termin für die notwendigen Abstimmungen in Bundestag und Bundesrat ist noch nicht bekannt. Die Regierung geht aber davon aus, jährlich rund 3500 Blue Cards zu vergeben.

Kompetenz statt Herkunft entscheidend?

Biljana Stojanovska (Foto: privat)

Mag die deutsche Präzision: Biljana Stojanovska

Doch auch mit der neuen Regelung hätte Biljana Stojanovska aus Mazedonien als Blue Card-Anwärterin einige Hürden zu nehmen. Die wichtigste: einen Arbeitsplatz finden - und zwar von ihrer Heimat aus. Der Job soll zumindest indirekt mit ihrer Ausbildung als Industriedesignerin zu tun haben, sagt sie. Bisher hat sie ihre Chancen auf eine angemessene Stelle in Deutschland als gering eingeschätzt: Bewerber aus der EU hätten schließlich Vorrang gehabt. Die Blaue Karte würde künftig die Kompetenz, nicht die Herkunft an die erste Stelle rücken, glaubt Stojanovska.

Mit dem Studienabschluss in einem technischen Fach muss sie den Behörden einen Verdienst von mindestens 33.000 Euro jährlich nachweisen. Die Einkommensuntergrenze für so genannte Mangelberufe am deutschen Arbeitsmarkt wird mit der Blue Card abgesenkt. Aber ob eine ausländische Berufsanfängerin so viel Geld erhalten kann, vermag Stojanovska kaum einzuschätzen: "Da ich gerade erst mit dem Studium fertig bin, habe ich noch nie Gehaltsverhandlungen geführt."

In 60 Berufen des deutschen Arbeitsmarktes gibt es einen Mangel an Fachkräften. Diese Mangelberufe stammen vor allen aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT). 33.000 Euro für MINT-Spezialisten seien einigermaßen realistisch als Einstiegsgehalt, sagt Ilona Riesen, Bildungsexpertin beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Frauen verdienen hierzulande jedoch meist schlechter als Männer.

Längere Arbeitslosigkeit als Risiko

Schwierig wird es, wenn der Arbeitsplatz verloren geht, egal aus welchem Grund. Bei Arbeitslosigkeit von mehr als drei Monaten kann die Blue Card entzogen werden. "Das ist ein zu kurzer Zeitraum", meint Riesen. "Auch deutsche Akademiker brauchen oft länger, bis sie einen neuen Job gefunden haben." Stojanovska, die junge mazedonische Ingenieurin, ist jedoch optimistisch: Es lohne sich, dieses Risiko auf sich zu nehmen. Mehr noch, es sei ein Ansporn, die Arbeit noch besser zu machen und sich weiterzuentwickeln, sagt sie.

Ein Arbeiter vor einer Maschine (Foto: dpa)

Fachkräfte gebraucht: Wer Spaß an Technik hat, findet leichter Arbeit

Die Deutschkenntnisse von Stojanovska sind auf einem niedrigen Niveau, sie muss sie weiter ausbauen. Warum will sie dann trotzdem unbedingt nach Deutschland? "Ich kenne das Land schon etwas", sagt sie. Es gefalle ihr insgesamt. "Der Staat ist stabil, die Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgezeichnet. Mir sagt ebenfalls die Arbeitsweise zu: die Prinzipientreue, die Disziplin, die Toleranz, der Fortschritt."

Ein bisschen Abenteuergeist, ein bisschen Angst

Mit vielen Vorschusslorbeeren bedenkt auch Raymond Ilboudo die Deutschen. Er war zwar noch nie in Deutschland, hat aber auf dem Gymnasium die Sprache gelernt. Der 38-Jährige hat Personal-Management an einer Verwaltungshochschule in seiner Heimat Burkina Faso studiert, und arbeitet seit sieben Jahren als Personaler in einem Ministerium des afrikanischen Landes. Kein schlechter Job, findet Ilboudo. Doch er würde sich mit seiner Familie sofort nach Europa aufmachen, wenn es gelänge, eine Arbeit zu finden, die seiner Ausbildung entspricht.

Raymond Ilboudo aus Burkina Faso (Foto: Samuel Poussy)

Käme gerne als Personaler nach Europa: Raymond Ilboudo

"Erstens ist das ein Abenteuer für mich", sagt er. "Zweitens ist der Lebensstandard nicht mit afrikanischen Verhältnissen zu vergleichen, von den burkinischen ganz zu schweigen." Als Schwarzer habe er ein bisschen Angst vor Rassismus, doch die hält ihn nicht ab: "In Deutschland gab es doch diese Fälle von Fremdenfeindlichkeit. Aber das ist wohl nicht so verbreitet wie in anderen europäischen Ländern", meint er.

Anerkennung ausländische Abschlüsse muss geregelt werden

An der Blue Card ist Ilboudo sehr interessiert, doch einen Arbeitsvertrag mit einem deutschen Arbeitgeber zu schließen, dürfte die größte Schwierigkeit sein - zumal er keinerlei Kontakte hat. "Vielleicht ergibt sich trotzdem etwas", hofft er. Sein Mindestverdienst als Akademiker mit einer weniger gefragten Qualifikation muss 44.000 Euro betragen. "In Burkina Faso kann man von so viel Geld nur träumen!", sagt Ilboudo. Weiteres Problem: Sein Hochschulabschluss müsste in Deutschland erst einmal überhaupt anerkannt werden.

Ohne die einheitlich geregelte Anerkennung ausländischer Abschlüsse mache die Blue Card wenig Sinn, meint deshalb Ilona Riesen vom Institut der deutschen Wirtschaft. Das Gesetz dazu soll ebenfalls in diesem Jahr in Kraft treten.

Autorin: Matilda Jordanova-Duda
Redaktion: Klaudia Prevezanos