1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Spurensuche

Einer muss doch die Wahrheit sagen

Mut zum Neinsagen: Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen spricht im Beitrag der katholischen Kirche über die Lübecker Märtyrer und die große Gefahr, permanent angepasst im Chor der Mehrheit mitzusingen.

Deutsche Reichspost Telegramm

Am 10. November 1943 wurden die vier Lübecker Märtyrer hingerichtet, davon zeugt diese Telegramm von Osnabrücks Bischof Wilhelm Berning.

„Einer muss doch die Wahrheit sagen“, so Kaplan Johannes Prassek, einer von den vier Lübecker Märtyrern, die wegen ihrer Kritik am Hitlerregime 1943 enthauptet wurden. Prassek antwortete mit diesen Worten auf wohlmeinende Vorwürfe von katholischen Freunden, er solle den Mund doch nicht so weit aufmachen. Prassek war gleicher Meinung wie die beiden anderen Priester Hermann Lange und Eduard Müller. Der Vierte in ihrer Runde war der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink. Die Hansestadt ehrt sie als ihre „Lübecker Märtyrer“. Wohlgemerkt, wir sprechen nicht von „Lübecker Marzipan“. Wir sprechen von vier Geistlichen, die Hitler umbringen ließ, weil sie offen sein Regime kritisierten.

Tausende haben sich auf die Zunge gebissen

Tausende von katholischen und evangelischen Geistlichen haben das Hitler-Regime abgelehnt. Tausende haben sich auf die Zunge gebissen, um nicht offen gegen das Nazisystem zu sprechen. Sie haben sich gesagt: „Damit das kirchliche System nicht ganz von den Nazis zusammen geschlagen wird, müssen wir schweigen, dürfen nicht provozieren. Wenn wir weiterhin Seelsorge machen, predigen, Kranke besuchen, Sterbende begleiten, Trauernde trösten wollen, dann dürfen wir die Machthaber nicht herausfordern.“ Lieber das Verbliebene retten, als auch dies noch gefährden. Viele mögen nicht aus Angst, sondern aus rationaler Überlegung zum Nazisystem geschwiegen haben.

Aber in dem mehrheitlich evangelischen Lübeck haben es diese vier zur „Ehre der Altäre“ geschafft. Richtiger: Die drei katholischen Geistlichen wurden im Jahr 2011 als Zeugen des Glaubens seliggesprochen. Ihr evangelischer Gesinnungsgenosse wird im evangelischen Namenskalender geführt und damit auch als Glaubenszeuge geehrt. Sie haben sich entschieden, aus ihrem Glauben an Christus laut Nein zum Nazisystem zu sagen. Sie protestierten vor allem gegen die Gottlosigkeit des Staates.

Wir freuen uns heute über ihren Mut, sind stolz auf sie. Wir würden es energisch ablehnen, solche Personen des Widerstands Fundamentalisten oder Fanatiker zu nennen. Aber sind wir heute nicht manchmal in Gefahr, heutigen Neinsagern den Stempel des Fanatikers oder Fundamentalisten aufzudrücken? Sind wir heute manchmal zu feige oder zu kompromissbereit? Jeder von uns muss sich das fragen. Es ist schwer, aus der Reihe zu tanzen, man fällt auf, wird ausgelacht, belächelt.

Sie sind aus der Reihe getanzt

Die große Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann hat ein Buch mit dem Titel „Die Schweigespirale“1 geschrieben. In ihr vertritt sie die These: Wenn die breite Öffentlichkeit über ein Thema nur wenig spricht, dann hört auch dieses wenige Sprechen immer mehr auf. Themen, die nicht in aller Munde sind, sind uninteressant, werden vernachlässigt, gehen unter. Niemand will eine einsame Stimme sein. Man singt lieber „im Chor der Mehrheit“ mit. Und dies schon in Demokratien. Wieviel mehr muss das gelten in Diktaturen, wo es gefährlich ist, mit seiner Meinung aus der Reihe zu tanzen. Dann ist man nicht nur ein Abweichler, sondern gefährdet sich selbst. Die vier Geistlichen sind aus der Reihe getanzt, haben sich vermutlich nicht nur bei Regime-Anhängern unbeliebt gemacht, sondern vermutlich auch bei anderen Geistlichen.

Die vier Geistlichen hatten sich und ihre Anti-Nazi-Haltung kennen und schätzen gelernt, hatten Informationen ausgetauscht, die sie von ausländischen Sendern aufgefangen hatten. Der Vorwurf des Gerichtes: landesverräterische Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft. Unmittelbarer Anlass für ihre Verhaftung war ein Kommentar von Pastor Stellbrink nach dem Bombenangriff auf Lübeck im Jahr 1942. In der Predigt hatte er gesagt: „Gott hat mit mächtiger Sprache geredet – die Lübecker werden wieder lernen zu beten“. Alle vier wurden vor Gericht gestellt. Die Gerichtsentscheidung lautete: Sie müssen unter dem Fallbeil sterben.

Anpassung ist eine der größten Gefahren für den Menschen. Schweigen kann ein Segen sein, aber auch ein Fluch. Ein Märtyrer hatte gesagt: „Einer muss doch die Wahrheit sagen.“ Am 12. August lesen Sie wieder von mir.

1 Elisabeth Noelle-Neumann, Die Schweigespirale, München 1980.

 

Pater Eberhard von Gemmingen SJ ist 1936 in Bad Rappenau geboren. Nachdem er 1957 in den Jesuitenorden eingetreten ist, studierte er 1959 Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Innsbruck und Tübingen. 1968 erfolgte seine Priesterweihe. Pater Eberhard von Gemmingen SJ war Mitglied der ökumenischen Laienbewegung action 365, bischöflicher Beauftragter beim ZDF und Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Seit 2010 ist er Fundraiser der deutschen Jesuiten.