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China

Eine Zeitzeugin erinnert sich

Sonja Mühlberger wurde in Shanghai geboren. Ihre Eltern hatten dort Zuflucht vor den Nationalsozialisten gefunden. Die Stadt ihrer Kindheit hat sich rasant verändert. Und doch findet sie immer wieder Spuren.

Juni 2012 Es ist ein wenig aufregend, wieder in Shanghai, meiner Geburtsstadt, zu sein. Ich habe bis zu meinem achten Lebensjahr hier gelebt. In der Gegend, in der wir damals gewohnt haben, sind viele neue Häuser entstanden. Die Straßen sind heute breiter und es gibt Bäume. Auch das Haus, in dem wir wohnten steht nicht mehr. Dort befindet sich jetzt ein riesiges Gebäude mit Glasfassade. Aber in den Seitengassen sieht man noch viele alte Häuser. Ich erkenne auch die wieder, in denen Freunde und Bekannte gelebt haben.

Meine Eltern kamen 1939 nach Shanghai. Damals war meine Mutter mit mir schwanger.

Sonja Mühlberger bei der Einschulung in der Shanghai Jewish Youth Association School (Foto: Privatarchiv Sonja Mühlberger )

Einschulung in der Shanghai Jewish Youth Association School

Beide hatten sich in den dreißiger Jahren im jüdischen Sportverein "Schild" in Frankfurt am Main kennen gelernt. 1938 wurde mein Vater nach Dachau deportiert. Meine Mutter erfuhr, dass es nur eine Möglichkeit gab, ihn wieder freizubekommen: Sie musste gültige Ausreisepapiere vorlegen. Shanghai war damals der einzige Ort der Welt, der den deutschen Juden noch offenstand. Die Stadt befand sich zum Teil unter internationaler Verwaltung. Um hier einzureisen und sich niederzulassen, brauchten Ausländer keine Erlaubnis.

Allerdings verlangten damals die deutschen Behörden einen Nachweis, dass man tatsächlich in China einreisen durfte. Über Verwandte konnte sich meine Mutter ein solches Papier vom chinesischen Konsulat in den Niederlanden besorgen. Sie bekam meinen Vater tatsächlich frei, und beide gingen am 29. März 1939 in Genua an Bord eines Schiffs. Ich habe noch Fotos, wie sie im Schiffspool herumtoben. Nach all den bedrückenden Jahren in Nazi-Deutschland waren sie dort zum ersten Mal wieder frei und glücklich.

Sonja Mühlberger in Hongkou (Foto: DW/Mathias Bölinger)

Noch immer fühlt sie sich in den Gassen von Hongkou wohl

Hongkou im Nordosten der Stadt war die ärmste Gegend in Shanghai. Hierher kamen die meisten Flüchtlinge. Sie durften ja bis auf einen Koffer nichts aus Deutschland mitnehmen, waren arm und liefen abgerissen herum, aber ich hatte als Kind immer den Eindruck, dass die Chinesen, die dort wohnten, noch viel ärmer waren. Viele hatten nicht einmal Schuhwerk und wenn ich im Winter Menschen sah, die keine Schuhe anhatten, war das für mich schon eigenartig.

Einmal fiel Schnee, daran kann ich mich erinnern. Zum Glück war mein Vater zu Hause. Er hatte den Einfall, unsere Waschschüssel zu nehmen und auf das Dach zu steigen, um den Schnee einzufangen. Ich sollte meine Hände da rein zu halten, damit ich ein Gefühl für Schnee bekomme. Meine Mutter hatte mir immer deutsche Märchen vorgelesen und in dieser Situation hat das Märchen von Schneewittchen ("weiß wie Schnee") zum ersten Mal für mich eine Bedeutung bekommen.

Ein Rotkreuzbrief von 1942, das letzte Lebenszeichen von Sonja Mühlbergers Großeltern (Foto: Privatarchiv Sonja Mühlberger)

Letztes Lebenszeichen der Großeltern - der Rotkreuzbrief aus Deutschland

Ich erinnere mich an eine Art Heimweh und Unsicherheit bei den Erwachsenen. Man wusste ja nicht , was mit den Angehörigen in Europa passierte. Mein Vater hörte regelmäßig Nachrichten in verschiedenen Sprachen ab. Und einmal schickte er einen Rotkreuzbrief an die Eltern meiner Mutter, der dann nach sechs Monaten zurückkam. Ich habe diesen Brief noch, da stehen nur positive Dinge drin. "Sonja wächst heran", schrieb mein Vater und meine Großeltern antworteten, sie seien gesund. Später sind sie dann in Theresienstadt umgekommen.

1941 haben die Japaner die Kontrolle über die Stadt übernommen und ab 1943 mussten alle jüdischen Flüchtlinge in einem bestimmten Teil Hongkous leben. Das betraf alle Juden, die aus Deutschland und Österreich gekommen und jetzt staatenlos waren. Die "Designated Area for Stateless Refugees" wird manchmal Ghetto genannt, dabei gab es natürlich Unterschiede zu den Ghettos in Europa. Die Flüchtlinge aus Deutschland lebten hier mit anderen Nationalitäten zusammen. Aber anders als Russen, Chinesen und Japaner brauchten die jüdischen Flüchtlinge einen Passierschein, um das Gebiet verlassen zu können.

Der Ghettoausweis von Sonja Mühlbergers Mutter (Foto: Privatarchiv Sonja Mühlberger)

Der Ghettoausweis von Sonjas Mutter. Zum Verlassen brauchte man noch zusätzlich einen Passierschein

Für uns hatte die Einrichtung des Ghettos keine gravierenden Folgen. Wir lebten bereits in dieser Gegend. Für andere war es schwieriger, etwa wenn sie aus dem reicheren französischen Konzessionsgebiet hierher ziehen mussten. Meine Schule lag außerhalb, aber wir Kinder konnten ohne Probleme passieren. Mein Vater brauchte allerdings einen Passierschein, um zu seiner Arbeit zu kommen. Er half bei einem Eierhändler in der französischen Konzession aus. Diesen Passierschein muss er aber ohne Probleme bekommen haben, denn ich erinnere mich, dass ich ihn mehrmals dorthin begleitet habe.

1947 haben meine Eltern beschlossen, zurück nach Deutschland zu gehen. Mein Vater hat später gesagt, er wollte damals ein neues demokratisches Deutschland aufbauen. Ich denke, das wollte er wirklich. Im sowjetischen Konsulat bekam er eine Einreiseerlaubnis für Ost-Berlin. Meine beste Freundin war schon nach Australien ausgewandert und ich freute mich auf Deutschland. Die Koffer und Kisten waren gepackt und ein neuer Lebensabschnitt begann.

Sonja Mühlberger mit ihrem Vater auf einem Brachgrundstück in Hongkou (Foto: Privatarchiv Sonja Mühlberger)

Sonja Mühlberger erinnert sich an eine glückliche Kindheit

Fröhlich erzählte ich jedem, der es hören wollte - oder auch nicht -, dass wir nach Deutschland gehen. Aber bei anderen Flüchtlingen stieß meine Begeisterung nicht immer auf Verständnis. Ins Land der Mörder zurückgehen, das war für viele unvorstellbar. Einmal bin ich von einem Erwachsenen sogar angespuckt worden. Er hat mich als Kind angespuckt, obwohl ich doch für den Entschluss meiner Eltern gar nichts konnte! Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Ich denke, ich habe trotzdem eine schöne Kindheit gehabt. Meine Eltern haben so viel Negatives wie nur möglich von mir fern gehalten und sich sehr um mich gekümmert. Meine Mutter hat mir vorgelesen und mit mir gesungen, mein Vater hat mir Fragen beantwortet und mich jeden Tag auf dem Fahrrad zum Kindergarten und zur Schule gebracht. Ja, ich möchte sagen, dass ich eine behütete Kindheit hatte.

Aufgezeichnet von Mathias Bölinger.