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Ostmitteleuropa

"Eine wunderbare Schule des Dialogs"

- Die polnisch-deutsche Lehrbuchkommission und ihre Verdienste bei der polnisch-deutschen Annäherung

Warschau, 7.12.2002, POLITYKA, poln., Adam Krzeminski

"Solange die Welt besteht, kann kein Deutscher eines Polen Bruder sein". Gegen diese Klischeevorstellung versucht sich die gemeinsame deutsch-polnische Lehrbuchkommission seit 30 Jahren zu wehren

Über Krieg oder Frieden wird nicht auf den Schlachtfeldern entschieden oder in den Salons der Diplomaten. Darüber entscheidet das, was in den Köpfen der normalen Menschen steckt. Die von Generation zu Generation weitergegebenen Vorurteile und der Hass tragen dazu bei, dass es auch in Friedenszeiten zwischen den Nachbarvölkern einen psychischen Ausnahmezustand geben kann.

Fast das ganze 20. Jahrhundert gehörten die polnisch-deutschen Beziehungen zu den schwierigsten in Europa. Auf der polnischen Seite wurde das negative Bild des westlichen Nachbarn über viele Jahre durch die Erinnerung an den Überfall des Dritten Reiches auf Polen am 1. September 1939 geprägt, dann die blutige Okkupation, die materiellen und finanziellen Verluste sowie durch den deutschen Widerstand bei der Anerkennung der Folgen des Zweiten Weltkrieges und besonders bei der Anerkennung der polnischen Grenze an der Oder und Neiße.

Für die Deutschen hingegen bedeutete die Nachbarschaft zu Polen eine schmerzliche Erinnerung an die Folgen der zwei Weltkriege und an die eigenen territorialen Verluste. Ferner wurden sie dadurch an die moralische Kritik der Nachbarvölker erinnert und an das Leiden großer Teilen der eigenen Bevölkerung, die mit dem Verlust ihrer Heimat und ihres Hab und Gutes für den durch Hitler angezettelten Krieg bezahlen mussten.

Die Pattsituation in den deutsch - polnischen Beziehungen beschränkte sich jedoch nicht nur auf die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, auf die Verschiebung der Grenzen und auf die Evakuierung sowie Vertreibung der Deutschen im Jahre 1945. Sie resultierte auch aus der krassen Asymmetrie und aus der Diskrepanz in dieser Nachbarschaft. Seit dem 18. Jahrhundert ist nämlich Russland in dem Bewusstsein der Deutschen zu dem Hauptnachbarn Deutschlands im Osten geworden. Mit Russland wurde Osteuropa geteilt, mit Russland wurde verhandelt und rivalisiert. Polen hingegen wurde entweder als Pfand oder Dispositionsmasse betrachtet.

Das im deutschen Bewusstsein geringgeschätzte Polen und nicht etwa Russland, das zwar Hemmungen bei den Deutschen weckte, aber gleichzeitig als faszinierend empfunden wurde, ist zu dem Hauptvollstrecker der Strafe für die zwei verlorenen Weltkriege geworden. Dies ist der schlechteste Ausgangspunkt überhaupt, um den gegenseitigen Fatalismus, die Feindschaft, die Missachtung und die Ängste zu beseitigen.

Aber gerade die totale Wende in den deutsch-polnischen Beziehungen ist Ende des 20. Jahrhunderts zu einem der "europäischen Wunder" geworden, das gleichzeitig als Musterbeispiel für die Beseitigung der vererbten Feindschaft in den Unruheherden und zwar nicht nur in Europa dient. (...)

Bei den polnisch-deutschen Erfahrungen wird besonders auf die polnisch-deutsche Lehrbuchkommission hingewiesen, die die älteste Institution des polnisch-deutschen Dialoges ist und sich seit 30 Jahren mit der Bereinigung der Lehrbücher für Geschichte und Erdkunde vom Schimmel des Nationalismus, von den alten Vorurteilen und oft von einer einfachen Ignoranz in beiden Ländern befasst.

Seit der ersten Sitzung der Kommission im Februar 1972 (...) gab es heftige Diskussionen. In Polen bekämpften die Publizisten, die mit einer gewissen (...) Richtung innerhalb der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei verbunden waren, die Historiker, weil sie sich vor der Aufarbeitung der Klischees fürchteten, auf denen die Ideologie der antiwestlichen Abneigung beruhte. In Deutschland hingegen warfen die Publizisten, die mit der CDU/CSU und den Vertriebenenverbänden verbunden waren, den deutschen Mitgliedern der Kommission vor, dass sie, indem sie polnische Vorschläge akzeptieren, sich von der polnischen Propaganda beeinflussen lassen.

Die 1976 veröffentlichten "Empfehlungen für Lehrer", in denen die Art und Weise der Beschreibung der polnisch-deutschen Beziehungen den Lehrern im Geschichtsunterricht vorgeschlagen wurde, sind zum Thema heftiger Diskussionen in einzelnen Landtagen geworden. Die Kritiker rügten die Tatsache, dass in diesem Buch die Beziehungen zwischen Hitler und Stalin nicht berücksichtigt wurden und, dass das umstrittene Thema "Transfer der Bevölkerung" nur marginal behandelt wurde.

In Polen hingegen sorgten die in etwas anderem Licht dargestellten Bewertungen der historischen Tatsachen in den Lehrbüchern wie z.B. bezüglich des Ordens der Marienritter für Empörung. Anstatt ihre eigenen Abneigungen gegenüber Deutschland und den Deutschen zu korrigieren, konzentrierte sich die Regierung der Volksrepublik Polen darauf, der Bundesrepublik Deutschland ihre Zurückhaltung bei der Umsetzung der "Empfehlungen für Lehrer" und zwar besonders in den Bundesländern Bayern und Baden Württemberg aufzuzeigen. (...)

Unabhängig von der Tatsache, dass die 1976 herausgegebenen "Empfehlungen für Lehrer" aufgrund der damaligen Aufteilung Europas in zwei Blöcke etwas unvollständig und ideologisch verfärbt waren, ist die Kommission selbst zu einer ausgezeichneten Schule des Dialoges der Fachleute geworden. Diese "Schule" wurde von über 300 Professoren und Dozenten absolviert.

Während der Vorbereitungen für die Herausgabe der vielen Themenbände, die in Deutschland vom Georg Eckert Institut in Braunschweig und in Polen vom Westinstitut in Poznan (Posen) herausgeben wurden, ist eine neue Philosophie der polnisch-deutschen Beziehungen geboren worden, die nicht auf Konfrontation, sondern auf Zusammenarbeit ausgerichtet war. Die Gentlemen hörten schnell auf, Auseinandersetzungen über historische Fakten zu führen. Die Auseinandersetzungen konzentrierten sich viel mehr auf die Interpretation. Schon in den achtziger Jahren, als den Vorsitz auf der polnischen Seite Professor Antoni Czubinski und später Professor Janusz Tazbir und auf der deutschen Seite Professor Klaus Zernack innehatten, gab es oft Diskussionen, deren Kern quer zu den offiziellen "nationalen Ansichten" verlief. Diese Tendenz wurde nach 1989 noch verstärkt. Die polnisch-deutsche Zusammenarbeit auf diesem Gebiet kann man keinesfalls mit einem Monolog-Austausch wie z.B. zwischen den deutschen und russischen Historikern vergleichen.

In den Jahren 1989/1990 gab es viele Stimmen, die besagten, dass die Kommission nicht mehr gebraucht werde, weil wir jetzt einen normalen Dialog beginnen können, der von dem institutionellen Rahmen der letzten Epoche nicht mehr begleitet sein müsse. In der Tat wurden einige Themen, die früher aus den Diskussionen ausgeschlossen waren (...) wie z.B die Vertreibung der Deutschen aus Polen nach dem Zweiten Weltkrieg von den von der Kommission unabhängigen Polen und Deutschen untersucht und dokumentiert. Die Kommission selbst wurde ins Abseits gestellt und die Ergebnisse ihrer Arbeit wurden in den neuen Bundesländern, die aus der ehemaligen DDR entstanden sind und in direkter Nachbarschaft zu Polen liegen, nicht ganz übernommen. Obwohl gerade in der ehemaligen DDR die Unkenntnis in Bezug auf die polnische Geschichte besonders krass war.

Auch auf der polnischen Seite verändert sich das Bewusstsein nicht so schnell, wie von den optimistischen Befürwortern der "Rückkehr Polens nach Europa" erwartet wurde. Aus den Untersuchungen der Kommission geht hervor, dass die Lehrbücher einerseits von den negativen Emotionen in Bezug auf den westlichen Nachbarn Polens befreit wurden und die polnisch-deutsche Geschichte objektiviert wurde.

Andererseits entstand jedoch, und zwar besonders in den Westgebieten Polens, die Tendenz, die wahre lokale Geschichte zu enthüllen, bei der oft polnische und deutsche Amateurhistoriker zusammenarbeiten, darunter auch Vertriebene. Gleichzeitig entfachte die diesjährige Diskussion um die Entstehung des Museums des Vertriebenenzentrums in Wroclaw (Breslau) die Tatsache ..., dass in Osteuropa immer noch verschiedene "nationale Egoismen" herrschen, die die Schicksalsgemeinsamkeiten all derjenigen außer Acht lassen, die aufgrund verschiedener politischer Konstellationen ihre Heimat verloren haben.

Immer noch bildet das historische Bewusstsein eines Teils unserer Bevölkerung ein exklusives Bewusstsein, in dem die Lage des Nachbarsstaates nicht nachempfunden wird. Die Auseinandersetzung um das Museum in Wroclaw ist im Grunde nichts anderes als eine Auseinandersetzung um ein europäisches historisches Bewusstsein unserer Bevölkerung, die gleichzeitig einen Teil der großen Prozesse der historischen Streitigkeiten bilden, die in fast allen EU-Ländern durchgeführt werden.

Vor diesem Hintergrund wird die Kommission wieder ins Zentrum der europäischen Debatten geschoben. Diesmal handelt es sich jedoch nicht um die Vorbereitung neuer "Empfehlungen für Lehrer", obwohl der im letzten Jahr herausgegebene Band unter dem Titel "Deutschland und Polen im 20. Jahrhundert" hervorragendes Zusatzmaterial für die Lehrer in beiden Staaten darstellt. Die Vergangenheit in Europa kehrt einerseits zurück als die Entdeckung weißer Flecken der Geschichte, (...) und die Entdeckung von verschwiegenen Tatsachen. Andererseits jedoch kommt sie zurück in der Auseinandersetzung um die Relativierung der durch Generationen aufgeheizten nationalen Geschichte. Das Zusammenwachsen in Europa bringt uns an den Punkt, an dem es endlich möglich ist, sich und die Nachbarn von Außen zu betrachten und den Standpunkt des Fremden zu verstehen.

Für ihren langjährigen Beitrag zu dem polnisch-deutschen Dialog wurde die Kommission mit einer Anerkennung belohnt und zwar grade im Jahr ihres Jubiläums. Die gemeinsame Lehrbuchkommission bekam die polnisch-deutsche Auszeichnung, die zum ersten Mal an Willy Brandt (posthum) und an Tadeusz Mazowiecki verliehen wurde. (...)

Die Tatsache, dass der polnische Präsident Aleksander Kwasniewski das von dem Vorsitzenden der Kommission, Professor Klaus Zernack, verfasste Buch über den Vergleich der Geschichte Russlands und Polens in beiden Sprachen dem russischen Präsidenten schenkte, beweist, wie weit wir uns von den vererbten Feindschaften entfernen. Der polnische Präsident gibt dem russischen Präsidenten ein Buch, das von einem deutschen Historiker geschrieben wurde und das die sehr unterschiedlichen historischen Biografien Polens und Russlands behandelt.

Das ist in der Tat ein ganz anderes Europa. Schade, dass manche, darunter auch Professoren, dies nicht bemerken wollen. (Sta)

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