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Geschichte

Eine Wossi schlägt Wurzeln

Kaum war die Mauer gefallen, gab es zwei neue deutsche Wörter: Ossi und Wessi. Und kein Jahr später war Deutschland wiedervereint und um noch ein Wort reicher: Wossi. Ulrike Sellhorn ist solch eine "Wossi".

Ulrike Sellhorn an ihrem Schreibtisch

Ossi und Wessi, diese mal liebevoll, mal abwertend gebrauchte Bezeichnung für Ost- und Westdeutsche, beschreibt das Trennende. Viele Westdeutsche zogen aber in die neuen Bundesländer, um bei der Vereinigung, beim Aufbau neuer, rechtstaatlicher Strukturen zu helfen. Auch für diese "Wessis in Ossiland" fand sich schnell eine neue Bezeichnung: die Wossis.

Viele Wossis sind längst wieder zurück in der alten Heimat. Manche sind geblieben - so wie Ulrike Sellhorn aus Niedersachsen, die als junge Frau gleich nach ihrer juristischen Ausbildung auf die andere Seite der ehemaligen innerdeutschen Grenze zog und in Sachsen-Anhalt anheuerte. Ihre Aufgabe war es, Mitarbeiter auszubilden, die vom früheren DDR-Apparat in den Dienst des neuerstandenen Bundeslandes Sachsen-Anhalt übernommen worden waren.

Aufgewacht neben Aktenbergen

Ihr Arbeitsplatz war auf einem Gelände der früheren Stasi, des DDR-Geheimdienstes. Neben dem Schreibtisch stand ihr Bett, "wahrscheinlich ein ehemaliges Stasi-Bett, in dem ich morgens aufwachte und auf die Aktenberge schaute", wie sich Sellhorn erinnert. Nach einiger Zeit zog sie um in einen Container und schließlich in eine ehemalige Stasi-Wohnung. Von dort schaute sie nicht mehr auf die Aktenberge, sondern auf das Dienstgebäude: "Es war alles grau in grau, aber ich habe mir Blumen hingestellt und fand das dann eigentlich sehr schön".

Der Dom in Magdeburg (Foto: dpa)

Magdeburgs Wahrzeichen: Der Dom

Auch privat bemühte sich Ulrike Sellhorn, in der neuen Umgebung Fuß zu fassen. Einer ihrer ersten Schritte war, sich eine Kirchengemeinde zu suchen. In der Magdeburger Trinitatis-Gemeinde fand sie freundliche Aufnahme – und stellte fest, dass die ungefähr gleichaltrige Gudrun Willenbockel sich sehr reserviert verhielt. Erst viel später sprachen sie sich aus – und stellten ein typisches Ost-West-Missverständnis fest. Sellhorn hatte unbekümmert erzählt, dass sie eine Wohnung suche, wie groß sie sein sollte und mit welcher Ausstattung, für sie das Selbstverständlichste von der Welt. Nicht aber für Ex-DDR-Bürger wie Gudrun Willenbockel: "Von dieser Qualität der Wohnung träumten wir damals noch. Da dachte ich, diese Wessis! Die kommen und stellen Ansprüche, und wir müssen schauen, wie wir überhaupt einen Horizont sehen." Inzwischen sind die beiden enge Freundinnen.

Wossi-Siedlung hinter der alten Grenze

Längst nicht alle Wossis haben sich so auf das Neue eingelassen. Viele sind nur zur Arbeit aus Niedersachsen nach Magdeburg gependelt; im rund 50 Kilometer entfernten Helmstedt gleich hinter der früheren innerdeutschen Grenze ist eine ganze Eigenheimsiedlung für Magdeburger West-Beamte entstanden. Tausende Beamte und Richter sind nach der Wiedervereinigung in so ziemlich alle Ämter und Gerichte der neuen Länder und ihrer Gemeinden entsandt worden. Um überhaupt genügend Mitarbeiter zu finden, die sich im neuen Recht und den neuen Verwaltungsabläufen auskannten, erhielten West-Bedienstete, die sich auf einen Job im Osten einließen, eine stattliche Gehaltszulage. Auch dafür gab es bald ein neues Wort: "Buschzulage".

Ulrike Sellhorn und Gudrun Willenbockel vor einem Webstuhl

Ost-West-Freundschaft: Ulrike Sellhorn mit Gudrun Willenbockel in deren Textilwerkstatt

Diese bessere Bezahlung machte die "Wossis" nicht unbedingt beliebter. Und auch durch ihr Auftreten weckten sie Vorbehalte, oft unbewusst, so wie Ulrike Sellhorn mit ihren Wohnungswünschen. Deren Freundin Gudrun Willenbockel erinnert sich: "Diese Menschen auf der Straße in Schlips und Anzug, die gab es in der DDR nicht - und da dachte man gleich: 'Die wollen aber was darstellen.'" Manchen war es auch egal, wie sie ankamen. Sie gingen mit der Einstellung in die neuen Bundesländer, dass die Menschen dort keine Ahnung hätten und man ihnen erst einmal beibringen müsse, was Sache ist. Die Einheimischen hatten auch für sie schnell ein neues Wort: Aus "Besserwisser" und "Wessi" wurde der "Besserwessi".

Von der Fremde zur Heimat

Eine "Besserwessi" ist Ulrike Sellhorn gewiss nicht. Sie erhielt auch keine "Buschzulage", denn die Stelle in Magdeburg war ihre erste nach der Ausbildung. Inzwischen ist sie zur Ministerialrätin aufgestiegen und leitet ein Referat im Justizinisterium von Sachsen-Anhalt. Nicht nur in ihrer Kirchengemeinde mischt sie heute kräftig mit, sondern auch in der Kreissynode und dem Kreiskirchenrat. Längst hat sie eine Familie, mit der sie in Magdeburg lebt wie die Alteingesessenen auch. Als Kind ist Ulrike Sellhorn manchmal mit dem Großvater an die innerdeutsche Grenze gefahren. Es hat sie erschüttert, als sie weit entfernt auf der anderen Seite Kinder am Zaun spielen sah. Später hat sie in ihrer Ruderriege in einem Boot gerudert, das "Magdeburg" hieß und wenn sie nach West-Berlin fuhr, kam sie an Magdeburg vorbei. Aber es blieb ihr fremd. Heute, fast 20 Jahre später, sagt sie: "Das hier ist meine Heimat geworden."

Autor: Peter Stützle

Redaktion: Dеnnis Stutе