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Wissen & Umwelt

Eine Woche ohne Verpackungen - ein Experiment

Gurken oder Paprika? In Plastikfolie! Käse? Eingeschweißt! Nach einem ganz normalen Einkauf im Supermarkt ist der Mülleimer schon fast voll - mit Verpackungen. Ob das auch anders geht? Wir versuchen es.

Leben ohne Verpackung Gemüse in Plastik

Das ist das Problem in vielen deutschen Supermärkten: alles verpackt!

"Das schafft ihr nie" - das war der häufigste Kommentar, der uns an den Kopf geworfen wurde. Dicht gefolgt von "Viel Spaß beim Kühe melken!" und "Dann könnt ihr ja gleich einen Garten auf dem Balkon anlegen". Doch allen Spöttern zum Trotz: Wir ziehen los.

Wir, das bin ich mit meinen drei Freunden Julia, Christine und Florian. Keiner von uns trägt Wollsocken oder Batikschal, wir sind auch weder strikte Vegetarier noch Esoteriker. Allerdings liegen bei jedem von uns ein paar "Fair Fashion Klamotten" im Schrank, wir besitzen einen Car-Sharing-Mitgliedsausweis und in der Obstschale liegen Äpfel aus der Region. Außerdem diskutieren wir alle immer ganz eifrig mit, wenn es um Nachhaltigkeit und Umweltschutz geht. Aber sich selbst engagieren? Das hatten wir schon lange nicht mehr gemacht.

Gemüse ohne Verpackung (Foto: DW/Miriam Klaussner).

Lebensmittel ohne Folie, Netze oder Plastikkörbchen muss man erst mal ausfindig machen

Wir stellen uns der Herausforderung:

Eine Woche keine Plastiktüten, keine Kaffeekapseln oder Saftpackungen - das wird schon irgendwie gehen. Und um unsere Spötter und natürlich andere Interessierte an unserer Mission teilhaben zu lassen, bloggen wir unter dem Namen #IchNehmsOhne.

Also los zum Supermarkt, im Gepäck haben wir drei Jutebeutel, etliche Tupperschüsseln und ein paar Schraubgläser. Unser Ziel: die Käsetheke. Es duftet nach deftigem Bergkäse, der auf der Theke zum Probieren steht. Dahinter wirbeln drei Verkäuferinnen umher. Routiniert greifen sie Gruyère, Brie und Emmentaler, wiegen kleine Stücke ab, wickeln diese in Plastikfolie und das Ganze wiederum in eine Papiertüte. Kassenbon drauf.

"Den Käse bitte direkt in die Tupperschüssel!"

Und ihr Blick geht zum nächsten Kunden in der Schlange. Das sind wir. "Ein Stück Appenzeller bitte. Aber bitte ohne Verpackung", sagt Christine, setzt ihr breitestes Lächeln auf und reicht der Verkäuferin etwas schüchtern die Tupperschüssel. Diese schaut verdutzt, zuckt mit den Schultern und meint: "Tut mir leid, ich würde ihnen ja gerne den Käse in die Schüssel packen, aber ich darf es nicht. Der Chef hat es verboten!"

Frischkäse in der Tupperdose (Foto: DW/Miriam Klaussner).

Die verpackungsfreie Alternative: Frischkäse direkt in die eigene Schüssel!

Nach längerer Diskussion macht sie es dann doch. "Aber nur ausnahmsweise", schmunzelt sie. Kaum drehen wir ihr den Rücken zu und stolzieren mit unserem Käsedöschen zur Kasse, bricht hinter uns eine hitzige Diskussion aus. "Das ist ja schon der Wahnsinn, was wir hier jeden Tag an Verpackung verbrauchen", meinen die Verkäuferinnen, "aber wir können ja nichts machen, das sind die Vorschriften!"

Die ominösen Hygienevorschriften...

Wir checken die Einkaufsliste - einzig den Käse haben wir verpackungsfrei im Supermarkt bekommen. Brokkoli, Gurken, Tomaten, Kiwis - das gab es nur in Plastikhülle. Genau wie die Brötchen. Also auf zum Bäcker. Selbstbewusst reckt Julia ihren Jutebeutel in die Höhe, bestellt vier Brötchen. "In den Beutel?", fragt der Verkäufer etwas ungläubig. "Dann müssen Sie den Beutel auf die Theke legen und aufhalten!" Nun schaut Julia ungläubig, der Verkäufer zuckt entschuldigend mit den Schultern: "Sorry, aber das sind die Hygienevorschriften, ich darf Ihre Stofftasche nicht anfassen." Dann greift er ein Brötchen nach dem anderen mit seiner Zange und lässt es vorsichtig in den Beutel fallen.

Brot in Jutebeutel (Foto: DW/Miriam Klaussner).

Der Trick: Die Brötchenzange darf den Jutebeutel nicht berühren!

Brötchen kauend schlendern wir weiter. Warum müssen wir alle Gefäße auf die Theke stellen? Warum nimmt sei keiner hinter die Theke, das wäre doch viel praktischer! Schließlich haben wir die Schüsseln ja gespült! Wir stehen vor einem Rätsel - und vor dem türkischen Gemüsestand. Der Duft der Orangen weht uns entgegen, der der Zwiebeln dahinter auch, und wir sind darauf eingestellt, dass es auch hier bestimmt irgendwelche Vorschriften gibt. Doch unbehelligt können wir Brokkoli, Gurken und Tomaten in unsere Jutebeutel packen. Und völlig selbstverständlich wiegt die die Dame an der Kasse alles ab - keine Predigt von wegen Vorschriften - wir strahlen.

Käse in Tupperware - verstößt das gegen Vorschriften?

Und zücken fast zeitgleich unsere Smartphones. Florian war der schnellste, er hat

"Hygienevorschriften"

gegoogelt. "Ich blick nicht durch, da tauchen unzählige Links zu langen Abhandlungen in Juristendeutsch auf. Aber was sind denn nun die Hygieneregeln?" Christine schaut ihn genervt an, zuckt resigniert mit den Schultern, auch sie versteht den Text nicht, "überall tauch das Wort EU-Vorschrift und

EG-Verordnung

auf". Wir alle verstehen also nur Bahnhof - kein Wunder, dass uns kein Händler die Regeln verständlich erklären konnte. Da fällt mir nur noch eins ein: ein Anruf bei der Verbraucherzentrale NRW.

Audio anhören 04:24

Das komplette Gespräch mit Isabelle Mühleisen, von der Verbraucherzentrale NRW

Am Telefon meldet sich eine freundliche Dame: Isabelle Mühleisen. "Dürfen Verkäufer Käse in meine Tupperdose packen?", frage ich sie. "In Deutschland gelten die EU-weiten Hygieneregeln und das deutsche Hygienerecht", sagt sie. "Beides besagt lediglich, dass das Ziel ist, einwandfreie Ware zu verkaufen."

Wie das genau gemacht werden soll, stehe allerdings nicht in den Richtlinien. Ich muss schmunzeln: Also gibt es diese angeblich so strikten Regeln in Deutschland gar nicht, im Gegenteil, die Vorschriften sind sehr schwammig. Isabelle Mühleisen stimmt mir zu, allerdings gebe es für jede Branche noch einmal spezifische Leitlinien, wie zum Beispiel für Fleischer.

Kunde ist König, aber Chef ist Chef!

Kassenband mit eigener Verpackung (Foto: DW/Miriam Klaussner).

Eigene Verpackungen an der Kasse lösen immer eine Diskussion unter Kunden aus

"Aber", meint die Expertin weiter, "letztendlich entscheidet der Marktleiter wie er es in seinem Geschäft anstellt, dass seine Wurst oder sein Käse hygienisch und einwandfrei verkauft werden kann! Das heißt: Wenn der Chef sagt: 'Mir ist das Risiko zu groß, wenn Gefäße vom Kunden auf die Theke oder hinter die Theke kommen', dann müssen Kunden das akzeptieren." So langsam wird mir einiges klar - auch warum kein Verkäufer unsere Gefäße hinter die Theke nehmen wollte. Er hat einfach Angst, dass da Keime dran sein könnten, die seine Ware verunreinigen.

Und ich verstehe nun auch, warum wir in kleinen Läden viel eher die Ware ohne Verpackung bekommen - denn oft steht da der Chef selbst hinter der Theke und der darf ja schließlich entscheiden, ob das in seinen Augen hygienisch ist oder nicht.

Shampoo und Zahnpasta selbst machen?

Triumphierend suche ich meine Experimentteilnehmer, die stehen gerade an einem Coffee-to-go-Stand und grinsen: Mit ihren Händen umklammern sie den heißen Café Latte - in einem mitgebrachten Thermosbecher.

Wir beugen uns über den Einkaufszettel: Duschgel, Zahnpasta, Shampoo, Kekse, Chips. "Keine Chance, alles in Plastikverpackung", seufzt Christine. Julia beschließt daraufhin, dieses Problem zu twittern und auf dem Blog zu erwähnen - und siehe da, kurze Zeit später erreichen uns folgende Kommentare: "Ich nehme zum Duschen und Haarewaschen Olivenölseife, die gibts ohne Plastik." Und Zahnpasta könne man aus Natron, Kokosfett und Pfefferminzöl selbst machen. Bei Keksen und Chips haben wir beschlossen: entweder verzichten oder selbst backen.

10.000 Klicks nach einer Woche

Video ansehen 01:33

Einkaufen ohne Verpackung - können Sie sich das vorstellen?

Nach einer Woche ziehen wir Bilanz: Wir haben es eisern durchgezogen. Haben bei kleinen Händlern Käse ohne Verpackung bekommen. Waren sehr überrascht wie einfach es mit Brötchen, Obst und Gemüse geht. Und müssen zugeben: Nein, ein Zahnpasta-Labor haben wir nicht installiert und Kekse und Chips fielen für eine Woche mal ganz aus. Doch was nun? Die über 10.000 Klicks in einer Woche haben uns überwältigt und angespornt. Die vielen zynischen Kommentare vom Anfang wurden durch noch viel mehr motivierende Posts und Tweets ausgehebelt. Wir sagen: "Wir nehmen's auch weiterhin ohne Verpackung!" Allerdings alltagstauglich - also ohne Kühe zu halten und ohne Garten auf dem Balkon!

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