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Kultur

Eine Wissenschaftlerin, die provozierte

Sie war Psychoanalytikerin, Feministin, Autorin. Sie hatte Lust an der Provokation. Konventionen, Spießertum, Zwang und Unfreiheit hasste sie. Sie schrieb in Deutschland Geschichte. Margarete Mitscherlich ist tot.

Sie kam 1917 zur Welt, Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin, wurde Medizinerin, ließ sich zur Psychoanalytikerin ausbilden und hat viele Jahre mit ihrem Mann auf diesem Gebiet zusammen gearbeitet. Margarete und Alexander Mitscherlich: Ein berühmtes Akademikerpaar, das forschte, unterrichtete, schrieb – und Geschichte geschrieben hat.

Politik und Psychoanalyse

Das Buch "Die Unfähigkeit zu trauern" war eine Provokation. Entstanden 1967, mitten im Kalten Krieg und noch vor der Studentenrevolte, rührte es an bis dahin lang gehegte Tabus. Es war eine Streitschrift, ein Schlüsseltext, der wenig später auch die Studenten aufrüttelte, die in Deutschland auf die Straßen gingen – nicht nur, um gegen die alten Zöpfe an den Universitäten zu demonstrieren, sondern auch, um die Elterngeneration aufmerksam zu machen auf die kollektive Verdrängung von Schuld, die fehlende Bewältigung der NS-Zeit, die falsche Rückkehr zu einer scheinbaren Normalität. Es war ein schwieriges Buch, viele haben es damals nicht verstanden. Margarete und Alexander Mitscherlich sind der Frage nachgegangen, warum "die Epoche des Dritten Reichs nur unzulänglich kritisch durchdrungen wurde". Sie taten das mit den Mitteln der Psychoanalyse – einer Disziplin, die es nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zunächst nicht mehr gab. Ihre Vertreter waren ermordet oder vertrieben worden. Margarete Mitscherlich aber hatte schon in den 1950er Jahren in London eine psychoanalytische Ausbildung absolviert. Und 1960 hatte ihr Mann in Frankfurt das Sigmund-Freud-Institut gegründet, das ein Zentrum intellektuellen Diskurses in der Bundesrepublik werden sollte.

Der Psychoanalytiker und Publizist, Gründer und Leiter des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main 1960-1976, aufgenommen am 1. September 1976 in Düsseldorf. Alexander Mitscherlich wurde am 20. September 1908 in München geboren und ist am 26. Juni 1982 in Frankfurt am Main gestorben. (Photo für Kalenderblatt)

Alexander Mitscherlich 1976

Schuldfragen

Das Zeugnis, das die Mitscherlichs damals ihren deutschen Landsleuten in dem Buch ausstellten, war bitter und für sehr viele nur schwer zu verkraften: Die Deutschen seien indifferent und teilnahmslos. Es mangele ihnen an Empathie für die Opfer des nationalsozialistischen Völkermords. Sie seien verhärtet in "nationalistischer Selbstbezogenheit". Schuld, Scham und insbesondere Trauer über die Verluste würden abgewehrt. Die große Mehrheit betrachte die NS-Zeit als eine Art "Infektionskrankheit in Kinderjahren" und plötzlich seien nur noch Adolf Hitler und ein paar seiner Führungsfiguren verantwortlich. Die Wiederherstellung einer funktionierenden Wirtschaft habe Vorrang in der Republik, hingegen sei die Errichtung eines demokratischen Staates nach der Erfahrung von Diktatur und Terror kein inneres Bedürfnis der Deutschen gewesen, sondern von den Siegern aufgezwungen worden.

Weltbilder

Thesen, die damals eine Mehrheit der Menschen im Land nicht hören und nicht zur Kenntnis nehmen wollte. Man hatte ja das "Wirtschaftswunder", man sah nach vorne, nicht zurück. Das Weltbild war klar gefügt – der Feind stand links, hinter Mauer und Stacheldraht, in der DDR. Margarete Mitscherlich und ihr Mann rührten indes noch an ein weiteres Tabu: Sie kritisierten auch einen falschen, illusionären, ja gefährlichen Umgang mit den Folgen des von den Deutschen angezettelten Krieges, mit der Teilung Deutschlands, den neu geschaffenen Grenzen. Es mangele am Willen zur Anerkennung der Realitäten. Man beharre auf Ansprüchen. Die Autoren diagnostizierten eine "deutsche Art, das Unerreichbare kompromisslos zu lieben" und sprachen von einer "Orientierung am Unwirklichen". Gedanken, die damals in weiten Kreisen zu einem regelrechten Aufschrei führten – von der Ostpolitik Willy Brandts, der Aussöhnung mit Polen, dem Grundlagenvertrag mit der DDR war noch längst keine Rede.

Brandt u. Bahr bei Breschnew, 1971 Deutsche Ostpolitik / Treffen des Bun- deskanzlers Willy Brandt mit dem Gene- ralsekretär der KPdSU Leonid Breschnew in Oreanda auf der Krim vom 16.-18. Sep- tember 1971. - Bundeskanzler Willy Brandt (links) und Staatssekretär Egon Bahr bei einer Besprechung mit Breschnew (rechts). -

1967 noch undenkbar: Vier Jahre später trafen sich Willy Brandt, Egon Bahr und Leonid Breschnew

Ein Anstoß

"Die Unfähigkeit zu trauern" – das Buch mit dem programmatischen Titel war ein Signal, ein Auftakt für die Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer Vergangenheit und damit letztlich auch Anstoß für das, was wir heute Erinnerungskultur nennen – eine schmerzliche und harte, viele Jahre dauernde Bemühung, Beispiel und Vorbild für andere, eine Anstrengung, für die uns heute viele Staaten Respekt und Anerkennung zollen.

Streitbar und humorvoll

Margarete Mitscherlich, die streitbare, selbstironische Intellektuelle, hat – auch nach dem Tod ihres Mannes 1982 – noch viel publiziert. Nicht nur Bücher und wissenschaftliche Aufsätze. Gelegentlich schrieb sie sogar in einer Frauenzeitschrift. Sie machte sich als intellektuelle Vertreterin eines kämpferischen Feminismus einen Namen, schrieb 1985 "Die friedfertige Frau", fünf Jahre später "Über die Mühsal der Emanzipation", gab eine Zeitschrift heraus und hatte in Frankfurt eine Praxis für Psychoanalyse. Bis zuletzt soll sie dort noch gelegentlich Sitzungen abgehalten haben. Besucher berichten, auf dem Sofa ihrer Wohnung habe eine Plüschfigur gesessen: Unverkennbar Sigmund Freud. Margarete Mitscherlich, die kurz vor ihrem 95. Geburtstag starb, hatte auch Humor.

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