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UNESCO

Eine "Weltbürgerin" wird UNESCO-Chefin

Die frühere französische Kulturministerin Audrey Azoulay ist zur neuen Generaldirektorin der UNESCO gewählt worden. Sie hat die schwierige Aufgabe, die UN-Kulturorganisation aus ihrer politischen Krise zu führen.

Audrey Azoulay vereint in ihrer Biographie den Westen, die arabische Welt und das Judentum: Die Französin mit jüdisch-marokkanischen Wurzeln könnte damit die ideale Besetzung für die UN-Organisation sein, die nach ihrem Auftrag versucht, die Welt über die Förderung von Kultur, Bildung und Wissenschaft zusammenzubringen und durch gegenseitiges Verständnis Frieden zu stiften.

Gerade jetzt scheint Azoulay die richtige Person: Die UN-Kulturorganisation ist so gespalten wie selten zuvor. Vor einem Monat hatten die USA und Israel sogar ihren Rückzug aus der UNESCO bis Ende 2018 angekündigt. Mit den USA, die ihre Zahlungen bereits 2011 einstellten, fehlt auch der größte Geldgeber. Grund sind die Aufnahme der Palästinensergebiete als Mitglied und eine Reihe von Entscheidungen zum Schutz des palästinensischen Kulturgutes, die Kritiker als antijüdisch einstuften.

Palästinensische Flagge am UNESCO-Hauptquartier (picture-alliance/dpa/I. Langsdon)

Ärgernis für Israel und die USA: die palästinensische Flagge vor dem UNESCO-Hauptquartier in Paris

Ist die UNESCO voreingenommen gegenüber Israel?

Bereits die Geschichte ihrer Nominierung zeigt den Konflikt auf: Die arabische Welt hatte sich mit je einem Kandidaten aus Katar und Ägypten Hoffnungen gemacht, zum ersten Mal den Spitzenposten zu besetzen. Nachdem sich Azoulay gegen den ägyptischen Kandidaten durchgesetzt hatte, sah es eher nach einem Sieg des Katarers Hamid Abdulasis Al-Kawari aus. Doch an ihm schieden sich die Geister der arabischen Unterstützer. Azoulay war dann - knapp allerdings - die lachende Dritte.

Jüdische Gruppen hatten Al-Kawari auch ein Vorwort zu einem Buch vorgehalten, in dem er schreibt: "Wir beten zu Gott, dass er Jerusalem aus Gefangenschaft befreie und Muslimen die Ehre erweise, es zu befreien." Das wurde ihm als antisemitisch angekreidet. Im März hatte sich das Simon-Wiesenthal-Zentrum sogar in einem offenen Brief beim Vorsitzenden des Exekutivrats, dem deutschen Diplomaten Michael Worbs, beklagt, dass der Rat Al-Kawari überhaupt als Kandidaten zugelassen hatte.

Das jüdisch-marokkanische Kulturerbe (DW/M. Massad)

Der Vater: André Azoulay, Berater des marokkanischen Königs und Präsident einer Stiftung für den Dialog der Kulturen

Klassischer französischer Werdegang

Als hätte sie die Kontroverse bereits geahnt, hatte Audrey Azoulay schon in ihrer Bewerbung auf ihre "Fähigkeit zur Mediation und zur Konsensbildung" hingewiesen. Die wird die 45-Jährige brauchen können, wenn sie es schaffen will, die UNESCO wieder mit sich selbst zu versöhnen.

Ihr familiärer Hintergrund und ihr Werdegang wiesen schon früh auf eine Aufgabe, die etwas mit internationaler Kulturvermittlung zu tun haben würde. Sie selbst nennt sich eine "Weltbürgerin mit familiären Bindungen nach Marokko". Ihr Vater, der Bankier und Politiker André Azoulay, berät den marokkanischen König Mohammed wie zuvor schon dessen Vater Hassan. Ihre Mutter ist die Schriftstellerin Katia Brami.

Audrey Azouley hat die klassischen französischen Kaderschmieden ENA und Sciences-Po durchlaufen, die normalerweise auf Führungspositionen vorbereiten. Anschließend beriet sie die Sozialistische Partei in Kulturfragen. Ein gutes Jahr, bis Mai 2017, war sie Kulturministerin unter Präsident François Hollande. Außerdem hat sie sich beim Nationalen Kino-Zentrum (CNC), das französische Autorenfilme fördert, engagiert. 

Filmfestival Cannes Eröffnung Azoulay, Lescure und Fremaux (Getty Images/AFP/A. Pizzoli)

In ihrem Element: als Kulturministerin mit Vertretern der Filmfestspiele Cannes

Viel Unterstützung aus der Kultur

So sind einige ihrer prominenten Unterstützer nicht nur in der Politik zu finden, sondern auch unter Kulturschaffenden. Der deutsche Regisseur Volker Schlöndorff gehört ebenso dazu wie der britische Theaterregisseur Peter Brook. CNC-Chefin Frédérique Bredin preist Azoulay als "brillante und leidenschaftliche Frau" und als "Freundin der Künstler".

Azoulay ist sich durchaus bewusst, dass die 1945 gegründete UNESCO reformbedürftig ist. Deutschland zum Beispiel verlangt mehr Effektivität, Transparenz und Tempo beim Management der Kulturorganisation, wie Maria Böhmer (CDU), die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, am Rande der Generaldebatte sagte. Schon bei ihrer Nominierung durch den Exekutivrat vor einem Monat versprach Azoulay, "die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Mitgliedstaaten wiederherzustellen". Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) wünschte ihr nach der Nominierung "viel Kraft und Mut, die notwendigen Schritte anzugehen, um die Unesco zu reformieren". Audrey Azoulay hält er für die richtige Person. "Wir haben uns deshalb mit ihr auf eine Reformagenda verständigt und ihr unsere volle Unterstützung zugesichert", so Gabriel.

Kölner Dom Stadtansicht, Skyline (picture-alliance/dpa/C. Baeck)

Eine von vielen Weltkulturerbestätten: der Kölner Dom

"Die UNESCO reformieren, nicht sie verlassen"

Was genau sie verändern will, hat Azoulay noch nicht gesagt. Doch ihr allgemeines Ziel ist hochgesteckt. Sie hat es bereits mit einem Zitat des verstorbenen französischen Ministerpräsidenten und KZ-Häftlings Léon Blum umrissen: "Die UNESCO muss das moralische und intellektuelle Gewissen der Menschheit sein."

Audrey Azoulay folgt der Bulgarin Irina Bokowa, sie ist die zweite Frau an der Spitze der Organisation. Die UNESCO hat 2100 Mitarbeiter und ein dreistelliges Millionenbudget zur Verfügung. Zu den Aufgaben zählt nicht nur der Erhalt von Weltkulturerbestätten, sondern zum Beispiel auch die Durchführung von Bildungsprogrammen für Mädchen, die Verteidigung der Medienfreiheit und die Koordinierung wissenschaftlicher Erkenntnisse über den Klimawandel. 

Was sie vom Rückzug der USA und Israels halt, hat Azoulay schon angedeutet. "Ich finde, in diesem Moment der Krise", sagte sie bei ihrer Nominierung, "müssen wir mehr denn je in die UNESCO investieren, versuchen, sie zu unterstützen, zu stärken und zu reformieren - und nicht, sie zu verlassen." Doch sie will weiter um die Abtrünnigen werben. "Für mich ist es sehr wichtig, dass die UNESCO ihre Tür offenhält", sagte sie nach ihrer Wahl am Freitag.

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