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Kriminalität

Eine Waffe mit 225 PS: Illegale Autorennen

Mörder! Darf man Autofahrer, die bei illegalen Rennen den Tod von Menschen in Kauf nehmen, so nennen? Die Frage steht im Zentrum eines Prozesses in Berlin. Fritz Schramma verfolgt das Verfahren aus persönlichen Gründen.

Deutschland Illegales Autorennen in Berlin (picture-alliance/dpa/B. Pedersen)

Der Unfallort an der Tauentzienstraße in Berlin

Marvin N. ist 24 Jahre alt und fuhr in jener Nacht einen weißen Mercedes, Typ AMG CLA 45. Er sitzt auf der Anklagebank des Berliner Landgerichts, ebenso wie Hamdi H., 27 Jahre alt. Auch er fuhr ein weißes Auto, einen Audi A6 TDI. Als sie sich in den frühen Morgenstunden des 1. Februar 2016 auf der Tauentzienstraße in Berlin begegneten, nahm ein verhängnisvolles Geschehen seinen Lauf, das der Staatsanwalt als gemeinschaftlichen Mord wertet. Die beiden weißen Autos wurden praktisch zur Mordwaffe.

Deutschland Illegales Autorennen in Berlin (picture-alliance/dpa/B. Pedersen)

Der Wagen des Opfers wurde 70 Meter weit geschleudert

Hamdi H. ist mindestens 160 Stundenkilometer schnell, als sein Audi wenige Minuten nach der Begegnung mit Marvin N. in den Geländewagen eines 69-jährigen Rentners kracht. Es ist 00:50 Uhr. Der Jeep des Opfers schleudert 70 Meter weit und bleibt schließlich auf der Fahrerseite liegen. Am Steuer: ein Arzt im Ruhestand. Er ist auf der Stelle tot. 

Das Auto von Hamdi H., auf 225 PS aufgemotzt, kracht nach dem Unfall in den Mercedes von Marvin N.. Die beiden jungen Männer kommen mit leichten Verletzungen davon. Ihre Autos sind völlig demoliert.

Ein illegales Autorennen in Berlin, der Kurfürstendamm als Todeszone? Eine Zeugin, die in dem Mercedes von Marvin N. saß, erinnerte sich in dem Prozess, dass der Audi zunächst an einer Ampel hinter ihnen aufgetaucht sei. Die beiden Männer hätten dann auf der Straße gestoppt, die Scheibe heruntergekurbelt und sich unterhalten, weil sie sich flüchtig kannten. Dann habe Hamdi H. plötzlich Gas gegeben. Danach der andere Fahrer. Rotsignale wurden ignoriert.

Deutschland Illegales Autorennen in Berlin Mordprozess eröffnet (picture-alliance/dpa/P. Zinken)

Die Anklagebank: Marvin N. (zweiter von links) und Hamdi H. (fünfter von links, sitzend) mit ihren Anwälten vor dem Berliner Landgericht in Moabit

Für den Staatsanwalt in Berlin erfüllt das den Tatbestand des gemeinschaftlichen Mordes. Sollte in dem Prozess am kommenden Montag (27. Februar) tatsächlich ein lebenslanges Urteil fallen, hätte es gerade für die Opfer und deren Hinterbliebenen eine besondere Wirkung. Denn sie beklagen, dass solche Unfälle oft nur als Ordnungswidrigkeit gelten und die Todesfahrer mit Bewährungsstrafen davonkommen.

"Was die Raser gerade in Innenstädten anrichten, wo man ja eigentlich überhaupt nicht so schnell fahren kann, ist nicht hinnehmbar", sagt Fritz Schramma. Der frühere Kölner Oberbürgermeister hat seinen Sohn Stephan bei einem solchen Unfall in seiner Heimatstadt verloren. Stephan Schramma wurde 31 Jahre alt. "Man fasst sich schon an den Kopf und fragt sich: Warum hört das nicht auf?", sagt Schramma im Gespräch mit der DW. Tatsächlich gibt es immer wieder Meldungen über solche, oft organisierte illegale Autorennen

Deutschland Fritz Schramma Oberbürgermeister von Köln (Getty Images/V. Rys)

Sein Sohn starb bei einem Raserunfall: der frühere Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma

Obwohl der Unfall seines Sohnes nun schon fast 16 Jahre zurückliegt, verfolgen Schramma und seine Frau Ulla Prozesse wie den in Berlin mit Aufmerksamkeit. Im Fall seines Sohnes wurden die beiden jungen Männer (24 und 22 Jahre alt) in erster Instanz zu drei Jahren, in zweiter Instanz zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Eine gerechte Strafe? "Es ist schon ein Schlag ins Gesicht der Opfer, wenn die Fahrer nach einem langen Prozess den Gerichtssaal auf Bewährung verlassen können. Denn das wird doch oft, gerade von den Tätern, als eine Art Freispruch empfunden", sagt Schramma da, der sich in der Angelegenheit seit vielen Jahren engagiert und auch den Verein Kölner Opferhilfe ins Leben gerufen hat. "Ich hätte mir schon ein Zeichen der Entschuldigung der Täter gewünscht. Oder deren Eltern. Das hätte uns in unserer Trauer vielleicht geholfen." Auf ein solches Zeichen wartet die Familie Schramma bis heute.

Stattdessen nutzen die Raser - und das ist ihr gutes Recht - alle Möglichkeiten aus, auf juristischem Weg dem Gefängnis zu entgehen. Gerade Anfang Januar hat der Bundesgerichtshof die Strafe von zwei Jahren und neun Monaten Haft für einen Autofahrer bestätigt. Der Mann war - ebenfalls in Köln - mit 109 Stundenkilometern in einem gemieteten Sportwagen durch die Innenstadt gefahren, hatte dabei einen 26 Jahre alten Radfahrer erfasst, der drei Tage später im Krankenhaus starb. "Wir wollten mit dem Urteil auch ein Zeichen nach draußen setzen, dass man so einfach nicht fahren kann", sagte der Vorsitzende Richter Benjamin Roellenbleck in Karlsruhe.

Führerschein weg!

Auch auf politischer Ebene gibt es Bestrebungen, Zeichen zu setzen. Der Bundesrat hat dazu im vergangenen Jahr schon eine Gesetzesinitiative auf den Weg gebracht, die sich gerade in der Ressortabstimmung befindet. Und auch Verkehrspolitiker in Berlin wollen handeln: Aus der Ordnungswidrigkeit (bisher) soll eine Straftat (künftig) werden. "Wenn Menschen bei illegalen Autorennen totgefahren werden, dann sind Bewährungsstrafen sicherlich nicht angemessen", sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete und Verkehrsexperte Patrick Schnieder. Der Führerschein sei nichts für "halbstarke Adrenalin-Junkies". Daher müsse man auch daran denken, Autos zu beschlagnahmen, Führerscheine einzuziehen, erklärt Schnieder der Deutschen Welle. "Dann muss ich schon überlegen, ob ich einen solchen Fahrer überhaupt jemals wieder auf die Menschheit loslassen kann." 

Der Baum wird gefällt

Fritz Schramma und seine Frau Ulla besuchen Woche für Woche das Grab ihres Sohnes, der viele Pläne hatte, mit seiner Freundin zusammenziehen und heiraten wollte. Zu Hause gibt es eine Art Familiengalerie mit Fotos auch von Stephan. Die Anteilnahme in der Stadt hat der Familie Kraft gegeben. "Bis heute spricht mich zum Beispiel jeder Taxifahrer darauf an", erzählt Schramma. Er muss fast jeden Tag an der Unfallstelle am Kölner Rudolfplatz vorbei. "Da stand bisher immer so ein alter Baum, der wird nun gefällt", berichtet er. Die Veränderung könnte ihm den Weg nun etwas leichter machen.

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