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Wirtschaft

Eine Währung gegen die Krise - die plötzliche Begeisterung für den Euro

Eine Änderung der Beitrittskriterien zur Währungsunion kommt für die Europäische Union derzeit nicht infrage. Ungarn und andere Länder wollen den Euro dagegen möglichst rasch einführen. Karl Zawadzky kommentiert.

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Am liebsten möchten die Regierungen von Polen und Ungarn den Euro im Schnellverfahren einführen; selbst im lange euroskeptischen Großbritannien nimmt die Zahl der Befürworter eines Beitritts zur Währungsunion zu. Der Grund für die plötzliche Euro-Begeisterung liegt auf der Hand: Der Euro ist stabil, während die nationalen Währungen in Ungarn, Großbritannien, Polen sowie in zahlreichen anderen Ländern, die zwar der EU aber nicht der Euro-Währungsunion angehören, in den letzten Monaten stark an Wert verloren haben.

Dadurch fällt es diesen Staaten sowie den Unternehmen und Privatpersonen schwer, ihren Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Ausland nachzukommen.

DW Experte Karl Zawadzky

Karl Zawadzky, Redaktionsleiter Wirtschaft

"Wir sind in ernsten Schwierigkeiten", gestand der ungarische Ministerpräsident ein. Ende vergangenen Jahres musste der Forint mit einem 20 Milliarden Dollar schweren Stützungspaket vom Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der Europäischen Union vor dem akut drohenden Kollaps gerettet werden. Polen ist zwar deutlich weniger gefährdet, aber der Zloty hat gegenüber dem Euro innerhalb eines halben Jahres rund ein Drittel an Wert eingebüßt.

Der Verfall der nationalen Währungen von Euro-Mitgliedsländern, die nicht der Euro-Währungsunion angehören, verursacht erhebliche Probleme bei der Bedienung der im Ausland eingegangenen Verbindlichkeiten. Denn in dem Maße, in dem der Wert der Währung im Vergleich zum Euro abnimmt, steigt der Schuldendienst.

Das gilt zum Beispiel für die von Nicht-Euro-Ländern bzw. Unternehmen dieser Länder in der Euro-Zone ausgegebenen Staats- oder Unternehmensanleihen. Das gilt aber auch ganz konkret für etwa eine halbe Million Engländer, die mit Eintritt in das Pensionsalter nach Südfrankreich umgesiedelt sind. Während sie dort zu Zeiten des starken Pfundes wie Gott in Frankreich lebten, haben sie derzeit durch den starken Wertverfall der britischen Währung mit hohen Einkommenseinbußen zu kämpfen.

Währungen fallen, Schulden steigen

Mancher erlebt die persönliche Pleite, osteuropäische Regierungen fürchten den Staatsbankrott. Und österreichische Banken, die sich besonders stark in Osteuropa engagiert haben, müssen sich fragen lassen, ob das nicht arg leichtfertig war. Rund die Hälfte ihrer gesamten Kreditvergabe der letzten Jahre ist in Ost- und Südosteuropa erfolgt. Was vor Jahren als geschäftliche Pioniertat gefeiert wurde, wird nun als kaum kalkulierbares Risiko nicht nur für die Banken, sondern auch für die österreichische Volkswirtschaft eingestuft.

In der Krise zeigt sich vor allem für schwächere Volkswirtschaften der Wert der gemeinsamen Währung. Freilich zeigt sich auch, dass der Euro nicht alles regelt. Auch Mitgliedsländer der Währungsunion, die während guter Konjunkturzeiten über ihre Verhältnisse gelebt und die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Wirtschaft vernachlässigt haben, sehen sich plötzlich in erheblichen Schwierigkeiten bei der Finanzierung ihres Schuldenberges.

Wenn nämlich Anleihen ersetzt werden müssen, sind die nur bei deutlichen Zinsaufschlägen am Markt unterzubringen. Das betrifft vor allem Irland, Griechenland, Spanien und Italien – und wegen des großen Bankenrisikos in den östlichen Nachbarländern mittlerweile auch Österreich. Diese Staaten müssen in der Krise deutlich höhere Aufwendungen für ihre Staatsverschuldung verkraften, was zu der Idee einer Gemeinschaftsanleihe geführt hat.

Deutschland will kein Zahlmeister sein

Mit gutem Grund lehnen die Bundesregierung und die Bundesbank dies ab, denn im Ergebnis würde sich bei bester Bonität die Finanzierung der deutschen Staatsschulden verteuern, obwohl Deutschland strukturelle Defizite abgebaut, die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft verbessert und im vergangenen Jahr fast den Haushaltsausgleich geschafft hat.

Recht hat Bundesbankpräsident Axel Weber, wenn er darauf hinweist, dass die Staaten mit hohen Haushaltsdefiziten bei der Bewältigung der daraus resultierenden Probleme in erster Linie selbst gefordert sind. Erst in außergewöhnlichen Notsituationen, also bei der akuten Gefahr einer Staatspleite, können sie von anderen Hilfe erwarten.

Vor allem gilt das für jene EU-Staaten, die bislang aus welchen Gründen auch immer der Euro-Zone nicht beigetreten sind. Der Euro ist nicht der rettende Strohhalm für Staaten, die über ihre Verhältnisse gelebt, dringende Reformen ihrer Staatshaushalte und Sozialsysteme sowie die Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit vernachlässigt oder an den internationalen Finanzmärkten ein zu großes Rad gedreht haben - und sich nun unverhofft mit der harten Realität konfrontiert sehen.

Es kann keinen Abschlag von den Beitrittskriterien geben. Dazu gehören die zweijährige Teilnahme am Wechselkursmechanismus sowie die Vorgaben für die Staatsschulden, die Zinsen und die Inflation.

Würden die derzeitigen Euro-Mitglieder hier Kompromisse eingehen, hätten wir es beim Euro schon bald mit einer Weichwährung zu tun. Denn: Das wichtigste Gut einer Währung ist das Vertrauen in ihre Stabilität. Dieses Vertrauen ist schneller verspielt als aufgebaut.