1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Eine veränderte Mauererzählung

Eigentlich meint man, alles über die Berliner Mauer zu wissen. Doch eine Berliner Ausstellung zeigt eine neue Perspektive auf: die innerdeutsche Grenze aus der Sicht ihrer Erbauer und Bewacher.

DDR-Wachtürme an der innerdeutschen Grenze

Die ersten Wachtürme sahen aus wie Jägerstände

Beton, Trennung und Tod - das sind einige Assoziationen, die ausgelöst werden, wenn man an die Berliner Mauer denkt. Die Berliner Ausstellung "Inventarisierung der Macht - Die Berliner Mauer aus anderer Sicht" will die innerdeutsche Grenze jetzt noch einmal aus anderer Perspektive präsentieren. Doch geht das überhaupt? Ist nicht alles von dieser Mauer schon gezeigt und erzählt worden und hat sich weit über Berlin und Deutschland hinaus in den Köpfen eingeprägt?

Neues von der Mauer

Die Ausstellungsmacherin und Schriftstellerin Annett Gröschner ist sich da nicht so sicher: Sie und Arwed Messmer haben sich bei der Ausstellungsidee und der gleichzeitigen Buchveröffentlichung von ihren Funden aus dem Archiv der DDR-Grenztruppen inspirieren lassen. "Im kollektiven Gedächtnis ist der Beton, den man von der Westseite aus sieht," erzählt Gröschner. Doch in der Ausstellung hat man genau die andere Perspektive, eben jene der Grenztruppen: Die mehr als 1059 Panoramabilder, die in Folianten einsehbar sind, zeigen nicht den gewohnten Blick von West nach Ost, sondern den von Ost nach West. Das ist neu. Aufgenommen wurden sie in den Jahren 1965 und '66 von DDR-Grenzsoldaten.

Der Bruderkuss auf der East Side Gallery in Berlin

Die East Side Gallery und der internationale Mauertourismus prägen heute unser Bild von der Berliner Mauer als bunt bemalter Betonwall

Anders als durch sie hätten diese Bilder gar nicht entstehen können, erklärt Gröschner bei der Ausstellungseröffnung im Gespräch mit der DW: "Es war ja von Ostseite streng verboten, zu fotografieren. Das haben nur die Grenzregimenter gemacht." Damals sollte der Bauzustand der Mauer im Vorfeld einer großen Umbaumaßnahme dokumentiert werden.

Stacheldraht und Holzverhaue

Daher das umfassende Foto-Vorhaben der Grenzsoldaten, das in der Öffentlichkeit bisher nicht bekannt war. Annett Gröschner und Arwed Messmer haben die lange vergessenen Bilder im Freiburger Militärarchiv gefunden, gesichtet und sich entschieden, sie zum Ausgangspunkt für eine Ausstellung zu machen. Dabei verblüfft zunächst, dass die Mauer von damals, also in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, ganz anders aussah, als wir das erinnern: "Wir haben alle das Bild der Betonmauer, das stimmt nur für die 70er und 80er Jahre", erklärt Gröschner.
Erst ab dem Jahr 1975 wurde jenes Betonungetüm errichtet, wie wir es heute erinnern. Die Mauer der 60er Jahre, das waren eher Stacheldrähte, Holzverhaue und Wachtürme, die wie Jägerstände aussahen.

Skizzenbuch von DDR-Grenzsoldaten

In Skizzenbüchern wurden Fluchtversuche nachgezeichnet

Das alles ist in der Ausstellung im Berliner Kleisthaus zu sehen. Sie verändert nicht nur unseren Blick, sondern gibt auch Raum für eine veränderte Mauererzählung.
"Die Mauer war viel durchlässiger für die Kommunikation, weil es noch nicht diese vier Meter hohen Betonmauern gab, sondern Zäune", erklärt Gröschner. Und durch Zäune kann man reden und kommunizieren. In ihren Akten hielten die DDR-Grenzsoldaten denn auch penibel fest, was von der anderen Seite so alles herübergerufen wurde. "Kommt doch rüber, wir haben wirklich schöne Frauen für euch", zitiert eine Aktennotiz eine eindeutige Aufforderung von der anderen Seite des Zauns. Doch dann schlägt die Stimmung um, und das Ganze endet dann mit der Drohung: "Wir kriegen euch sowieso".

Offener und gefährlicher

Die Grenze war also viel offener als die spätere Betonmauer, aber gerade dadurch auch gefährlicher: "Viele Leute dachten nämlich, es wäre leicht, abzuhauen. Das war es aber nicht," gibt Annett Gröschner zu bedenken. Sie weiß, worüber sie redet. Gröschner ist auf der östlichen Seite der Mauer aufgewachsen, im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.

Für die Ausstellungsmacher bestand die Mauer nicht nur aus Zäunen und Beton. Teil des brutalen Abgrenzungssystems waren auch die Grenzsoldaten. Im "Lob und Tadel" genannten Ausstellungsraum sind an den Wänden Beurteilungen aus Personalakten nachzulesen: "In der Ordnung und Disziplin ist er Vorbild für alle Genossen" heißt es da. Ein anderer Grenzschützer wird für seinen Schusswaffengebrauch gelobt. Auf einem Tisch daneben findet sich ein Skizzenbuch, in dem die Grenzsoldaten Fluchtversuche zeichnerisch nachstellten. Auch Fotos von Grenzsoldaten sind an einer Wand ausgestellt. Die Gesichter sind geweißt, ihre Individualität aber bleibt erkennbar. Selbst die Wachhunde finden in dieser Ausstellung ihren Platz, auch sie waren Teil des Mauersystems. In abfotografierten Akteneinträgen sind Name und Gesundheitszzustand der oft unter erbärmlichen Bedingungen eingesetzten Tiere dokumentiert.

Geweißte Gesichter von DDR-Grenzsoldaten

Gesichter von Grenzsoldaten

Wo bleiben die Opfer?

Annett Gröschner und Arwed Messmer beenden mit der Ausstellung "Inventarisierung der Macht" eine 25-jährige Beschäftigung mit der Mauer. Ihr Anliegen ist spannend: Auf der Grundlage von Akten und Archivmaterial die Geschichte der Mauer noch einmal anders zu erzählen, hat noch keiner vor ihnen getan. Doch es fehlt etwas bei dieser Erzählung. Die Perspektive der Opfer kommt dabei nicht vor. Gewiss ist das erklärlich: Denn Basis der Ausstellung waren ausschließlich die Akten, die von den Tätern, den "Bauherren" der Mauer angelegt wurden. Trotzdem spürt man diese Leerstelle und es bleibt ein schaler Geschmack zurück.

Die Ausstellung "Inventarisierung der Macht - Die Berliner Mauer aus anderer Sicht" ist noch bis zum 14.08.2016 im Berliner Kleisthaus zu sehen.

Die Redaktion empfiehlt