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Kultur

Eine Utopie kämpft ums Überleben

Die Freistadt Christiania ist eine große Touristenattraktion in Kopenhagen. Trotzdem stand sie seit ihrer Gründung 1971 schon oft vor der Schließung. Zu aufmüpfig sei sie, mit ihrer Hippie-Utopie und Spielplatz-Theorie.

Mitten in Kopenhagen befindet sich das alternative Zentrum Europas

Mitten in Kopenhagen befindet sich das alternative Zentrum Europas

Christiania ist bis heute seiner Kreativität treu geblieben. Davon ist Britta Lillesöe fest überzeugt. Die Schauspielerin ist Vorsitzende des Kulturausschusses und eine der ersten Bewohner der Freistadt. Für sie ist Christiania eine Art Testzentrale für gesellschaftliche Entwicklungen. "Es ist ein Experimentarium und ein riesiger Spielplatz für Erwachsene. Und die Leute kommen hierher und gucken und staunen." Es gibt immer noch viele Experimente - ob Architektur, Theater, bildende Kunst oder einfach Lösungen für praktische Probleme: Kreativität ist überall in der Freistadt zu beobachten.

Christiania - Kind der Revolution

Hinein in die utopische Welt von Christiania!

Hinein in die Welt von Christiania!

Entstanden ist Christiania in den Tagen der ersten Hausbesetzer, erzählt Britta Lillesöe. Sie gehörte damals zur sogenannten 'Beatnik'-Generation, die sich 1965 in Kopenhagen in Häusern einquartierte, die zum Abriss freigegeben waren. "Es wurde politisch mit dem Sofiegaarden", erinnert sich Britta Lillesöe. Dieser "Sofienhof" wurde zum Ausgangspunkt der Hausbesetzer- und Squatter-Bewegung in Dänemark, ehe er und die anderen Häuser geräumt wurden.

Die aufmüpfigen Künstler und Jugendlichen mögen aus heutiger Sicht ziemlich zahm erscheinen, weil sie gewaltfrei handelten. Doch Ende der 60er-Jahre waren sie bedrohlich wirkende Revolutionäre, die weder an die Zukunft der Konsumgesellschaft glaubten, noch Interesse am privaten Eigentumsrecht hatten. 1971 wurden die ersten Hausgemeinschaften geschlossen und die Häuser abgerissen, doch schon im Sommer fiel der Zaun zum ehemaligen Gelände der Kaserne Baadsmandssträde im Stadtteil Christianshavn.

"Nimm Linie 8!"

Besucher aus der ganzen Welt kommen nach Christiania

Ob mit dem Fahrrad oder "Linie 8", Besucher aus der ganzen Welt kommen nach Christiania

Jacob Ludwigsen, ein Redakteur bei der damaligen alternative Zeitschrift "Hovedbladet" schrieb einen großen Artikel mit dem Überschrift: "Nimm Linie 8 nach Christiania", erzählt Britta Lillesöe. Auswandern nach Christiania war angesagt.

Viele kamen, manche gingen, doch insbesondere Theaterleute, Musiker, Maler, Künstler, Jugendliche blieben. Die Freistadt Christiania war geboren - und kann im Sommer 2008 ihren 37. Geburtstag feiern. Immer noch mit dem Geist von damals, behauptet Kirsten, eine Anthropologin, die 1980 nach Christiania zog. "Wir haben ja eine große Freiheitstradition, die eigentlich zurück zu den Wikingern geht", erzählt sie. "Wir können uns selbst organisieren, wir brauchen keinen von oben. Das ist sehr wichtig in einer Gesellschaft, und hier sieht man, wie es sich entwickeln kann."

Ein Dorn im Auge der Regierung

Die jetzige Regierung sieht das anders. Jahrelang war die Freistadt Christiania als "soziales Experiment“ akzeptiert, und es gab ein Gesetz, das Kostenverteilung und Pflichten festlegte. Doch als die liberal-konservative Regierung 2001 an die Macht kam, erklärte sie Christiania kurzerhand für illegal. Losgelöst von der restlichen Gesellschaft hatten die Bewohner ihr Gebiet zur EU-freien und Cannabis-offenen Zone deklariert. Allein das war für die konservativ-liberale Regierung Grund genug, fast täglich 40 bis 50 Polizisten in Kampfausrüstung in die Freistadt zu schicken.

Die Bewohner von Christiania sind häufige Polizeieinsätze gewöhnt - auch wenn es hier nur um ein Fahrrad geht

Die Bewohner von Christiania sind häufige Polizeieinsätze gewöhnt - auch wenn es hier nur um ein Fahrrad geht

Finanzielle Interessen sind natürlich vorrangige Argumente für eine Teil-Privatisierung des Geländes. Die Grundstücke gehören zu den attraktivsten in der ganzen Stadt. Die Regierung will das Gebiet nun "normalisiert" sehen, indem Grundstücke an Privatinvestoren verkauft werden sollen. Dagegen wehren sich die Christianiten, denn zur Grundphilosophie der Freistadt gehört eben, dass alle alles besitzen, und dass es keine Häuser oder Wohnungen als Privateigentum geben kann.

Das Verfahren läuft noch, doch sollte die Regierung damit durchkommen, dann sieht Preben der Schmied, der von der Freistadt aus in alle Welt Christiania-Bikes verkauft, den Anfang vom Ende gekommen. "Christiania ist ja nicht normal im herkömmlichen Sinne", sagt Preben. "Wenn man Christiania normalisiert, hat man es de facto aufgelöst."

Damit wäre der Traum der 68er zu Ende geträumt. Aber der Erfolg der Regierung ist nicht garantiert, nach 37 Jahren sind die Freistädter kampferprobt. Und Tausende von Besuchern, die jeden Tag in die Freistadt kommen, können ihre Utopie weitertragen.

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