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Europa

Eine Stadt, zwei Kontinente, zwei Brücken

Elegant spannen sich in Istanbul zwei Brücken von Europa nach Asien. Chronisch verstopft haben sie zum wuchernden Wachstum Istanbuls beigetragen. Sie sind auch Symbol für die europäischen Ambitionen der Türkei.

(Foto: AP/Osman Orsal)

Ülkü Esin wohnt auf der asiatischen Seite Istanbuls. Das Büro des Steuerberaters liegt aber in Europa. Also muss der 65jährige wie hunderttausende andere Istanbuler morgens die Uferseite des Bosporus wechseln – im zähflüssigen Verkehr über die eineinhalb Kilometer lange Hängebrücke. "Für uns ist das etwas ganz Normales von einem Kontinent zum anderen zu reisen", sagt Esin stolz. "Andere müssen dafür tausende von Kilometern zurücklegen! Wir dagegen machen die transkontinentale Reise gleich zweimal täglich!"

Die erste Bosporus-Brücke wurde 1973 eingeweiht, die zweite folgte Ende der achtziger Jahre. Beides sind Hängebrücken, gut 1,5 Kilometer lang. Fußgänger haben keinen Zutritt, auch Aussteigen und die Aussicht genießen ist auf den Brücken streng verboten. Damit sollen vor allem Lebensmüde und Demonstranten vom Brückengeländer ferngehalten werden.

Bald auch ein Bahntunnel

Eine Fähre zieht an der Kulisse der Hafenstadt Istanbul vorüber. Im Hintergrund ragen die Minarette zweier Moscheen in den Himmel

Fußgänger nehmen in Istanbul die Fähre

Noch vor einer Generation sagten die Bewohner der asiatischen Bosporus-Dörfer "Wir fahren nach Istanbul", wenn sie hinüber setzten. Heute sind diese Orte längst Teil der Metropole. Die Autos rauschen auf den Brücken in 60 Metern Höhe hin und her, in wenigen Jahren soll man aber auch durch einen Bahntunnel den 30 Kilometer langen, bis zu 120 Meter tiefen Bosporus queren können.

Dennoch plant die Regierung in Ankara eine dritte Bosporusbrücke, um dem wachsenden Verkehr Herr zu werden. Kritiker wie der Istanbuler Stadtplaner Ihsan Bilgin warnen vor den Folgen. Denn schon die bestehenden zwei Brücken hätten das Stadtbild dramatisch verändert: „Die Brücke hat die Stadt verbunden und gleichzeitig auch wieder sozial geteilt – nämlich in die alteingesessenen Bürger der Stadt einerseits und die vielen armen Zuwanderer aus Anatolien andererseits, die über die Brücke kamen und entlang der Autobahn siedelten. Weil der Strom nicht abnimmt und die Stadt immer weiter wächst, brauche man auch mehr Brücken, heißt es. Dabei sollte man doch erst einmal abwarten, wie viel Entlastung der geplante Bahntunnel bringt!“

Symbol für die türkische Außenpolitik

Die Bosporus-Brücke aus der Vogelperspektive (Foto: AP/Murad Sezer)

Von weitem bestechen die Bosporus-Brücken durch schlanke Eleganz. Doch die Brückenanwohner klagen über ununterbrochenes Verkehrsrauschen, Nerven sägende Schwingungen der Hängekonstruktion und herunterrieselnden Staub. Die meisten Autofahrer kehren abends wieder zurück in ihre Wohnviertel auf der asiatischen oder europäischen Seite. Doch das geht im Feierabendverkehr nur im Schritttempo. Trotz einer Maut von 1,80 Euro werden die Brücken täglich von fast 200 000 Fahrzeugen genutzt – Tendenz steigend.

Die Brücken sind längst mehr als eine bloße Verkehrsverbindung. Sie symbolisieren die europäischen Ambitionen des EU-Beitrittskandidaten Türkei und die Rolle, die das Land zwischen Ost und West, Christentum und Islam spielen will. Dass viele in Europa das anders sehen, bedauert Ülkü Esen, während er seinen Wagen durch den Verkehr von Europa hinüber nach Asien steuert: "Aus politischen Gründen sehen uns viele Länder immer noch nicht als Teil Europas. Unsere Gegner sollten einen Blick auf diese schöne Brücke werfen – das wird sie überzeugen. Sie ist wie ein Tor, das sich nach Ost und West öffnet!"

Autor: Gunnar Köhne
Redaktion: Bernd Riegert