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Politik & Gesellschaft

Eine Stadt gegen Kinderarmut

In Dormagen wird jedes Baby vom Jugendamt der Stadt zuhause besucht. So will man frühzeitig erkennen, ob ein Kind, das in schwierige Verhältnisse hinein geboren wurde, besonders betreut und gefördert werden muss.

Junge mit Geldschein vor dem Gesicht (Foto: Fotolia)

Freitag ist Markttag in der Dormagener Innenstadt. In der Fußgängerzone sind Kindergartenkinder und auch viele Mütter mit ihren kleinen Kindern unterwegs. Das Jugendamt kennt sie alle. Denn alle haben nach der Geburt der Kinder Besuch von der Stadt bekommen:

"Jemand vom Jugendamt kam und hat uns ein Begrüßungspaket gebracht und hat uns ein bisschen informiert über das Kindsein in Dormagen." Das Prinzip ist gut, sagen die meisten Frauen, auch wenn sie selber keine weiteren Hilfen in Anspruch genommen haben. "Das Prinzip" ist genau das, worum es den Verantwortlichen bei der Stadt Dormagen geht.

Porträt Uwe Sandvoss vom Jugendamt Dormagen (Foto: DW)

Der Präventionsbeauftragte der Stadt Dormagen gegen Kinderarmut: Uwe Sandvoss

Uwe Sandvoss arbeitet im Jugendamt. Er ist Präventionsbeauftragter der Stadt gegen Kinderarmut und gehört zu den Initiatoren der sogenannten 'Frühen Hilfen' für Familien. Ohne zu diskriminieren, will die kleine Stadt zwischen Köln und Düsseldorf sicherstellen, dass sie wenige Wochen nach der Geburt Kontakt zu jedem Elternpaar und Kind bekommt, das in schwierigen Verhältnissen aufwächst.

Herausfinden, ob Eltern Hilfe brauchen

Auch Sandvoss besucht Elternpaare zuhause und kennt die Armutsprofile und Risikofaktoren für Kinderarmut: Neben einem geringen Einkommen der Eltern gehören dazu Alleinerziehende, Haushalte mit vielen Kindern, die Überschuldung der Eltern, Geschwisterkinder mit Behinderungen sowie auch die soziale Isolation von Familien.

Ein Baby liegt weinend auf einem Kissen

Beim Baby-Besuch bietet das Jugendamt Unterstützung an

"Nach unserer Definition", sagt Uwe Sandvoss, "können wir sagen, dass jedes fünfte Kind vom Armutsrisiko bedroht ist". In Dormagen arbeiten heute alle Stellen, die Kindern helfen können, eng vernetzt zusammen: Hebammen und Kinderärzte ebenso wie Erzieherinnen. Einbezogen sind auch die Lehrer: Sie bereiten die Schulzeit der Kinder durch Einschulungsbesuche bei den Eltern vor. Prävention, also Vorbeugung, ist der Schlüsselbegriff für das Dormagener Modell.

Schon beim Baby-Besuch versuchen Uwe Sandvoss und seine Kollegen herauszubekommen, ob die Eltern Hilfe brauchen: "Ein Alarmsignal ist für mich immer, wenn eine Mutter in dieser frühen Phase alleine ist und vielleicht dann noch mehrere Kinder hat und wir nicht gut ins Gespräch kommen können."

Frühe Hilfen kosten weniger als späte Hilfen

Wie das Jugendamt früher auf Krisen reagiert hat, das hat Marina Erwin erlebt: Ihr zweiter Sohn René erkrankte im Babyalter an Epilepsie mit immer neuen Krampfanfällen, er trug eine schwere körperliche und geistige Behinderung davon. Sein älterer Bruder Dustin wurde damals auch krank. Der Ehemann konnte die Situation nicht ertragen und verließ die Familie.

Porträt der Dormagener Mutter Marina Erwin (Foto: DW)

Erst schlechte, dann gute Erfahrungen mit dem Jugendamt: Marina Erwin

Marina Erwin war verschuldet, völlig überfordert und flüchtete in den Alkohol. Als sie in Kontakt mit dem Jugendamt kam, zwang man sie, ihre Kinder abzugeben. René und Dustin wurden getrennt, sie kamen in verschiedene Pflegefamilien. "Für mich war das ein Weltzusammenbruch", erinnert sich die Mutter. "Ich habe darunter seelisch sehr gelitten, ich hatte Haarausfall und konnte nichts mehr essen." Sie erlebte das Jugendamt damals weniger als Helfer denn als Gegner. Marina Erwin war verzweifelt und wütend.

Uwe Sandvoss meint: "Wenn wir zum damaligen Zeitpunkt solche Besuche gemacht hätten, glaube ich, dass diese Familie nie in diesen Strudel gekommen wäre: Weil die Mutter sehr engagiert und sehr liebevoll ist. Und die hätte das angenommen."

Einige Jahre später geriet die Familie Erwin nach der Geburt des dritten Sohnes Leon wieder in eine schwere Krise. Diesmal reagierte das Jugendamt ganz anders. Es stellte den Kontakt zur Lebenshilfe her, die behinderte Kinder betreut und fördert. Ein Student kam jede Woche und kümmerte sich nur um René, so dass die Mutter wieder Zeit für die anderen Kinder hatte. Eine sozialpädagogische Familienhelferin begleitete Marina Erwin beim Einkaufen ebenso wie bei der Suche nach einer besseren Therapie für René.

Im Bielefelder Epilepsiezentrum konnte man ihn so gut einstellen, dass er seitdem Laufen und Sprechen gelernt hat. Marina Erwin hat positive Erinnerungen an diesen zweiten Kontakt mit dem Jugendamt: "Ich habe mich da sehr gut aufgehoben gefühlt und ich hatte meine Kinder bei mir, das war mir wichtig." Mittlerweile sind die Söhne 17, 15 und 12 Jahre alt. Mit ihrem Geld muss die Familie Erwin weiter sehr haushalten, spart bei der Kleidung und beim Essen. Marina Erwin ist aber froh, dass sie bei ernsten Problemen vom Jugendamt unterstützt wird.

Kind beim Zahnarzt (Foto: Fotolia)

Die Stadt sorgt sich auch um die Zahngesundheit

Kinderarmut und soziale Benachteiligung, sagt Uwe Sandvoss, wirken sich auf die Teilhabe an der Gesellschaft und auf den Bildungsweg der Kinder aus. Deshalb versucht die Stadt, so früh wie möglich zu helfen. Auch finanziell mache das Sinn, sagt Uwe Sandvoss: "Frühe Hilfen kosten nicht so viel wie späte Hilfen. Wenn ich am Anfang nichts tue, ist die Gefahr groß, dass ich am Ende sehr viel investieren muss." Man kann es sich gar nicht leisten, nichts zu tun, so hat man in Dormagen argumentiert. Die Stadt bietet flächendeckende Kinderbetreuung, Elternschulen und Babyclubs mit Beratung an. Sie hat Programme zur Zahngesundheit und Sprachförderung entwickelt.

Wissenschaftler bestätigen Dormagener Modell

Eigene Bewertungen und externe Evaluationen zeigen erste Erfolge, berichtet Uwe Sandvoss: "Wir können zumindest sagen, dass sich da, wo wir besonders aktiv sind in den Stadtteilen, das Bildungsprofil der Kinder langsam verbessert. Wir können sagen, dass wir bei den Inobhutnahmen der Unter-Sechsjährigen starke Rückgänge haben. Wir können sagen, dass unsere ambulanten Hilfen billiger geworden sind, weil wir früher da sind." Weitere Ergebnisse erwartet er, wenn die betreuten Kinder größer sind und an weiterführende Schulen kommen.

Kinder in der Fußgängerzone der Stadt Dormagen (Foto: DW)

Dormagen will alle Kinder auf einen guten Weg bringen

Die Studie "Kosten und Nutzen Früher Hilfen" der Universität Gießen vom Mai 2011 bestätigt den auch in Dormagen beobachteten Trend. Die Gießener Wissenschaftler ermittelten, dass die Folgekosten aus Hilfen zur Erziehung, der Behandlung von Erkrankungen, aus Straffälligkeit und Arbeitslosigkeit oder aus geringeren Schulabschlüssen im Einzelfall mindestens 60 Mal und im Extremfall bis zu 159 Mal höher sein können als die Kosten der Frühen Hilfen.

"Ich halte das Beispiel der Stadt Dormagen für einen Leuchtturm, wo eine Stadt gesagt hat, das ist unser Thema, dem wollen wir uns ganz besonders widmen", lobt auch Katharina Spieß, Professorin für Familien- und Bildungsökonomie an der Freien Universität Berlin und Forschungsdirektorin Bildung beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung das Dormagener Modell:

"Davon können andere Kommunen sich vieles abschauen." Das tun sie auch. Uwe Sandvoss und seine Kollegen haben ihr Modell den Kollegen in Stuttgart, Freiburg, Bonn und Brandenburg ebenso vorgestellt wie interessierten Städten aus der Schweiz und aus Österreich.

Autorin: Andrea Grunau
Redaktion: Hartmut Lüning

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