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Kultur

Eine Stadt beamt sich ins frühe Mittelalter

Meßkirch in Oberschwaben will den Klosterplan von St. Gallen aus dem Jahre 820 nachbauen - ohne Strom, ohne Maschinen, ohne Kaffee. Die Vorbereitungen für das Projekt "Campus Galli" laufen auf Hochtouren.

Ein Stück des großen Waldes bei Meßkirch in der Nähe vom Bodensee in Süddeutschland ist schon gerodet. Hin und wieder laufen dort Menschen in groben Leinengewändern umher und tragen Holz zusammen. Ab Sommer 2013 soll dort eine große, frühmittelalterliche Baustelle für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Der Klosterplan von St. Gallen, die älteste Bauzeichnung zwischen Antike und Mittelalter, soll jetzt als "Campus Galli" hier in Meßkirch entstehen.

Klosterplan von St. Gallen (Foto: Stadt Meßkirch)

Der Plan von St. Gallen bildet eine idealisierte Klosteranlage ab

In den nächsten 40 Jahren baut Meßkirch die karolingische Klosterstadt originalgetreu nach - mit Methoden des 9. Jahrhunderts: ohne Maschinen, ohne Strom, ohne Kaffee. Spiritus Rector ist Bert Geurten, gebürtiger Aachener, der mit seiner ehrgeizigen Idee quer durch Deutschland tingelte, bis er schließlich in der Bodenseeregion Erfolg hatte. Nun wacht die etwas verschlafene Kleinstadt, deren berühmtester Sohn der Philosoph Martin Heidegger ist, auf - und dreht die Zeit zurück ins frühe Mittelalter.

Alles Handarbeit

Schaltzentrale ist derzeit das ehemalige "Hotel zum Löwen" direkt am Meßkircher Marktplatz. Dort hängt ein Faksimile des Klosterplans, und wenn Bert Geurten erklärt, wie aus den Zeichnungen Wirklichkeit wird, leuchten seine Augen. Eine ganze Stadt soll entstehen, mit 50 Gebäuden und einer Kirche für 2000 Menschen. Im "Werkstättle", das im Erdgeschoss des "Löwen" liegt, wird schon mal geübt: Wie färbt sich die frisch gewaschene Schafswolle? Welche Weidenzweige eignen sich zum Korbflechten? Wie näht man am besten die schwere Leinenkleidung? Alles entsteht in zeitaufwändiger Handarbeit und wird von Fachleuten betreut.

Baumodell der Klosterstadt (Foto: Stadt Meßkirch)

So soll die Klosterstadt mal aussehen

Halb Meßkirch bereitet sich auf das frühe Mittelalter vor: Bäckermeister Eberhard Hauff, den alle im Ort "den Ochsenflüsterer" nennen, trainiert auf den umliegenden Höfen junge Ochsen. Sie sollen im Sommer frühmittelalterliche Karren durch Meßkirchs Wälder ziehen. Mareike Punzel beschäftigt sich seit über einem Jahr mit Pflanzen der Karolingerzeit und hat dafür einen Garten angelegt. Jochen Israel brütet darüber, wie sich am besten die Holzschindeln für die mittelalterlichen Dächer herstellen lassen. Steinmetze, Schmiede, Töpfer und Wagner überlegen, welches Werkzeug benutzt wurde, wie der Alltag im 9. Jahrhundert ausgesehen haben könnte. Bert Geurten kann sich vor Bewerbungen kaum retten. Denn das Mittelalter boomt - Mittelaltermärkte und Mittelalterfestivals gibt es allerorten. Es ist die Faszination für eine ferne Zeit, in der noch alles selbst hergestellt wurde - eben ohne Maschinen. Genau das reizt viele, die sich für "Campus Galli" bewerben.

Blick nach Frankreich

Blick auf Guédelon (Foto: Guédelon) zugeliefert von: Pia Gram

In Guédelon entsteht eine Burganlage aus dem 13. Jahrhundert

Gefragt, wie er auf die Idee kam, sagt Bert Geurten nur ein Wort: Guédelon. Die Burganlage aus dem 13. Jahrhundert liegt ca. 600 Kilometer westlich von Meßkirch im nördlichen Burgund. Seit 15 Jahren entsteht sie dort mitten im Wald - gebaut ausschließlich mit Mitteln und Methoden der damaligen Zeit. Anfangs als Spinnerei belächelt, ist Guédelon heute mit 320.000 Besuchern im Jahr ein Touristenmagnet.

Wer die Eingangssperre von Guédelon hinter sich gelassen hat, blickt auf ein großes Areal: im Zentrum eine trapezförmige Burganlage mit zwei hohen, halbfertigen Wehrtürmen. Überall wird gearbeitet, ohne Hektik, ohne Bagger, ohne Bohrmaschine. Aus einer Hütte steigt Rauch auf, ein kräftiges Ardennerpferd zieht einen Karren, der mit Steinen beladen ist. Menschen in weiten, grob gewebten Leinengewändern hämmern, klopfen, schmieden und schnitzen in ihren Werkstätten.

Gebraucht wird die Burg in der an Schlössern nicht gerade armen Region von niemandem. Aber man erhofft sich Aufschluss darüber, wie im Mittelalter gebaut wurde. Florian Renucci, Archäologe, Architekt und Denkmalpfleger, sagt, sie seien hier wohl weltweit die einzigen, die noch richtige Kreuzrippengewölbe herstellen. Er ist davon überzeugt, dass aus der Zusammenarbeit von Handwerkern und Fachleuten ein neues Wissen für unsere Zeit entsteht.

Ein ambitioniertes Projekt

Steinmetz in Meßkirch arbeitet wie im Mittelalter (Foto: Stadt Meßkirch)

Ein Steinmetz lebt den Alltag im 9. Jahrhundert

Das deutsche Projekt in Meßkirch ähnelt im Kern zwar dem französischen, ist aber viel ambitionierter. Denn hier soll nicht wie in Guédelon nur eine Burg, sondern gleich eine ganze Stadt aus dem 9. Jahrhundert entstehen. Eins möchte Initiator Bert Geurten auf keinen Fall: ein mittelalterliches Disneyland. Geplant ist "Campus Galli" als wissenschaftliches Experiment und als Besucherattraktion gleichermaßen - ein Spagat, der in Guédelon geglückt ist.

Gelder für das Projekt kommen aus dem europäischen Leaderprogramm für strukturschwache Regionen sowie von Stadt und Land. Nach vier Jahren muss Geurtens Verein "karolingische Klosterstadt" sich selbst tragen. Bei nur 120.000 Besuchern im Jahr würde es sich schon rechnen, sinniert Bert Geurten. Der 64-Jährige selbst wird die Vollendung des "Campus Galli", die voraussichtlich 2053 sein wird, nicht mehr erleben. Er fühle sich wie Moses, der das Gelobte Land zwar sehe, es aber nicht betreten werde, sagt er. Das Ziel des Unternehmens sei ja aber auch das Bauen selbst. Das ist sowohl im französischen Guédelon als auch im oberschwäbischen Meßkirch der Fall.

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