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Eine sprachliche Ämterhäufung

Man kann es bekleiden, missbrauchen oder einfach nur halten. Man geht aufs Amt und ist im Amt. Und ob Staatsamt, Hochamt oder Ehrenamt – was dabei herauskommt, ist in jedem Fall amtlich.

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Eine sprachliche Ämterhäufung

„Guten Morgen“, sagte das Fräulein vom Amt am Telefon. „Sie wollten geweckt werden?“ „Vielen Dank! Wie spät ist es denn?“, meinte der Beamte auf Probe. „Beim nächsten Ton ist es 7 Uhr“, sagte die amtliche Stimme durchs Telefon. „Nochmal gut gegangen“, dachte der Beamtenanwärter. Es geht doch nichts über deutsche Postbeamte.

Beamtenherrlichkeit

Tja, so war das noch damals in den Zeiten bevor man sich mit sanfter Musik eines Radioweckers oder dem Summen eines Mobiltelefons mit Weckfunktion pünktlich aus dem Schlaf reißen lassen konnte. Wer eine Telefonnummer brauchte oder eben geweckt werden wollte, der rief beim Fernmeldeamt der Deutschen Bundespost an. Das hatte er gemacht, unser Amtmann, denn es war ein wichtiger Tag: seine Verbeamtungsprüfung, der Beginn seiner Beamtenlaufbahn.

Ein Richter in Robe setzt seine Kappe auf Foto: picture-alliance/dpa/U. Deck

Richter genießen ein meist hohes Ansehen

Heute ist unser Mann schon ein paar Jahre in Pension, doch Ämter faszinieren ihn immer noch. Das fing schon in der Schule an. Gerne ließ er sich damals zum Klassensprecher wählen. Dieses Amt bekleidete er mehrere Jahre hintereinander. Doch er strebte natürlich nach Höherem. Sein Ziel war das Richteramt. Und das bekam er später auch. Beim Amtsgericht. Als Amtsrichter schlug er sich mit kleineren Rechtsverfahren herum, mit Ehekonflikten, Erbauseinandersetzungen und Nachbarschaftsstreitigkeiten.

Ein besonderes Dienstverhältnis

Wie alle Beamten war er ein Staatsdiener, ein „Höriger“, ein „Diener“. Das bedeutete das keltische Wort „ambactus“, eine frühe Entlehnung des Wortes „Amt“. Amt ist also gleichzeitig eine Funktion, die jemand im Dienst des Staates ausübt und das Gebäude, in dem ein Staatsdiener arbeitet.

Eine Hand nimmt Geld aus einer Kasse Foto: Patrick Pleul/dpa

Ein wichtiges Amt: Der Kassenwart eines Vereins verwaltet die Finanzen

Doch sein Amt, wie es so schön heißt, füllte unseren Amtsrichter nicht ganz aus. In der Freizeit wollte er ebenfalls dienen. Im Laufe seines Lebens hatte er immer wieder Ehrenämter inne. Er war Kassenwart im Sportverein, Vorsitzender des Tennisclubs und Schriftführer der örtlichen Karnevalsgesellschaft. Ämter faszinierten ihn und seine Freunde sprachen auch schon mal ein wenig abschätzig von Ämterhäufung. Er war vieles im Leben, doch amtsmüde war er nie.

Patronage und Faulheit im Amt

Was ihn allerdings nie interessiert hat, waren politische Ämter. Das war ihm mit zu viel Macht verbunden. Zu viele Menschen, die an ihren Amtssesseln klebten, die sie durch Ämterpatronage erhalten hatten.

wiehernder Schimmel Foto: picture-alliance/Arco Images/H. Gehlken

Beliebte Redensart, wenn die Bürokratie überhand nimmt: der Amtsschimmel wiehert

Auch den Amtsschimmel mochte er nicht. Manche Staatsdiener nahmen sich einfach zu wichtig! Nicht umsonst hatte der Ausdruck „in Amt und Würden sein“ immer auch etwas Ironisches, denn die Würde des Amtes ist oft nur Schein.

Sorgen machte ihm allerdings der schlechte Ruf des Amts und des Beamtentums an sich. Die Leute gingen davon aus, dass auf dem Amt langsam gearbeitet wurde, dass amtliche Entscheidungen schematisch und unmenschlich waren – und natürlich, dass Beamte zwar ihrem Dienstherrn verpflichtet, aber alles in allem ziemlich faul waren.

Die Beamtenlaufbahn – eine Sackgasse?

Gut, das gab es auch. Aber ist es wirklich besser geworden, seit viele Ämter aufgelöst wurden und viele ehemals staatliche Aufgaben in die Privatwirtschaft verlagert wurden? Neulich hat er von einer Straße in Norderstedt bei Hamburg gehört, die Beamtenlaufbahn heißt. Diese Straße gibt es wirklich – und sie ist eine Sackgasse. Das amüsiert unseren Beamten im Ruhestand zwar. Aber wenn er genauer drüber nachdenkt, findet er es auch ein bisschen schade.

Glossar

ein Amt bekleiden – ein Amt, eine Funktion ausüben

amtsmüde sein – keine Lust mehr haben, ein Amt auszuüben

an seinem Sessel kleben – (umgangssprachlich) einen Posten nicht aufgeben wollen

Ämterpatronage (f., nur Singular) – (aus dem Französischen) die Tatsache, dass man durch persönliche Beziehungen ein Amt erhält

Amtsschimmel (m., nur Singular) – (umgangssprachlich) übertriebene Bürokratie



Arbeitsauftrag
Lest in kleinen Arbeitsgruppen die kurze Prosageschichte: „Was soll er denn einmal werden?“ von Kurt Tucholsky: http://bit.ly/27yrmzY. Informiert euch zunächst über den Autor und die Zeit, in der er gelebt hat. Analysiert anschließend den Text und fasst ihn mit euren eigenen Worten zusammen.

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