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Kultur

Eine runde Sache

"11 Freunde" - das Magazin für Fußballkultur erscheint seit der Jahrtausendwende. Der Blick auf die populärste Sportart der Welt ist schräg. Wer sich nur für Ergebnisse interessiert, sollte die Finger davon lassen.

Das Cover des WM-Sonderhedtes des Fußball-Magazins 11 Freunde (Foto: 11 Freunde)

Sonderausgabe zur WM 2010

"Intelligent, unterhaltsam, spannend, humorvoll und verpackt in ein ästhetisches Layout", so beschreibt das '11 Freunde'-Team seine eigene Arbeit auf der Homepage. Das Selbstlob ist berechtigt, das Magazin bringt tatsächlich mehr als nur herkömmliche Spielberichte, Tabellen und endlose Statistiken. In der Rubrik 'Kurzpass' beispielweise gibt es eine Anleitung, wie der perfekte Elfmeter geschossen werden muss. Und unter der Überschrift "Die feinen Herren" wird der Leser eingeladen, hinter die Kulissen des allmächtigen Welt-Fußballverbandes FIFA zu schauen.

Unkonventionell wie das Magazin ist auch das Redaktions-Ambiente: gläserne Wände und Türen in einem gut hundert Jahre alten Industrie-Bau mit anthrazitfarbenen Stahlträgern, weiß glasierten und roten Klinkersteinen. In dieser Atmosphäre arbeiten rund zwei Dutzend Leute zwischen Mitte 20 und Anfang 40 an der monatlich erscheinenden Ausgabe von '11 Freunde'. Morgens um zehn treffen sich alle zur Stehkonferenz auf dem Flur. Letzte Informationen werden ausgetauscht, nach wenigen Minuten schon sind die wesentlichen Dinge geregelt. Chef vom Dienst Jens Kirschneck mahnt zur Eile. "Dann verlieren wir nicht viel Zeit, oder gibt es noch irgendwas Wichtiges?"

Public Viewing für gehobene Ansprüche

Wichtig kann in diesen Tagen nur eines sein: die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. '11 Freunde' hat natürlich einen Reporter vor Ort. Seine Texte werden aktuell im Internet zu lesen sein.

Elf wie an einer Perlenkette aufgereihte Fußbälle, im Vordergrund der Ball, der bei der WM in Südafrika zum Einsatz kommt (DW-Grafik: Peter Steinmetz)

Geschichte der WM-Bälle

Den Daheimgebliebenen offerieren die Magazin-Macher in Berlin und 14 anderen deutschen Städten öffentliche WM-Quartiere, wo man unter freiem Himmel gemeinsam die Spiele anschauen und mit Fußball-Experten fachsimpeln kann. Für die besonders Kultivierten gibt es ein WM-Museum. Public Viewing für gehobene Ansprüche gewissermaßen. Biertrinken ist trotzdem erlaubt. In dieser Hinsicht verstehen sich die '11 Freunde' und ihre lesenden Anhänger als ganz normale Fußball-Fans.

WM-Bälle seit 1930 auf einen Blick

Die Hefte allerdings sind schon anders. Wo sonst kann man beispielsweise eine Geschichte über das Spielgerät als solches lesen, also über den Ball, illustriert mit ganzseitigen Fotos sämtlicher Lederkugeln, die bei den Weltmeisterschaften seit 1930 zum Einsatz kamen? Es ist das Ursprüngliche des Fußballs, das '11 Freunde'-Chefredakteur Philipp Köster im modernen durchkommerzialisierten Fußball-Geschäft vermisst.

Ein weiblicher Fan inmitten einer riesigen Menschenmasse hält seinen Deutschland-Schal in den Farben Schwarz, Rot und Gold in die Höhe. (Foto: AP/Markus Schreiber)

Public Viewing der herkömmlichen Art - für wahre '11 Freunde'-Fans zu niveaulos...

Das Spiel selbst - die 90 Minuten auf dem Rasen - sei nicht mehr das Wichtigste, sondern das ganze Brimborium drum herum, bedauert er. "Man hört die Fan-Gesänge nicht mehr, weil sie durch Bumsmusik aus dem Lautsprecher übertönt werden." Der Fußball sei zu einem Event gemacht worden. "Das ist Fußball-Unkultur", wettert Köster. Und dagegen kämpfe man mit dem Magazin wacker an.

Ahnen-Galerie der "Torheiligen"

Anlässlich der Fußball-WM in Südafrika ist ein Sonderheft erschienen. Die knapp 200 Seiten sind mehr Rück- als Ausblick. Da gibt es Portraits erfolgreicher Stürmer, sogenannter "Torheiliger" wie Mário Zagallo, der 1958 beim ersten Titel-Gewinn Brasiliens ins Schwarze traf. Deutscher Vertreter in dieser Ahnen-Galerie ist Gerd Müller, der mit 68 Toren und 62 Länderspielen als "Bomber der Nation" in die Geschichte einging.

Und weil es so ganz ohne Namen und Nummern dann doch nicht geht, liegt dem Sonderheft ein Booklet im Postkartenformat bei, in dem die Aufgebote aller 32 WM-Teams und der komplett Spielplan abgedruckt sind. So ist der anspruchsvolle, zuweilen vielleicht auch ein bisschen eingebildete '11 Freunde'-Leser jederzeit in der Lage, dem vermeintlich gemeinen 'Sportbild'-Leser das Wasser zu reichen.

Ein Schuss Ironie ist beim Magazin für Fußballkultur fast immer im Spiel. Oberstes Gebot einer jeden Geschichte müsse aber sein, dass sie zu Herzen geht, sagt der Chefredakteur. Grundsätzlich werde der Fußball bei '11 Freunde' sehr ernst genommen, meint Philipp Köster, vielleicht sogar zu ernst.

Ist Arminia Bielefeld wirklich so wichtig?

Zwei Bielefelder Spieler in dunkelblauen Trikots bejubeln ein Tor (Foto: dpa / Friso Gentsch)

Oft spannender als Politik...

"Wir ahnen im Inneren unseres Herzens natürlich, dass es ein ziemlicher Quatsch ist, wenn wir das Wochenend-Ergebnis von Arminia Bielefeld für wichtiger halten, als die Bundestagswahlen oder ob gerade ein Bundespräsident zurückgetreten ist", gesteht Köster. Aus dieser Selbsterkenntnis entstehe dann Ironie, weil man den eigenen Wahnsinn oft gar nicht aushalte und dann versuche, sich mit Humor ein bisschen Erleichterung zu verschaffen.

Der typische Leser des Magazins für Fußball-Kultur ist überwiegend männlich, zwischen 20 und 35 Jahre alt und überdurchschnittlich gebildet. So steht es jedenfalls auf der '11 Freunde'-Homepage. Ganz aktuell sei diese Analyse aber nicht mehr, räumt Chefredakteur Köster ein. Die Leser der ersten Stunde seien inzwischen älter. So oder so sei es an der Zeit, verstärkt Leser anzusprechen, die mit den 80er Jahren nicht mehr so viel anfangen könnten. Einer Zeit, in der Köster & Co. "fußballsozialisiert" wurden, wie er selbst sagt.

Schnauzbärte und Baumwoll-Trikots

Portrait des Fußballspielers Paul Breitner mit Oberlippenbart und in einem gelb-blauen Trikot von Eintracht Braunschweig, für die er Ende der 1970er Jahre kurze Zeit spielte

Paul Breitner Ende der 70er

Ästhetisch dominierten damals Spieler mit Schnauzbärten, es gab die allerletzten Baumwoll-Trikots und Fußball-Weise vom Schlage eines Paul Breitner erklärten die Wahrheit auf dem Platz. Der Weltmeister von 1974 tut das heute noch. Nach aktuellen Fotos des ehemaligen Bayern-Stars wird man im Magazin für Fußballkultur aber lange suchen müssen. Historische Aufnahmen hingegen, oft in Schwarz-Weiß, ziehen sich wie ein roter Faden durch die '11 Freunde'-Optik.

Eine taktische Maßnahme, verrät Kommunikationsdesignerin Sabine Kornbrust, die federführend für die Gestaltung des Magazins zuständig ist. "Gerade diese Fotos, die wir aus der Mottenkiste holen, sind ein Garant für große Resonanz." Die Leser würden solche Bilder lieben. Die finde man normalerweise auch nicht in Fachblättern wie dem 'Kicker', meint Kornbrust. Für ’11 Freunde‘ sei der Charme dieser Fotografie, die es in der Form heute nicht mehr gebe, ein prägendes Stilelement, sagt die Chefgestalterin.

Fotos von "verrückten Sammlern"

Schwarz-weiß-Bild aus dem Jahre 1974: Paul Breitner im Laufduell mit dem Italiener Sandro Mazzola (Foto: dpa)

Als die Bilder noch farblos waren: Paul Breitner (r.) und der Italiener Sandro Mazzola

Bei der Suche nach dem passenden Bild sind oft geradezu detektivische Fähigkeiten vonnöten. Klassische Archive sind nur eine Quelle. Fündig werden Sabine Kornbrust und ihre Kollegen oft auch bei "verrückten Sammlern und in den Alben der Fußballspieler".

Bei aller Extravaganz, die sich das Magazin für Fußball-Kultur zu Gute hält, in einem Punkt sind die '11 Freunde' mindestens so einseitig wie die etablierte Konkurrenz: Die Redaktion besteht nur aus Männern. Die Frauen kümmern sich um Bilder, Projekte und den Verlag. Chefredakteur Philipp Köster gibt sich problembewusst. Leider würden sich auf freie Stellen kaum Frauen bewerben. Weil das so ist, macht die '11 Freunde'-Redaktion aus der Not eine Tugend. "Wir versuchen als Männer, den weiblichen Standpunkt mitzudenken", sagt Köster augenzwinkernd. Das ist dann wohl ein rhetorischer Volltreffer. Mit anderen Worten: die Kerle bei '11 Freunde' halten sich für Frauen-Versteher... Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Petra Lambeck

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