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Amerika

Eine Reise mit dem "Todeszug"

Viele lateinamerikanische Frauen arbeiten in den USA - und lassen dafür ihre Kinder zurück. Die begeben sich oft auf eine gefährliche Suche. Die amerikanische Journalistin Sonia Nazario hat sie dabei begleitet.

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Ein allein reisender Junge auf der Suche nach seiner Mutter, die illegal in den USA arbeitet

Es beginnt mit einem harmlosen Smalltalk: Die amerikanische Journalistin Sonia Nazario fragt ihre Putzfrau, ob sie sich denn Kinder wünsche. Die sonst so lebensfrohe Carmen aus Guatemala bricht in Tränen aus und erzählt, dass sie bereits vier Kinder habe. Um in den USA arbeiten zu können, musste sie ihre Kinder in Guatemala zurücklassen. Schon seit Jahren hat Carmen sie nicht mehr gesehen. Das sei ein Schock für sie gewesen, erzählt Sonia Nazario während ihres Eröffnungsvortrags anlässlich des Theaterfestivals "Your Nanny Hates You!" im Berliner Hebbeltheater. "Was müssen das für Umstände sein, die eine Mutter dazu bringen, ihre Kinder zu verlassen, über 3000 Kilometer weit weg zu gehen und nicht zu wissen, wann sie ihre Kinder wiedersieht?"

Sehnsucht nach der Mutter

Ein Jahr später holt Sonia Nazario das Thema erneut ein, als plötzlich Carmens Sohn vor ihrer Tür steht. Alleine hat er sich auf den langen Weg in die USA gemacht - so groß war seine Sehnsucht nach der Mutter. Über ihn erfährt Sonia Nazario von den vielen Kindern aus Lateinamerika, die sich auf die Suche nach ihren Müttern in den USA machen. Das Schicksal dieser Kinder lassen die Reporterin der Los Angeles Times nicht mehr los. Sie will mehr über darüber erfahren - und kontaktiert Kirchen und Hilfsorganisationen in Mexiko. Eine Recherche, die für Sonia Nazario von nun an zum Lebensmittelpunkt wird.

Migrantenkinder Mexiko Flash-Galerie

Die Reise mit den Güterzügen bringt die Jugendlichen an ihre körperlichen Grenzen

Sonia Nazario reist nach Honduras und Mexiko. Dort erlebt sie die Armut der Familien und die Verzweifelung vieler Mütter, weil sie kein Geld haben, um ihre Kinder zu ernähren. Diese Ausweglosigkeit treibt die Mütter dazu, in den USA Arbeit zu suchen. "Die Entscheidung, ihre Kinder zurückzulassen, fällt den Müttern unglaublich schwer", erzählt Nazario, "aber sie vertrösten ihre Kinder und sich selbst damit, dass es nur für eine kurze Zeit sei." Doch aus den geplanten wenigen Wochen würden oft mehrere Jahre. Denn nur selten verdienen illegale Einwanderer in den USA schnell viel Geld. "Viele Kinder können diese Trennung nicht ertragen", sagt Nazario. Um ihre Mutter endlich wieder zu sehen, würden sie sich auf eine lebensgefährliche Odyssee begeben. Ohne Geld bleibe den Kinder nur ein Weg in die USA – eine Reise auf den Dächern der Güterzüge, die die Kindern auch "El Tren da la Muerte", den Todeszug, nennen.

"El Tren da la Muerte" – der Todeszug

Migrantenkinder Mexiko

Ende der Reise: ein 13-Jähriger und ein 17-Jähriger Migrant werden in Tapachula von Grenzbeamten festgenommen

Die Reporterin Sonia Nazario entschließt sich, eben diese Reise zu dokumentieren. Genau wie die Kinder klettert sie auf Güterzüge und reist drei Monate durch Mexiko. Sie lernt Kinder kennen, die oft nur mit dem reisen, was sie am Körper tragen - und mit einem kleinen Zettel mit der Telefonnummer ihrer Mutter, sorgfältig eingepackt in ein Stück Plastik, damit bei Regen die Tinte nicht verschmiert.

Tagsüber ist es so heiß, dass die Kinder das Gefühl haben, unter der Sonne zu verbrennen. In einigen Teilen Mexikos wird es nachts jedoch so kalt, dass sie sich aneinanderschmiegen, um nicht zu erfrieren. Außerdem quält sie Hunger und Durst, manche sind so schwach, dass sie vom Zug fallen. Doch die größte Gefahr sind Überfälle von Banditen. Obwohl die Kinder nur selten Geld oder irgendetwas Wertvolles besitzen, müssen sie jede Nacht gewaltsame Übergriffe fürchten.

Migrantenkinder Mexiko

Um an die Grenze zur USA zu gelangen, reisen Migranten auf den Dächern der Güterzüge durch Mexiko

Dennoch erlebt Sonia Nazario auf ihrer Reise auch schöne Momente: "Ich erinnere mich noch gut an eine Nacht in Südmexiko. Alle Migranten sangen, um sich wach zu halten. Denn wenn du wach bleibst, ist es einfacher, die Angriffe der Banditen zu überleben. Es war vier Uhr morgens, alle sangen, und plötzlich fuhren wir durch eine Wolke von Millionen von Glühwürmchen. Es war einfach magisch - es war beides gleichzeitig: wundervoll und erschreckend."

Zurück in den USA lassen sie die Geschichten der Kinder und die Reise mit dem Todeszug nicht mehr los: "Ich hatte nächtelang Albträume von den Übergriffen der Banditen, die ich ja auch mitbekommen habe, und musste deswegen auch in Therapie. Aber das ist natürlich gar nichts verglichen mit dem, was diese Kinder durchmachen." Um das Schicksal dieser Kinder geht es der Reporterin, "damit die über 12 Millionen Illegalen in den USA nicht nur als Bedrohung, sondern als Menschen wahrgenommen werden." Für ihre Reportagen in der Los Angeles Times wurde Sonia Nazario mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Ihr Buch „Enriques Journey“ wurde zum Bestseller. Viel wichtiger sei aber für sie, dass sie sehr viele Emails und Briefe von Lesern erhalten habe, die spontan spenden oder gar eine Hilfsinitiative gründen wollen, sagt Sonia Nazario.

Autorin: Nadine Wojcik

Redaktion: Anne Allmeling